Eugene McGuiness

»Chroma«

Domino/Good To Go

Stehlen will gelernt sein. Die britische Band Medicine Head war gewiss bass erstaunt, als ein Jahr nach Erscheinen deren Albums »Dark Side of the Moon« die schon damals riesigen Pink Floyd eine fast gleichnamige, nur um einen definitiven Artikel erweiterte Monumentalplatte herausbrachten. Jene machte Pink Floyd in der Folge endgültig zu Dinosauriern, was wohl auch die um ihren Albumtitel betrogenen Blues-Rocker verstummen ließ. Pink Floyd hatten also gut geklaut; Medicine Head waren einfach zu unbekannt, als dass der Diebstahl mehr als einer Handvoll einschlägig Interessierter aufgefallen wäre. Als Eugene McGuinness vor zwei Jahren mit seinem Song »Shotgun« punktgenau das Riff des »Peter Gunn Theme« kopierte, war das wiederum schlecht geklaut, schließlich kann kein an Popmusik interessierter Mensch ernsthaft behaupten, von diesem Song noch nie gehört zu haben, und sei es nur durch den Film »Blues Brothers«.

Geschadet hat es McGuinness allerdings nicht; »Shotgun« wurde ein ziemlicher Hit. Dazugelernt dürfte der Londoner dennoch haben, denn wiewohl er auf »Chroma« erneut stiehlt (dieses Mal das Riff von »Day Tripper«), so hat er sich für den inkriminierten Song »Godiva« doch etwas Spezielles einfallen lassen: Er variiert das Riff durch die Einfügung einer kleinen Sext vor der Oktave, wodurch es sich von »Day Tripper« natürlich total unterscheidet. Letztlich kann man derlei »Zitate« aber einfach als krasseste Blüten von McGuinness‘ Arbeitsweise interpretieren. Eklektizismus steht bei ihm hoch im Kurs, was er vor allem mit seinem letzten Album »Invitation To The Voyage« unter Beweis stellte.

»Chroma« ist nun etwas uniformer und eher rockistisch geraten, aber immer noch eine rechte Fundgrube für wildes Allerlei. Etwa mit »I Drink Your Milkshake«, das zuerst an Ushers »Yeah!« gemahnt, nur um später von Beach-Boys-Harmonien eingeholt zu werden. Auch andernorts liefern sich Puzzlestücke aus Psychobilly, Britpop und Club-Spurenelementen ein wildes Rennen um die klangliche Vorherrschaft, was manch glänzende Songperle abwirft (»Deception Of The Crush«, »Crueller Kind«). Recht klassisch hingegen geht McGuinness bei der Ballade »All In All« vor, die ihn als als gereiften Songwriting-Grandseigneur zeigt. Es ist unmöglich, all die Namen aufzuzählen, an die man hier (positiv) erinnert wird; beispielhaft sei Paul McCartney erwähnt, auf dessen Album »Venus & Mars« von 1975 »All In All« nicht negativ aufgefallen wäre, was als Kompliment zu verstehen ist.

Für eine große Platte reicht das insgesamt dennoch nicht, denn »Chroma« offenbart nach mehreren Durchläufen auch die eine oder andere Schwachstelle. Songs wie »Immortals« oder »Black Stang« rocken zwar ganz nett, erweisen sich bei näherem Hinhören jedoch als ziemlich inhaltsleer. Zwar ist »Chroma« frei von Totalausfällen wie es noch »Sugarplum« vor zwei Jahren einer war, doch ange- sichts der eh schon geringen Länge von rund 30 Minuten enthält es eindeutig zu viel Füllmaterial.