David Lynch

»Crazy Clown Time«

Pias

Au&szligergewöhnlich ist es schon, wenn ein Star-Regisseur mit 65 seine erste »eigene« CD veröffentlicht. Aber was ist an David Lynch gewöhnlich? In letzter Zeit konnte man den Eindruck gewinnen, er sei mit der Promotion für die Transzendentale Meditation (TM) ziemlich ausgelastet. Zumindest lie&szlig der unlängst im ORF gesendete Dokumentarfilm »David Wants To Fly« den TM-Schamanen ganz schön seltsam ausschauen. Und dann haut einem Mister Lynch mit »Crazy Clown Time« (CCT) 14 abgründige Stücke, die direkt aus dem kollektiven Unbewussten gesaugt sein könnten, um die Ohren. Bei den Badalamenti-Soundracks hatte Lynch ja immer schon ma&szliggeblich seine Wurstfinger drin, bei »Inland Empire« kollaborierte er mit Marek Zebrowski, und mit Sparklehorse/Danger Mouse bei »Dark Night Of The Soul«. Bei CCT soll nur der Tontechniker ein wenig ausgeholfen haben, so nah dran an Lynchs musikalischer Vision war man also noch nie. Und dass diese spooky, beunruhigend und hochgradig klaustrophobisch klingt ist nicht überraschend. Urban Blues, weitab von gängigen Bluesschemata, ist die Grundstimmung, immer wieder akzentuiert von dieser wunderbar hallenden »Twin Peaks«-Gitarre. Lynchs surreal verfremdete Stimme exploriert Sphären des Begehrens, des Bizarren und des Unheimlichen, kokettiert mit harmlosen Songtiteln wie »A Good Day Today« (Single) und »These Are My Friends« um letztlich vom Grauen nur kurz abzulenken. Die Gaststimme beim ersten Song, »Pinky’s Dream« gibt routiniert Karen O. von den Yeah Yeah Yeahs, und es ist verwunderlich, dass einige Tracks ganz ungeniert auf den Tanzboden schielen. »Good Day Today« und »Strange And Unproductive Thinking« etwa sind Lynch-Poeme mit beträchtlichem Disco-Ballast, dessen Four To The Floor dann doch nie ganz geradlinig daherkommt. Essenziell für Stoff aus der Feder des Regie-Meditierers ist – wie in den Filmen – das Rätsel. In vage gehaltenen Lyrics überlässt es Lynch der Imagination, ob es sich gerade »nur« um Vergewaltigung oder doch um Meuchelmord handelt. Keinesfalls kann man Lynch vorwerfen ein Kopist zu sein, schraubt er doch aus bekannten Zutaten ein Werk zusammen, das nach 100% Lynch klingt. Als Antidepressivum in diesen dunklen Spätherbsttagen also auf keinen Fall geeignet.