Das glitzernde Poesiealbum: GLAM! im Lentos

Während Glamrock das Verdienst zugeschrieben wird, die Diskursanalyse in die Popmusik eingeführt zu haben, wurde dieser als »Mädchenmusik« ebenso heftig gedisst. Keine schlechte Zeit also für erste Erfahrungen in Sachen Pop- Antagonismen.

»Sommer ’73. Roxy Music, Lou Reed. Die Welt aus Haschisch, Doors und Grateful Dead brach zusammen. Und wir waren noch nicht einmal 16.« So Diedrich Diederichsen 1985 in »Sexbeat« über den Gründungsmoment einer Jugend, die später von Frank Apunkt Schneider einmal treffend als »Generation Roxy Music« tituliert werden wird. Doch wie war das für gerade frisch in die Popsozialisation eingestiegene Kinder und Frühteenager, die erst wesentlich später (um oder nach Post-Punk herum) ein Bewusstsein für die »Remake/Remodel«-Diskursanalyse (Bowie, Roxy Music, Lou Reed) entwickelten? Deren vorbewusstes Faible für all das, was bei Glamrock so mittransportiert wurde, sich weniger als Bruch mit einer Popgeschichte, denn als Einstieg in diese ereignete? Gleichwohl begründet dieser Bruch (auch wenn dieser nur retrospektiv erkannt werden konnte) die gleichsam ewige Beschäftigung mit Glamrock jenseits rein nostalgischer Reminiszenzen an pubertäre Welterklärungsformeln durch Musik. Was diesen Bruch so wichtig macht, ist viel eher die Frage seines Beitrags zu dem, was später relevant wurde (Pop-Theorien als Gender/Identitäts-Politiken, Poststrukturalismus als Pop-Analyse, Pop-Diskurse als glamouröse Gedankenräusche) und es als zu einer den klassischen Pop/Rock-Narrativen radikal entgegengesetzten Pop-Weltsicht immer noch ist.
Ebenfalls 1973 konstatiert Bowie einen Generationenbruch zwischen den Glamrock-Fans und jenen der Beatles und der Rolling Stones. Einer dieser Fans, Marc Almond, unterteilt in seiner Autobiographie »Tainted Life« (1999) die frühen 1970er dann auch in eine Zeit »After Bowie/Bolan« und eine »Before Bowie/Bolan«. Dabei war das 1973er-»Remake/Remodel«-Paradigma durchaus zwiespältig. Im August kommt George Lucas‘ »American Graffiti« in die US-amerikanischen Kinos und tritt damit eine Rock’n’Roll-Nostalgie-Welle bisher ungeahnten Ausmaßes los. Schon ein Jahr zuvor erobert Gary Glitter die Charts mit der Aussage »Can you still recall in the Jukebox Hall when the music played / And the world span round to a brand new sound in those far off days.« (»Rock’n’Roll, Part 1«).

