Marcus Maeder

»Die Wunschmaschinen«

domizil

Deleuze/Guattari zum Nachhören: In diesem, zusammen mit dem Institut für Computermusik und Soundtechnologie der Zürcher Hochschule realisierten, schwerst ambitionierten Hörspielstück versucht sich der Berner Soundkünstler Maeder (RM74) an nichts weniger als einer Vertonung des 1972 erschienen »Anti-Ödipus«. Betrachtet man den Einfluss dieser Schrift — und besonders des zweiten Teils »Tausend Plateaus« –, lässt sich mindestens fragen, warum es so lange dauerte, dieses postmoderne Pop-Diskurs-»Referenzbuch« in Ton zu fassen. Indem die Wunschmaschinen in einen maschinell vermittelten Theaterraum — Radio, Computer — verlegt werden, fallen die gestalterischen Gesten der Wunschmaschinen mit ihrer medialen Ausprägung zusammen. Maeder tappt dabei nicht in die Falle eines musikalischen Eklektizismus, sondern weißt der Musik eine Art Komparsenrolle zu. Freie Audiosamples von Kraftwerk, Velvet Underground, Nick Cave und Wagner sind von der Auswahl her im Prinzip genauso vorhersehbar wie das Auftreten von Charakteren wie Guy Débord, Freud, Artaud, Chtcheglov oder Sacher-Masoch.

Nichts desto trotz — oder gerade deswegen — bietet »Die Wunschmaschinen« eine kompakte Zusammenfassung devianten Detournement-Wissens aka »Schizo«-Taktiken im Laufe der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts und im Speziellen nach 1968 mit einer schier unüberblickbaren Fülle an Fährten, Spuren und Wegkreuzungen. Dafür wurde die Psychiatrische Uniklinik Zürich genauso zu Rate gezogen wie das Studio für akustische Kunst des WDR. Dass die Verlage Merve und Suhrkamp auf der Dankesliste stehen, verwundert da nicht weiter. Ein übersichtlich gestaltetes Menü führt durch die verschiedenen Themeneinheiten dieser DVD ohne Bilder.

Gleich im ersten Kapitel geht es in die situationistische Psychogeografie, Maschinen und organlose Körper bevölkern die nächsten Abschnitte. »Leben mit Pop« führt das Postulat Débords weiter, den Alltag als künstlerischen Akt zu begreifen. Maeder gelingt es, den rhizomatischen Ansätzen von Guattari/Deleuze habhaft zu werden und diese unter den programmatischen Vorzeichen radikaler Realitätsverschiebungen (Digitalisierung, Vernetzung, Militainment-Komplexe, Globalisierung …) weiterzutreiben. Sehr wahrscheinlich wird es einige besserwisserische aka neidische Stimmen zu diesem Projekt geben. Meine uneingeschränkte Empfehlung hat »Die Wunschmaschinen« auf jeden Fall.