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East/West-Electronica-Rundschau

Die Compilation des Budapester Labels Bitlab Records versammelt auf »Polyphonic Petals« (www.bitlabrecords.com) wunderhübsche Dreamscape-Sounds, die eine Ahnung von Dub geben, doch wirken die tiefen Frequenzen eher nur aus dem Hintergrund. Traumwandlerische Melodien werden mit etwas Knarzen, Knacksen, Bleeps und kräftigen Beats unterfüttert, ohne dass die glückselig machenden Harmonien Schaden leiden. Merken Sie sich unbedingt die Vectorlovers und auch die vier ungarischen Acts Cooler, Tigrics, Soutien Gorge, Hdj Tom können sich durchaus messen mit Produzenten wie Strategy. Dessen »The Sea Is So Cold« hat übrigens Soutien Gorge in wundersam-hymnische Sphären geremixt. Ein Sampler zum Abheben in andere Daseinszustände, fürwahr! Strengere Funktionsharmonik gefällig? Diese besorgt POO mit »Flourescent« (www.11fingersrecords.com). Der slowakische Elektroniker schichtet auf dem Prager Label irrlichternde Klänge, die mal nach Weltraum, dann wieder nach Kühlschrank und später nach Fabriksgeräusch tönen. Summa Summarum sehr stimmig inszeniert – kommt relativ entspannt mit ideenreich montierten, nur entfernt industrialized Sounds und nicht mit Querschlägern nervend, sondern gegen Ende sogar versöhnt im Dronemelody-Überschwang.

Electronica-Neo-Klassik aus Polen und Finnland

Nicht umsonst handelt es sich bei See You Soon Records um eine Kooperation mit Superlinear/Mille Plateaux: DAWID SZCZESNY ediert auf »Unheard Treats« ätherische und doch gebrochen-fragil anmutende Sounds. Eingangs etwa überlagern simpel mäandernde dekonstruiert-verzerrte Keyboardmelodien, um die herum leichte Knarzgeräusche und ein Sirren schweben. Irgendwie stellt sich Szczesny als moderner Satie heraus, der pianistische Melodiefragmente zart zerhäckselt. Die zurzeit wunderschönste Musik des Planeten atmet, duftet, schafft traumverloren Atmosphäre. In the mood for relaxing at a highest level! Und nach einem Besuch in Wroclaw/Breslau, wo Szczesny lebt, hab ich noch die »Snow Beetroot/stapes I-III«-EP (www.1pt8.com) aus 2005 erhalten: Die Mini-CD entfaltet über 21 Minuten wiederum chilliges Flirren und auf dem Opener macht eine von Dawid Bargenda gespielte Akustikgitarre auf Schwermut. Daseinsverlorenenheit rules. Absolute Sonntagsmusik!

Bleiben wir bei Electronica meets Klassik und irgendwie droney Produktionsweise: ES ist das Projekt von Sami Sänpäkkilä und seine vierte Veröffentlichung »Sateenkaarisuudelma« (www.kraak.net) ist ein gar wundersames Doppelalbum. Auf CD1 schwingen sich Orgeldrones in lichte Höhen und tropfende Pianoklänge rieseln in hypnotisch repetitiver Manier, darunter branden Meereswellen, schwellen multilayered Cello- und Klavierakkorde, pfeifen Flöten und kurz bäumen sich Saxkaskaden auf. Fantastische Grandezza, Gänsehaut erzeugend! CD2 birgt zunächst ein Quartett mit US-Musikern, die mit Cello, Gitarre & Effects und Keyboard versponnenen Irrsinn darbieten: Unglaublich, wie sich diese im Verein mit den ätherischen Chorstimmen von Tara Burke und sinistren Glockenklängen zu einem 20-minütigen Free Jazz-inspirierten Meta-Ereignis steigern. Wäre die Welt gerechter, würde solch grandiose Musik im Radio gespielt werden und wäre nicht ein Randphänomen mit 600 CDs in limitierter Auflage.