Teenage Rampage

lentos3.jpgNur, zu einem Zeitpunkt als frühreife Kinder gerade Elvis als größten (damals noch lebenden) Popstar entdeckten, kam die Glam-Rock’n’Roll-Abteilung gerade richtig. Vielleicht sind ja Gary Glitter und das Two-Hit-Wonder Alvin Stardust (»My Cho-Ca-Choo«, »You You You«) mit ein Grund dafür, wieso später Shakin‘ Stevens (noch vor dem Erstkontakt mit den Cramps) schon immer mehr gemocht wurde als The Stray Cats. Ganz zu schweigen von Mud, wo bei Nummern wie »Tiger Feet«, »Dyna-Mite« oder »Rocket« ein gut geölter Vorstadt-Elvis-Imitator auf immer noch grummelig anzuhörende Gitarrenriffs traf. Das Teenagerhirn kannte und machte noch keine Unterscheidungen zwischen vermeintlich besseren (weil originaleren/älteren) Versionen und dem, was ihm von Mud, Alvin Stardust, den Rubettes, Showaddywaddy oder Gary Glitter vorgesetzt wurde. Im Glamrock-Gewand klang der von Gary Glitter retrospektiv besungene »brand new sound« einfach »brand new«. Zwar kamen all die Saxophone und Klaviere eindeutig aus der klassischen Rock’n’Roll-Ära, hatten auf dem Weg zu Glam jedoch irgendwie Little Richard mit Liberace verwechselt.
Im Grunde hatten die meisten Kinderzimmerposterbands ähnliche Qualitäten, wie sie Karl Bruckmaier einmal für Slade definierte: »Sie waren abgrundtief hässlich, unerträglich laut, auf jedem Gesang war mehr Echo drauf als auf allen Phil Spector-Platten und im Hintergrund klatschten ganze Fußballstadien den Rhythmus mit.« Der von Produzenten wie Tony Visconti und Chinn/Chapman dazu gemixte Sound lag dabei irgendwo zwischen den Beatles, den »Funhouse«-Stooges und den lautesten Drum-Spuren jenseits von Led Zeppelin. Kein Wunder, dass sich dazu herrlich auf Waschmitteltrommeln dreschen und mit Luftgitarren spielen ließ, wobei die diversen Popstar-Poster im Kinderzimmer als Poesiealben eines vorbewussten Pop-Bewusstseins fungierten und auch schon Territorien markierten. Auch Tennies kämpfen bekanntlich um hegemoniale Vorherrschaften. Ein ewiger Zankapfel waren dabei The Sweet. Diese »Bauarbeiter in drag« (Thomas Meinecke) veranschaulichen den Begriff »bubblepunk« (Barney Hoskyns) wohl am besten. Zum einen hatten sie mit »Blockbuster«, »Hellraiser«, »Ballroom Blitz«, »Teenage Rampage«, »Fox On The Run« oder »Action« super Songtitel, die auch mit spärlichen Englischkenntnissen verstanden und fehlerfrei auf Schultaschen, Bänke und Hefte gekritzelt werden konnten. Zum anderen sahen sie mit ihren mal bunt, mal silber, mal schwarz glänzenden, eng anliegenden Outfits einfach super cool aus. Selbst als Iggy Pops »Raw Power«-Outfit (ebenfalls silber und schwarz und wie bei The Sweet mit Tigerkopf versehen) ins Blickfeld kam, änderte sich daran nur wenig (auch The MC5 hatten bekanntlich Glitzerkostüme an). Wie überhaupt der Weg vom »Ballroom Blitz« zum »Bitzkrieg Bop« der Ramones ein so weiter ja nicht ist. Als The Sweet 1973 bei »Top Of The Pops« zu »Blockbuster« auftraten, vollführte etwa der wieder einmal sehr feminin geschminkte Bassist Steve Priest eine tuntigcampe Mel Brooks/Prä-Punk-Performance, komplett kostümiert mit deutschem Spitzhelm, schwarzer Uniform, aufgemaltem Hitler-Bärtchen und Hakenkreuz-Armband.

Which Galaxy Are You From?

