A Certain Ratio

Early

Soul Jazz

Nach dem Sampler »In The Beginning There Was Rhythm« war klar, dass da noch mehr nachkommen würde. Wobei die 1978 in Manchester gegründeten A Certain Ratio in mehrfacher Hinsicht eine gute Wahl darstellen. Mit ihrem unterkühlten Funk plus fast schon steif-zurückhaltendem Gesang, der besonders in der Frühphase nicht selten an Factory-Label-Kollege Ian Curtis erinnert, präsentierten sich ACR als sozusagen fetzige Alternative zu Joy Division. Parliament/Funkadelic statt Velvet Underground, wie in Interviews ja immer extra betont wird. Wobei man sich bei Tracks wie »Do The Du« oder »Flight« in Sachen Disco-Existentialismus dann doch wieder sehr nahe kommt. Als »Afro-Rock« bzw. Talking Heads »nur ohne die schönen Melodien« bezeichnete jedenfalls Michael Ruff in einer »Sounds«-Review im Juni 1981 das Sound- und Rhythmus-Gebräu auf der ACR-LP »To Each…«. Grund dafür war die endgültig vollzogene Abkehr vom damals typischen Factory-Sound hin » zum totalen Getrommel«. Also jenem Charakteristikum, wegen dem ACR jetzt wieder im Gespräch sind. Das gefiel 1981 besonders gut, wurde dann aber gleich im März 1982 von Ruff als»stilistische Unentschlossenheit« unter allen Vorzeichen postmoderner »Anything goes«-Praktiken abgehandelt. Was ACR als Vision wie als Problem dann auch heute wieder einigermaßen auf den Punkt bringt. Verstanden sich ACR doch gleichermaßen als ausufernder Live-Act wie als (lebendige) Disco-Maxi, bei der in Sachen Ekstase schon mal über das Ziel hinausgeschossen werden kann. Und auch muss, will man etwas Neues finden. Also gibt es gerade dort, wo in den 80ern bei ACR »Unentschlossenheit« festgestellt wurde einiges zu entdecken. Etwa unglaubliche Jungle/Drum & Bass-Futzel (in den frühen 80ern!) beim Intro zu »Glum« (das tonbandmanipulierte Vocal-Sample im Song haben sich später Union Carbide Productions für »Ring My Bell« ausgeliehen), handgespielter Electro (»Life?s A Scream«) im – zugegeben – very cleanen 80ties-Style sowie Brazil-Aneignungen wie »Skipscada« jetzt als auch als Missverständnisse goutiert und partytechnisch genossen werden können. Es mag an der Auswahl der Tracks liegen, dass die Gefahren des perkussiven Muckertums, eines grenzenlosen »Too Much Too Soon« wie einer überbordenden Importpolitik, die bei ACR durch so gut wie fast nichts reguliert wurde, nicht so stark zum tragen kommen. Zum Jazz-Rock hinmutierende Tracks wie »Sounds Like Something Dirty« reichen da schon als böse Ahnung. Weshalb besonders die zweite CD mit »B-Sides, Rarities & Sessions« (John Peel 1979 & 1981) Einblicke eröffnet, die u.a. auch den Referenzkosmos von aktuellen Bands wie Sand (23 Skidoo, The Pop Group, Gang Of 4) um die Koordinate ACR erweitern können. Dennoch muss das alles auch als Dokumente eines Scheiterns gelesen werden, denn die Larven von so was wie Nu-Jazz-Gefrickel sind bei ACR (besonders in der Spätphase) schon munter am herumsaugen.