Bernhard Leitner, Secession, Interview, Empfehlung
Bernhard Leitner, Secession, Interview, Empfehlung

Akustische Zellen

Der österreichische Architekt und Sound-Art-Pionier Bernhard Leitner präsentiert in der Wiener Secession bis 22. November 2026 Arbeiten von 1969 bis 2026. Seine aktuellste site-spezifische Sound-Installation nennt sich »Wasser Würfel / Wand Wellen« und ist berauschend.

Die ökofeministische Künstlerin und Thealogin Elisabeth von Samsonow hat vor ein paar Jahren das riesige Atelier von Bernhard Leitner besucht und einen Text zu seinen Arbeiten verfasst, der in poetisch-philosophischer Art und Weise die Besonderheiten seines künstlerisch-akustischen Forschens gut verdichtet: »In dieser Logik der ästhetischen Vergegenständlichung der Moderne, die sich in einer Drift in Richtung auf einen quantenphysikalischen Realismus hin befindet, ist das Werk von Bernhard Leitner situiert. Während sich nicht wenige seiner großen Vorgänger in der Moderne auf das Malerische konzentrierten, auf die Frequenzen, die durch Farbe und Form hervorgebracht werden, geht es Bernhard Leitner um den Ton. Nach dem Gesagten ist klar, dass es nicht die Musik sein kann, nicht der erzählende Ton, der im Mittelpunkt seiner Arbeit steht, sondern der Klang, der Ton als physikalisches und ästhetisches Objekt oder besser: als physikalische und ästhetische Sphäre.« In der großen Einzelausstellung in der Wiener Secession mit dem Titel »SOUNDSPACESCULPTURE« präsentiert Bernhard Leitner nun auch eine neu für diesen Raum geschaffene Arbeit: »Wasser Würfel / Wand Wellen«. Die dieser begehbaren Sound-Installation zugrundeliegende Idee lässt sich auf den schon 1969 entworfenen »Soundcube« zurückführen – damals noch ein rein theoretisches Modell zur ästhetischen wie psychophysiologischen Organisierung von Klängen im Raum. skug hat sich mit dem Ton-Raum-Skulptur-Künstler Bernhard Leitner vor Ort getroffen, umgeben von seinen poetischen »akustischen Zellen«.

Bernhard Leitner: »SOUNDSPACESCULPTURE«, Ausstellungsansicht, Secession 2026 © Foto: Iris Ranzinger

skug: Ein Studium der Architektur lässt den Wunsch des Studierenden vermuten oder erahnen, große sichtbare Setzungen und Gestaltungen hervorzubringen. Sie haben sich als Künstler dann dafür entschieden, vor allem unsichtbaren Wahrnehmungsphänomenen nachzuspüren.

Bernhard Leitner: Unsichtbar ist in meinen Werken ja nur die Ton-Raum-Komposition. Sie ist nur hörbar. In meiner Arbeit habe ich versucht, zwei Gebiete zu verknüpfen: die Architektur mit ihrer Sprache des Raumes und die Ton-Welt mit der ihr eigenen Sprache. Bei der Verknüpfung hat damals die Sprache ausgelassen und ich musste praktisch eine neue Raum-Sprache für meine Werke erfinden. Man sieht das Werk und hört die Komposition. Das Auge und die Ohren müssen zusammenspielen und ich mache bei meinen Arbeiten ganz bewusst ästhetische Entscheidungen, wie die Arbeit auszusehen hat, damit sie für die Augen einen gewissen Höreinstieg bildet. Es muss für das Auge akustisch anregend sein.

Wie grenzen Sie sich eigentlich von dem Bereich der Akusmatik ab?

Das ist ein interessanter Bereich. Ich kenne François Bayle, der in Paris in den 1970er-Jahren damit angefangen hat. Eine Arbeit wie die »Ton-Wiege« oder der »Ton-Würfel« oder auch andere Arbeiten müssen als Geometrie des Tones für mich exakt sein. Es gab ja auch schon bei Luigi Russolo die Lautsprecher-Orchester. Mein Zentrum bildet die genaue Komposition, die geometrische Genauigkeit eines Ton-Raumes. Das unterscheidet mich von vielen musikalischen Ansätzen.

