Audrey Chen

»Runt Vigor«

Karlrecords

Die 1976 in den Staaten geborene Cellistin und Stimmkünstlerin Audrey Chen setzt mit ihrer neuen Veröffentlichung – ob bewusst oder unbewusst – ein Statement zum derzeit im Netz wieder stattfindenden Hype des ASMR-Brauchtums. Autonomous Sensory Meridian Response, oder kurz ASMR, bezeichnet dieses angenehme, den Hals und Rücken herunterziselierende Gefühl – recht ähnlich der Gänsehaut –, das einem z. B. widerfährt, wenn mit dem Kamm durch die Haare gefahren wird. Oder eben, wenn man eines dieser hunderttausend Videos auf YouTube oder YouPorn ansieht, die immer auch etwas leicht Sexuelles an sich haben. Da finden sich meist junge Frauen in einer bestimmten Rolle (Soldatin, Ärztin etc.) und spielen mit Gegenständen herum, kratzen an ihnen, streicheln sie, flüstern in die Kamera und vermitteln das Gefühl von Nähe und Geborgenheit – und sollen eben dieses angenehme, entspannende Ziselieren im Körper bewirken. So zumindest die Theorie.

Und so ähnlich beginnt eben auch »Runt Vigor«. Es klingt, als würde Audrey Chen etwas in den Mund nehmen und sich dabei verschlucken, vielleicht etwas Längliches, vielleicht ein Tschisi-Eis oder auch nur das Mikrofon, um ganz körpereigene Sounds einzufangen und zu erschaffen. Dabei schweres Atmen, und überhaupt geht es viel um den Atem, der sich wie ein roter Faden durch das Album zieht, und mal direkt, mal indirekt durch Instrumentensounds ausgedrückt wird. Der erste Track ist ein Hinweis darauf, was in den nächsten gut 40 Minuten passieren soll. Chen spielt mit ihrer Stimme gegen und mit elektroakustische(n) Sounds, wie Geschichtenerzählen. Geräusche wie ein starker Wind oder bloßes Radiorauschen entstehen; die Grenze zwischen natürlich und künstlich verschwimmt. Die Wirkung entsteht vornehmlich über Assoziationen, nicht über eine klangliche »Stimmung«. Erstere, wenn sie sich einstellen, sind Grundlage für das Funktionieren des Ganzen, denn erst im späteren Verlauf der Aufnahmen erschafft Chen durch intensive Cello-Sounds weiche Noise-Atmosphären, die weniger über den eigenen Körper evozierte kribbelige Gefühle als direkt durch die sanfte Wucht des Klangteppichs entstehen. Vielleicht eher etwas für Performance-Möger als für den täglichen Gebrauch, da sehr frei improvisiert und schwer greifbar. Setzt der Kick nicht ein, können die Minuten doch sehr langsam verstreichen und bieten eher wenig Anhaltspunkte.