/DL/MS/

Calanhi

Trust/Clone

»Calanhi« ist das Debütalbum der beiden Techno-Urgesteine Dan Lodig und Martin Sovinz. Während ersterer schon Anfang der 1990er-Jahre Technoraves in Wien und Umgebung beschallte und seit vielen Jahren das Pomelo-Label betreibt, ist letzterer unter dem Alias Dibek und seiner Zusammenarbeit mit Gerhard Potuznik und Tin Man als Group Niob bekannt. Die Anfänge des Genres, in dem sich /DL/MS/ bewegen, reichen allerdings deutlich weiter in die Vergangenheit: Ausgehend von Kraftwerk entstand zu Beginn der 1980er-Jahre in Detroit und anderen US-amerikanischen Städten Electro Funk, Hymnen wie etwa Cybotrons »Cosmic Cars« stammen aus dieser Zeit. Überraschung: Im direkten Vergleich fehlt /DL/MS/ die rohe Direktheit des Sounds. Doch kann man derartige Vergleiche überhaupt ziehen? Das Grid von »Calanhi« ist jedenfalls gut aufgelöst, sehr liquide oder wie man das Zeug nennt; egal, es schafft Raum: unten ein Spannteppich aus Bass, auf halber Höhe flirrt die Luft und oben an der Decke hängt eine defekte Neonröhre, die dem Geschehen ein paar Schatten und etwas Unberechenbares verleiht. Trotzdem entbehrt nicht einer gewissen Ironie, welche Rolle die Postproduktion für das Genre mittlerweile spielt. Früher wurden viele Tracks direkt vom DAT ans Presswerk geschickt, ganz ohne Mastering. Im Club funktioniert das, solange der Kompressor am Anschlag ist. Doch wir haben 2022 und wer geht noch in den Club, um Electro zu hören? Instant per Bluetooth macht man das heute. Ohne Mastering und die entsprechende Loudness geht da leider nichts. Und so richten sich /DL/MS/ im Hier und Jetzt gemütlich ein. Ich denke an Picknickdecken und Boxentürme auf der Donauinsel: öffentlich, aber doch auch ein wenig privat; stadtnah, und doch schon im Grünen. Dabei gehen viele gute und auch knifflig-überraschende Momente auf, welche das Publikum bei Laune halten. Manchmal wirken die beiden aber auch unentschlossen: Pop und Rave ist eben eine enge Kiste, die sich nur selten ausgeht. Ich finde daher, dass mehr Entschlossenheit dem Album gutgetan hätte. Stücke wie »Buclandia« zeigen, wohin die Reise gehen könnte. Die hoffentlich zahlreichen Live-Auftritte von /DL/MS/ werden dieses Manko aber wieder wettmachen. Sollte der Kompressor gut eingestellt sein, werden /DL/MS/ dabei auch die nötige Grittyness wiederfinden.