From Dekorder to 12k

BLACK TO COMMs »Rückwärts Backwards« (Dekorder) – mit Katzenkopf am Cover! – hebt an mit wespenähnlichem Summen. Dahinter verbirgt sich Labeleigner Marc Richter, der ebenso ein Spezialist für das Anschwellenlassen von Loops ist und diese zu unsagbar schönem Noise aber auch Wohlklang verdichtet und in Track 5 Minimal Music-ähnliche Dimensionen erklimmt. Die Fourth Dimension ist nichts weniger als ein Label, auf dem u.a. ANDREW LILES mythische Soundscapes veröffentlicht. »In My Father’s House Are Many Mansons« trägt zwar seinen Namen, jedoch wagen 15 Remixer aus dem britischen Experimental-Underground Neuinterpretationen. Darunter so illustre Acts wie Nurse With Wound oder The Hafler Trio, die in galaktische Sphären vordringen. Obwohl etwa Band of Pain auch heftiger zugange ist, ergibt das doch ein recht überirdisch schillerndes Spektrum, das ganz dem Naturell des Schöpfers Liles entspricht. Für eine größere Herausforderung sorgt Dave Clarkson, der als ILLUMINATI einen zwar recht trockenen Sound auffährt, jedoch fahren unruhig zischelnde, flatterhafte Töne aus den Boxen. Diese sorgen für konstante Irritation, sodass eben die melodiöseren Partikel, die Kontemplation ausbreiten wollen, nicht ganz zur Geltung kommen. Bezeichnend auch, dass das CD-Cover eine heruntergekommene Häuserfront schmückt. Illuminatis drittes Album »Searching For The New Land« (www.newsense-recordings.co.uk) ist tatsächlich eine Aneignung von neuem Territorium, denn der Brightoner, der u.a. für Brian Lavelles techNOHseries und Resoncance FM veröffentlicht, schafft es locker, Aufmerksamkeit einzufordern. Belohnung gegen Ende: Ein Loop poppt in ein elegant-cooles Ambient-Outro. EARZUMBA gestattet eine noch luxuriösere Klangreise, wo etwa Schreie, Rufe in ein dichtes Schauerspiel mit gespenstischen Industrial-Soundscapes gedrängt werden, welches übergeht in einen dronemächtigen Schwebezustand. (»With Their Great Heroes«). Und sozusagen intergalaktisches Absterben kulminiert schließlich in einem Partygesprächsfetzentohuwabohu: »Celebrating Together«. »Simulando Un Refugio« (www.oldgold.org) ist eine reife Leistung des nun in Spanien lebenden argentinischen Elektroakustikers. R. Vitali aka FLOATING MIND gestaltete mit »Deep Visions« (Urgence Disk Records/ electrodark@bluewin.ch) sein erstes Electro-Ambient-Album. Die Betonung liegt auf Ambient mit darkem Einschlag. Und Flotating Mind sagt sehr schön aus, dass die Sounds es nicht eilig haben, sondern Vitali diese genüsslich dahinwabern lässt. Ganz angenehm, kratzt die Kurve vor dem Kitsch. Sprich: Synthieschwaden rollen zwar durchs Sonnensystem, werden aber durch tiefe Bässe geerdet.

Steter Klang höhlt den Verstand: TAYLOR DEUPREE dockt zwar leicht in Minimal Music-Gefilden an, schafft aber dank geloopter Field Recordings, die mit Melodica, Gitarre und vor allem improvised Piano in eine Oase der Ruhe zerfließen, eine ganz eigene Atmosphäre. In dieser muss man sich mal zurecht finden und kommt dann via CD-Cover drauf, dass Deupree die Stille eines verschneiten Waldes inspiriert hat. Trotz Kälte herrscht ein melancholisch warmer Flow, den Noisesprengsel konterkarieren und somit ein klein wenig Unfrieden ins recht beschauliche Klangbild hieven. »Northern« (www.12k.com) klingt betörend und immerhin gleichzeitig ein bisschen verstörend.

Japanese Kitsch

GUITAR ist das Gitarrensounds gewidmete Projekt von Michael Lückner aka Digital Jockey/Computerjockeys. Nach My Bloody Valentine und Bluegrass- und Hillbillybanjos kümmert er sich um den Sound von Koto- & Pipagitarren. Auch auf »Tokyo« (www.onitor.de) geht es um Schichten/Überlagern, womit eine leicht hypnotische Wirkung erzielt wird. Insgesamt wirkt das halt etwas brav, wenngleich doch sehr japanisch: very easy to listen to. Also kümmern wir uns um weitere Kitschmeister aus Nippon: Noble Records (www.noble-label.ne
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/ A-Musik) hat sich da besondere Verdienste erworben und KAZUMASA HASHIMOTO legt gleich mit »Gllia« los. Melancholische Kitschwogen umfloren den Hörer, und wieder einmal paart sich Electronica mit zahlreichen akustischen Instrumenten. Als da wären Marimba, Strings, Gitarre, Klarinette und Drums. Fast zu schön klingt das, und eine Nummer hat gar die Traurigkeit eines Nick Cave-Songs inne, schwelgt aber mit Stringarrangement in opulenter Sülze.YASUSHI YOSHIDA, der ansonsten für Tanzensembles und Filme Musik schreibt, neigt auch dem Schönklang zu, jedoch etwas weniger offensichtlich. Also hören wir etwas versteckt Alltagsgeräusche, sanft programmierte Beats, die sich mit lyrischen Streicherarrangements, verträumt-verhalltem Piano, sanft angeschlagener Gitarre, breitwandigem Cello und verspielt hüpfendem Xylophon ergänzen bzw. verschmelzen. »Secret Figure« (Noble), das erste Album des 28-Jährigen aus Osaka, der schon mit Pan American kollaboriert hat, ist Ekstase in Moll. Kann glücklich machen. File under: Electronica-Neo-Klassik (siehe oben). Dieses Etikett muss auch TAKAGI MASAKATSU verpasst werden. »Journal For People« (www.carparkrecords.com) tauft er sein hehres Vorhaben, das Alltagsleben von Leuten aus aller Welt, die er aufsucht, zu recorden und dank seiner Bearbeitung mit mehr Glanz aufzupolieren. Die CD, ursprünglich veröffentlicht auf Daisyworld Records, das Hosono, einem Yellow Magic Orchestra-Mitglied gehört, ist auch eine DVD beigesellt. Mit tollen Filmgrafiken, etwa im Opener