In Ihrem umfangreichen Werkverzeichnis, dem »Catalogue Raisonné«, habe ich zu meiner Überraschung auch zwei sehr politische Arbeiten entdeckt. Zum einen die »Schießbude« – auf Englisch heißt das Werk: »Shooting Gallery« – aus dem Jahr 1977 mit der provokanten »Exekutions-Litanei«: »Im Namen des Volkes … Schuss, im Namen der Revolution … Schuss, im Namen der Religion … Schuss!« …

Diese Arbeit habe ich allerdings nie öffentlich gezeigt.

… und dann die zweite sehr politische Arbeit aus dem Jahr 1990 mit dem Titel »Ton-Raum / Vernarbt«.

Diese Arbeit entstand für die Ruine der Künste in Berlin, ein Ausstellungsort des Medien- und Sound-Künstlers Wolf Kahlen. Ich habe alte Volksempfänger aus der NS-Zeit verwendet, die Lautsprecher entfernt und auch die restlichen technischen Elemente herausgenommen und so aus diesem Gerät ein Seh-Element gemacht.

Sie haben das Radiogehäuse als Bilderrahmen verwendet?

Genau. Die Fotos von mir zeigen durch die Fokussierung auf Details die Verwundungen der Fassade durch Einschüsse. Ich habe das Vernarbungen genannt.

Die Vorstellung der Entstehung dieser Einschüsse passiert dann gedanklich.

Ja, das war die Idee. Ich schaue mir eine zerschossene Fassade mit der Blick-Rahmung eines alten NS-Volksempfängers an. Im Raum wurde ein Cello-Ton abgespielt, als akustisches Signal. Dieser hat sich aber nicht auf den Inhalt der Arbeit bezogen.

Bernhard Leitner: »SOUNDSPACESCULPTURE«, Ausstellungsansicht, Secession 2026 © Foto: Iris Ranzinger

Persönlich beschäftige ich mich gerade mit dem Bereich der Bio- oder auch Ökoakustik, der Kommunikation von Tieren und Pflanzen außerhalb unserer Hörwahrnehmung im Infra- und Ultraschallbereich. Hat Sie vor allem die menschliche Wahrnehmung interessiert?

Ich habe im Ultra- oder auch im Infraschallbereich nie gearbeitet. Mich hat immer das Zusammenspiel von Auge und Ohren interessiert. Nehmen wir zum Beispiel die Arbeit »Pulsierende Stille«, eine sehr tiefe Schwebung mit jeweils 74 Hz, 85 Hz und 92 Hz. Diese feine, pulsierende Schwebung ist von außen nicht hörbar, aber wenn Sie zwischen den Metallplatten stehen, dann ist ein sehr kräftiger, pulsierender Raum, der in den Körper eindringt, hör- und vor allem spürbar. Auch bei meinen frühen Arbeiten, wie dem »Ton-Anzug« und der »Ton-Liege«, forschte ich über das ganzheitliche Hören. Klang wird nicht nur über die Ohren aufgenommen, sondern mit dem ganzen Körper. Wir haben akustische Zellen in der Haut am ganzen Körper. Sie kommunizieren mit dem Gehirn. Wie genau, das wissen wir noch nicht. Das ist rätselhaft und wunderbar zugleich.

Es gab auch klinische Untersuchungen mit Thermovisionsaufnahmen der »Ton-Liege« Ende der 1980er-Jahre in der Universitätsklinik Bonn. Die beschallten Körperstellen wurden messbar wärmer. Das fand ich sehr spannend.

Man hat die Temperatur am Körper gemessen, und an den Stellen, wo sich die zwei Lautsprecher in der »Ton-Liege« befanden, der Ton also direkt in den Körper dringt, hat sich der Körper am stärksten erwärmt, dazwischen aber auch. Eine weitere hochinteressante Untersuchung bei post- und präoperativen Patienten hat gezeigt, dass es dadurch gelang, sich besser auf den eigenen Körper zu konzentrieren. Es konnte ihnen die Angst genommen werden, sie haben eine einheitliche akustische Selbstfindung erfahren. Auch bei Kindern mit kognitiven Beeinträchtigungen hat man gesehen, dass sie gar nicht mehr aufstehen wollten, weil sie durch diese Klangerfahrung im Körper eine Selbsterfahrung gemacht haben. Letztlich wollte ich nicht in den medizinischen Bereich gehen, aber es war eine wichtige Erfahrung für mich. Es gibt auch Kopien meiner Liege als Wellness-Liege, aber das ist mir egal. Ich habe mich für künstlerische Grundlagenforschung in diesem Bereich der Akustik interessiert.