Camper Nazi-Chic war jedoch nicht der Hauptgrund, warum Glam-Rock nicht nur abgelehnt, sondern regelrecht gehasst wurde. Wie später bei Disco ging es auch hier vor allem um Sexualität. Während Rock quasi noch auf Wilhelm Reich eingeschworen war (Entfesselung der Triebe), brachte Glam-Rock schon all das ins Spiel, was später bei Michel Foucault und Judith Butler genauer nachgelesen werden konnte (Triebe als Konstrukte). Und das kam nicht immer gut an. Selbst im Pausenhof wurde über diese »Mädchenmusik« hergezogen. So kommen auch in der 1975er-Ausgabe des Rowohlt-»Rocklexikon« sowohl Bowie (Ziggy-Musik für ein »dekadenzwilliges Publikum«), Reed (»monströse LP-Fehlgeburten«), Bolan (»Eisdielen-Bisexualität« für eine »Schulmädchen- Kundschaft«) als auch The Sweet, die bei ihrem »Masturbations-Rock« für »pubertierende Fans« schändlicherweise »mehr Zeit aufs Make-up als auf das Stimmen der Instrumente « verwendeten, alles andere als gut weg. Das war durchaus auf Linie, denn schon 1973 hatte Helmut Salzinger in seiner »Sounds«-Kolumne »Jonas Ûberohr« bei David Bowies »Aladdin Sane« (inklusive einer »Ich-habe-ja-nichts-gegen-Tunten-Transen-Lesben-etc.«-Einleitung) nur noch Songs aus »Versatzstücken« und »Zitaten« herausgehört, die »wirken wie unkenntlich gemacht durch Schminke«. Bowie, dieser »proletige Hermaphrodit […] ästhetisiert das Vulgäre« und »mimt einen Rocker, der Affektiertheit nachäfft«.
Im selben Atemzug wird auch »Raw Power« der »Musik als faule Ausrede« bezichtigt. Führe doch das Getue von Iggy (»halbnackt, die Augenhöhlen schwarz geschminkt, das Haar silbern gefärbt, in silberglänzenden Jeans«), der »den wilden Mann auch bloß spielt«, schnurstracks zu einer ganz bösen »Selbstentfremdung«, jedoch leider »unabwendbar ist im kapitalistischen Showgeschäft«. Als Gegengift wird dann »Sweetnighter« von Weather Report angepriesen. In eine ähnliche Kerbe schlägt auch ein paar »Sounds«-Ausgaben früher ein gewisser Magnus Zawodsky, als er gegen »Plastic-Pop« wettert und dabei allen Ernstes T. Rex mit Les Humphries gleichsetzt.
In diesem Pamphlet (bei dem die Pop-Zukunft zwischen »der Country & Western-Renaissance » und der »west-östlichen Musiksynthese « liegt) wird zuerst beklagt, dass Pop als Teenager-Musik keine »anspruchsvollen LPs« mehr zustande bringen würde, weswegen »man schon längst zum E-Musik-Fan geworden ist«. Also bestünde das Gebot der Stunde nun darin, vom »Elfenbeinturm« herunterzusteigen und Aufklärungsarbeit zu leisten: »Denn nur durch eine kritische Analyse des Plastic-Pop und seiner musikalischen Macher kann man die Begeisterung für die Teeniebopper-Musik ein wenig dämpfen und den potentiellen T. Rex-Fan ein wenig zum kritischen Konsum anregen.«
Die »kritische Analyse« des Marc Bolan zugeschriebenen »Hermaphroditen-Image« klingt dann so: »Das kommt nicht von ungefähr. Das Stammpublikum von T. Rex sind die 12- bis 16-Jährigen, die Teenieboppers. Und Boys und Girls von 14 Jahren haben eben noch keine besonders ausgeprägten sekundären Geschlechtsmerkmale. Also muss ihr Idol auch so aussehen. Marc Bolan wäre mit Bart undenkbar!« Wieso gerade auf Bolan so eingedroschen wurde, hat jedoch auch musikalische Gründe. Denn wer »von der progressiven Szene kommt« und sich nun »regelrecht prostituiert «, hat nicht nur einen Bruch, sondern gleichsam auch einen Verrat begangen. Dabei zeigen Bolans »geniale Variationen des ewig gleichen Songs« (Karl Bruckmaier) nicht nur, dass der beste Glam-Rock immer nach dem Motto »Never change a winning riff« funktioniert.
Während Led Zeppelin noch immer den Hobbits nachstellten, transferierte Marc Bolan seine Vorlieben für John Lee Hooker, Eddy Cochran, Motown, Velvet Underground und Buddy Holly kurzerhand von Tolkienland nach Oz und saß von nun an in diesem Pop-Zauberland (nennen wir es ruhig T. Rexciya) genau an der Grenze zu den Pop-Art-Blumen des Bösen, wo »Hit Me With A Flower« gesungen wurde. Zudem hatte er mit »20th Century Boy«, »Children Of The Revolution«, »Teenage Dream«, »Teen Riot Structure«, »Metal Guru«, »Ride A White Swan« oder »Hot Love« Songs im Gepäck, die (wie etwa bei »Dandy In The Underworld«) ein Begehren artikulierten, das es so bei The Sweet nicht gab. Nicht umsonst förderte Bolan später u. a. The Damned, mochte The Ramones und war für The Cramps das einzig wirklich interessante Pop-Phänomen der 1970er.