»Birdland«, wo sich sprichwörtlich und bildlich Birds On The Wire sammeln. Und »Light Park« findet die Entsprechung im Karussell-CD-Cover. Die Musik selber ist ein Kreisel. Großartig, wie sich hier ein Klavier in tiefen Registern mit repetitiven Ambientloops reibt. Und ein Folgetrack tönt kontemplativ à la Philipp Glass mit nett flackernden Negativen. Tja, zwischen den Konstanten Glass und Michael Nyman perlen die pianogetriebenen Kleinode und doch ist infolge digitaler Melodienzusätze ein gravierender Unterschied zu den Minimal Music-Komponisten zu konstatieren. Etwas vitaler, wenngleich vielleicht kitschiger kommen die Sounds. Nicht gar so statisch und das will was heißen.

Im Schwermut-Wald spaziert PILLOW, der sonst als Luca Di Mira den Keyboarder bei Italiens Postrockband Giardini di Miró gibt. Diese schimmert nur wenig durch, denn Elegie macht sich gern breit in den »Flowing Seasons« (www.2ndrec.com/Hausmusik). Nur spärlich sät ElectoHopper Populous Beats, hauptsächlich werden auf echten Instrumenten und mit Gesang Harmonien breit gewalzt, dass es eine Freude ist. Kulminieren tut das im elendig-schönen, streichergetränkten Schwermut-Popsong »Mixologists And Waits«.

Abstract HipHop?

Erster Gedanke bei DEPTH AFFECTs »Arche-Lymb« (www.autresdirections.net/inmusic): Wieder so ein Art Abstract HipHop-Album, weil doch zu Beginn die HipHop-Schiene forciert wird. Doch immer wieder wird das Phette rausgenommen – weicht das Forsche einer Laid-Back-Lässigkeit. Wiederum Electronica, wo Akustikgitarre und Keyboardschleifen eingeschleust werden. Fazit: liebliche Elektronik rules, drängend dargebrachte Raps nerven etwas. Ganz anders klingt THE CONSIDERATE BUILDERS SCHEME mit »Exit To Riverside« (Combination Records). Der in Kapstadt/Südafrika lebende Justin de Nobrega hat als Seven Ark schon einige IDM-Alben veröffentlicht und kreiert Zwar-doch-irgendwie-HipHop, nicht abstrakt, sondern weitergedacht, in funky tanzende Elektronik verwandelt. Hoppende Hüpfer wie »Busted« bezeugen dies, denn der Urbeat ist noch da. Dass Rhymes fehlen, macht gar nix, denn Nobrega bastelt lieber sowas wie Sing-A-Long-Instrumentals (!), die durchaus Melodie haben und kicken, wenn noch ein Streichersample hineinbugsiert wird.

Nach Depth Affect der nächste französische Act: www.annexia-net.com ist in Toulouse beheimatet und schickt die CD »Vogelstad« des 18-Jährigen Bertrand Fraysse. DUX nennt er sich und ist sogar schon auf der Compilation »Landscape 2« von Shansui Records vertreten, worauf auch ein Track von Carsten Nicolai zu finden ist. Vorbilder sind vielleicht Aphex Twin und Kid 606, doch niemals geht es Dux hektisch an. Verträumte Schlafzimmermusik (im doppelten Sinne vielleicht auch dort gefertigt) ist das, denn gefällig und zart schlängeln sich synthetische Melodien entlang strengerer Rhythmusfassade, wobei die Beats eher hatschert dahinschleichen, was sehr sympathisch rüberkommt. »Stase« aber franst dann doch in elektoakustischeren Weltenraumklang aus, ein Hinweis, dass sich Dux in Zukunft vielleicht doch mehr realtime improv electronics widmen wird.

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Text
Alfred Pranzl

Veröffentlichung
08.08.2006

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