Die Aeronauten

»Neun Extraleben«

Tapete Records

Tragischer konnte das Jahr 2020 für die Schweizer Soul-Punk-Jazz-Songwriter-Band nicht losgehen: Oliver Maurmann aka Olifr M. GUZ (oder auch nur GUZ), der Frontmann der Band Die Aeronauten, ist unerwartet in einem Züricher Krankenhaus verstorben, nachdem er vier Monate lang auf ein Spenderherz gewartet hatte. Die Musikwelt verlor mit GUZ einen sympathischen, enorm kreativen, im besten Sinn lustigen, guten Menschen, Musiker und Schauspieler, der nicht lange vor seinem Tod noch mitten im Leben stand. Wenngleich die Aeronauten auch immer eine Band in der zweiten Reihe waren, hatten sie einen treuen Stamm an Fans im deutschen Sprachraum. Sie waren Teil der Hamburger Schule und tourten mit Tocotronic. Deklarierte Fans der Aeronauten waren etwa Rocko Schamoni, Frank Spilker und Schorsch Kamerun, doch der richtige Durchbruch wollte der Band nicht gelingen, sie blieb ein Geheimtipp. Nach dem Tod von GUZ stellte sich die Frage: wie weitermachen? Oder überhaupt noch was machen? Immerhin war da schon noch einiges an Material in petto, der größte Teil der Stücke war schon geschrieben und auch die Gesangsspuren waren im Kasten. Die Schwierigkeit war eher, ob die Band das emotional hinkriegen würde. Jetzt, nach der Veröffentlichung von »Neun Extraleben«, lässt sich sagen: Und WIE sie das hinbekommen haben! Über weite Strecken pumpt und poltert das Album kraftvoll dahin und auch die kehlige Stimme des »selbsternannten Knödelbarons« GUZ ist auf der Höhe ihrer Kunst. Verzweifelte Resteverwertung klingt anders. Anfänglich klagt GUZ noch augenzwinkernd über »Dieses anstrengende Leben«, um gleich darauf den optimistischen Ska-Fetzer »Irgendwann wird alles gut« nachzuschieben. Dass es textlich nicht immer so freundlich sein muss, demonstriert das hinterfotzige »Hatemails«, gefolgt vom Flagge zeigenden »Du kotzt mich an jetzt«, das sich in routinierter Garagerock-Tradition gegen die unzähligen Hater im Netz (und ihre Opfer, die zu Tätern werden) wendet. Vor dem straighten Titelsong im New-Wave-Soundkleid schiebt sich mit dem Instrumental »Lamento« ein Stück ein, das wie auch »Gletscher sterben leise« wehmütige Trauer vermittelt. Umso mehr Lebensfreude und Energie durchdringt dafür »Junger Mann, Gedichte schreibend«, eine Hommage an den Small-Faces-Song »Sha La La La Lee«. Den bestmöglichen Abschluss für diese definitiv letzte Aeronauten-Platte besorgt ein unerwartetes Fundstück aus dem Archiv: »Never Be Dead«, eine maximal Low-Fi-Handyaufnahme eines Punkrock-Songs aus dem Probekeller. Man darf davon ausgehen, dass dieser Song als Abschluss Herrn GUZ mit seinem eigenwilligen Humor am besten gefallen hätte. R.I.P., GUZ, R.I.P., Aeronauten!