Bernhard Leitner: »SOUNDSPACESCULPTURE«, Ausstellungsansicht, Secession 2026 © Foto: Iris Ranzinger

Das Geräusch von fließendem Wasser wird auch als White Noise oder Weißes Rauschen bezeichnet. Warum haben Sie diesen Sound als Ton-Material für Ihre neueste Rauminstallation »Wasser Würfel / Wand Wellen«, die Sie in der Wiener Secession präsentieren, verwendet?

Wasser ist seit Jahrhunderten, wenn nicht seit Jahrtausenden ein wichtiges Gestaltungsmaterial. Es ist immer das Gleiche, aber nie dasselbe. Es hat zwei Qualitäten: Es regt an und es beruhigt. Ich habe es aus diesem Grund in dieser Ton-Raum-Komposition verwendet.

Jetzt kommt ein gewagter Vergleich. Im Tierreich spricht man von sogenannter Autokommunikation, wenn ein Lebewesen zur Orientierung akustische Signale aussendet. Könnte man ihre künstlerischen Arbeiten mit akustischen Signalen auch als ein Abtasten des Raumes verstehen, um sich darin zu orientieren?

Das kann man schon so sagen. Es gibt natürlich verschiedene Möglichkeiten, das akustische Baumaterial anzuwenden und damit den Raum abzutasten. Am Anfang habe ich mit »Ton-Linien« von zwanzig Lautsprechern begonnen, es war ein »Ton-Tor«, und habe versucht, zu verstehen, was die Parameter der Ton-Welt in einem architektonischen, skulpturalen Werk auslösen können. Ich kann ein »Ton-Tor« gerichtet erscheinen lassen, der Klang steigt von unten auf und geht oben drüber und auf der anderen Seite wieder hinunter. Ich kann die Geschwindigkeit und die Lautstärke ändern. Wenn ich die Querbewegung lauter mache, dann erscheint das »Ton-Tor« niedriger, wenn ich sie leiser mache, erscheint das »Ton-Tor« höher. Das waren fantastische neue Dimensionen für mich. Die Parameter der Ton-Welt wurden in die architektonische, skulpturale Gestaltung eingeführt. Ich wollte das Raum-Hören wieder hervorheben. Diese Fähigkeit war in früheren Zeiten, als es noch nicht so viel Licht auf der Welt gegeben hat, wichtiger als das Sehen mit den Augen.

Durch das Hören führen wir sozusagen Räume in den Körper. Was würden sie sich als Architekt und Künstler bei der Konzipierung von Räumen wünschen. Worauf sollte mehr Rücksicht genommen werden?

Es wäre schon zu wünschen, dass Architekten mehr von Akustik verstehen. Das Wissen über Oberflächen und Materialien, kombiniert mit der Geometrie des Raumes. Akustik wird leider oft auf die Berechnungen von Konzertsälen beschränkt. Damit macht man es sich zu einfach. Man kann nicht Betonhäuser bauen und dann versuchen, sie ein bisschen akustisch abzudämmen. Akustik ist ein sehr wichtiger Aspekt des Bauens. Das Verständnis dafür ist leider noch nicht vorhanden. Für mich ist die Arbeit mit der Akustik von Räumen unglaublich spannend und ich habe nicht das Gefühl, dass ich mit meinen akustischen Erfahrungen und Forschungen irgendwie am Ende bin, weil ich immer wieder Neues entdecke.

Bernhard Leitner: »SOUNDSPACESCULPTURE«, Ausstellungsansicht, Secession 2026 © Foto: Iris Ranzinger

Links: https://www.bernhardleitner.at/
https://secession.at/ausstellung_bernhard_leitner_leicht

favicon

Unterstütze uns mit deiner Spende

skug ist ein unabhängiges Non-Profit-Magazin. Unterstütze unsere journalistische Arbeit mit einer Spende an den Empfänger: Verein zur Förderung von Subkultur, Verwendungszweck: skug Spende, IBAN: AT80 1100 0034 8351 7300, BIC: BKAUATWW, Bank Austria. Vielen Dank!

Ähnliche Beiträge

Nach oben scrollen