Life’s A Gas

Es gehört vielleicht zu den »hidden pop-histories«, dass sich die »12- bis 16-jährigen Teeniebopper« der Mid-70s Ende der 1970er nicht nur Stooges/Velvet Underground/MC5-Platten zur gegenseitigen Vergewisserung des Punk-Seins vorgespielt haben, sondern auch jene »guilty pleasures« (aka »Peinlichste Lieblingslieder«) des »bubblepunk», die trotz der durch Punk ausgelösten Kulturrevolution im Kinderzimmer nie wirklich in Frage gestellt gewesen waren (wie etwa das ultraschnulzige »The Secret That You Keep« von Mud). Es war dann auch nicht verwunderlich, als KLF 1988 als The Timelords bei »Doctorin‘ the Tardis« Gary Glitter und The Sweet sampelten und Wolfgang Voigt sowohl mit Love Inc.s »Life’s A Gas« (1996) wie mit Auftrieb ( »Oktoberfest«) Glam-Rock und Techno in geradezu logischerweise miteinander verband.
Denn schon um 1976 herum deuteten sich Wechsel hin zu Soul und Funk an. Nicht nur bei Bowie. Auch bei T. Rex klingt nun einiges durchaus wie bei Funkadelic. Selbst Gary Glitter versuchte sich 1978 mit »Silver Star« als Village-People-Impersonator. Wobei Glam und Funk (von Sly & The Family Stone, über The Undisputed Truth bis hin zu P-Funk und Prince) immer auch einen afronautischen Futurismus meint, bei dem sich gleichsam Sun Ra und Sylvester nicht nur die Glitzerkostüme teilen. Glam-Aliens begrüßen sich weltweit mit dem Marc-Bolan-Zitat »Which Galaxy Are You From?« Auch Chic hatten ihre »Erleuchtung«, als sie Roxy Music sahen und deren »Love Is The Drug« hörten. Ebenso konnte der »New York Groove» von Hello geradewegs zum Bohannon »Disco Stomp« führen.
Jetzt soll aber nicht so getan werden, als würde Glamrock automatisch und zwangsläufig auch zu Warhol, Anger, dem Theatre of the Ridicolous, den Cockettes (mit Sylvester), Jack Smith, Antony, Foucault, Butler, Halberstam, Spongebob etc. führen. Einmal falsch abgebogen (etwa bei Slade), und es kann ganz grauslich werden.
Was Pop durch Glamrock jedoch lernte, war ein Denken in Widersprüchen. Erst Glam öffnete die Pforten in die paradoxen Welten eines flamboyant-extravaganten Jakobinertums, wo in den »Ballrooms Of Mars« (Marc Bolan) Nietzsche mit Oscar Wilde und Marie Antoinette mit Robespierre das Tanzbein schwingen konnten. Letzteren legte Glamrock in der Prä-Disco-Ära ja auch gleich so aus: »Ohne Glam ist Rock/Rock’n’Roll verhängnisvoll, ohne Rock/Rock’n’Roll ist Glam machtlos.«

 

 


 
lentos2.jpgGLAM! The Performance of Style? Musik. Mode. Kunst
19. Oktober 2013 bis 2. Februar 2014 LENTOS Kunstmuseum Linz
07. 11. 2013
»Glamorama!«-Special: »For Your Pleasure« Gespräch über das Verhältnis von Musik, Mode und Kunst in der Glam-Ära mit Klaus Walter (ByteFM, Journalist, DJ) und Didi Neidhart (Musiker, Journalist, DJ)
»Was Sie schon immer über Glam in Österreich wissen wollten?« Sound-Lecture von Al Bird Sputnik (Trash Rock Archives). Moderation: Magnus Hofmüller