Wenn Angst regiert, haben Demagogen und Agitatoren leichtes Spiel. Doch was setzt man der Sehnsucht nach Autorität, Ausgrenzung und Macht entgegen? Könnte ausgerechnet das, was unsere Gesellschaft seit Jahrhunderten als Schwäche abwertet – Wertschätzung, Fürsorge, Vulnerabilität –, der Schlüssel zu einer demokratischen Erneuerung sein? Mit diesen Fragen beginnt Corine Pelluchons Essay »Die Macht des Weiblichen. Ideen zu einer Demokratie ohne Herrschaft«.
Bereits Leo Löwenthal und Norbert Guterman beschrieben in ihrem Klassiker »Falsche Propheten« die Mechanismen politischer Agitation. Der Agitator lebt nicht von Lösungen. Er lebt von Affekten. Er schürt Ängste, verstärkt Kränkungen, entfacht Wut – und präsentiert anschließend jene Gruppen, an denen diese Wut ausgelassen werden kann. Das Muster ist stets dasselbe: ein zerstörerisches »wir gegen sie«. Pelluchons Analyse knüpft genau hier an. Die Menschen fühlen sich übergangen, entwertet, machtlos. Sie haben den Eindruck, betrogen worden zu sein. Viele glauben, politische Eliten würden nur noch ihre eigenen Interessen verfolgen. Aus diesem Gefühl entstehen Argwohn, Ohnmacht und gesellschaftliche Entfremdung. Rechte Bewegungen verwandeln diese Erfahrungen in politische Energie. Sie bieten keine Antworten auf komplexe Probleme. Sie bieten Schuldige: Minderheiten, Migrant*innen, die Medien, die Eliten.
»Zur Liebe, nicht zum Hass bin ich geboren«
Die eigentliche politische »Leistung« des Populismus besteht darin, diffuse Unsicherheit in konkrete Feindbilder zu übersetzen. Corine Pelluchon zeigt dabei etwas Entscheidendes: Autoritäre Bewegungen sind nicht primär ideologische Phänomene. Sie sind emotionale Phänomene. Sie speisen sich aus Verletzungen, narzisstischen Kränkungen und dem Wunsch, die eigene Ohnmacht hinter sich zu lassen. An diesem Punkt wird Pelluchons Essay besonders spannend. Denn sie analysiert das, was die Psychoanalyse als Prozess der »Bemächtigung« beschreiben würde. Schon bei Freud findet man die Einsicht, dass Menschen Erfahrungen von Hilflosigkeit oft dadurch kompensieren, dass sie Kontrolle und Macht über andere gewinnen möchten. Aus Ohnmacht entsteht also das Verlangen nach Macht. Die extreme Rechte lebt von genau diesem psychischen Mechanismus. Sie verspricht ihren Anhänger*innen nicht bloß politische Veränderung. Sie verspricht Wiederherstellung von Kontrolle. Sie bietet die Fantasie an, endlich wieder »wer« zu sein. Wieder Bedeutung zu haben. Agitatoren sind für Pelluchon deshalb »Könige des Bluffs«. Sie sagen ihrem Publikum ganz genau das, was es hören möchte. Und sie verwandeln damit tiefe Frustration in Überlegenheitsgefühle und Verletzlichkeit in Aggression.
Dem autoritären Machtanspruch stellt Pelluchon eine ganz andere Tradition gegenüber. Eine Tradition, die von Sophokles’ »Antigone« bis zu Simone Weil reicht. »Zur Liebe, nicht zum Hass bin ich geboren«, sagt Antigone. Und Simone Weil formulierte den vielleicht wichtigsten Satz für das Verständnis unserer Gegenwart: »Man ist immer barbarisch gegenüber den Schwachen.« Dieser Satz durchzieht den gesamten Essay wie ein unsichtbarer roter Faden. Denn jede Gesellschaft zeigt ihr wahres Gesicht im Umgang mit den Vulnerablen. Mit Kindern, Alten, Kranken, Armen, Geflüchteten. Mit all jenen, deren Leben nicht von Stärke, Leistung und Konkurrenz geprägt ist. Doch entscheidend ist: Wer Schwäche verachtet, wird früher oder später auch Demokratie verachten. Denn Demokratie bedeutet auch, dass niemand aufgrund seiner Vulnerabilität aus der Gemeinschaft ausgeschlossen wird.
»Die Macht des Weiblichen«
Der Titel des Buches könnte durchaus als provokant verstanden werden. Doch die französische Philosophin spricht nicht von Frauen als besseren Menschen. Das Weibliche ist für sie keine biologische Kategorie und auch kein Wesen. Es bezeichnet vielmehr eine Haltung zur Welt. Eine Haltung, die sich der eigenen Endlichkeit bewusst ist. Eine Haltung, die Wertschätzung und Fürsorge nicht abwertet. Eine Haltung, die Beziehung wichtiger nimmt als Herrschaft. Eine Haltung, der klar ist, dass Freiheit niemals gegen andere, sondern immer nur mit anderen möglich ist. Die Geschichte hat Eigenschaften wie Empathie, Care-Arbeit, Kooperation oder Beziehungsfähigkeit gerne dem Weiblichen zugeschrieben – und damit gleichzeitig systematisch entwertet.
Corine Pelluchon schlägt nun vor, diese vermeintlichen Schwächen als demokratische Stärken neu zu entdecken. Sie entwickelt die Vision einer Demokratie ohne Herrschaft. Nicht im Sinne von naiven Harmoniebestrebungen, sondern als radikale Neubestimmung von Macht. Einer Macht, getragen von Kooperation, Fürsorge, Rücksichtnahme, vom Bewusstsein der eigenen Endlichkeit und der Verantwortung gegenüber unserem Planeten. Macht bedeutet dann nicht mehr Kontrolle über andere, sondern Verantwortung für andere. Nicht Dominanz, sondern Beziehungsfähigkeit. Nicht Durchsetzung, sondern die Fähigkeit, mit Unsicherheiten leben zu können. Die weibliche Wirkmacht wird damit zum Gegenmittel gegen autoritäre Versuchungen. Sie schafft Räume des Dialogs, der Geselligkeit und der Begegnung. Sie stärkt Vertrauen statt Misstrauen. Sie fördert Beteiligung statt Unterwerfung. Sehr eindrucksvoll ist in diesem Zusammenhang Pelluchons Verweis auf demokratische Beteiligungsmodelle wie den französischen Klima-Bürgerrat. Dort zeigte sich, dass Menschen ihre Vorurteile überwinden können, wenn man ihnen den Raum gibt, gemeinsam über das Gemeinwohl nachzudenken. Aus Gegner*innen wurden Gesprächspartner*innen. Aus Einzelinteressen entstand Verantwortung für das Ganze.
Eine Politik der Wertschätzung
Der Gegenentwurf zu den falschen Propheten lautet bei Corine Pelluchon Wertschätzung. Nicht als sentimentale Freundlichkeit. Sondern als politische Kategorie. Eine Politik der Wertschätzung erkennt an, dass Leben wertvoll ist. Sie macht sichtbar, was moderne Gesellschaften gerne vergessen: die Fürsorgearbeit, die Abhängigkeiten und die ökologischen Voraussetzungen unseres Daseins. Eine Politik der Wertschätzung weckt die Liebe zum Gemeinwohl und stärkt den Sinn für Gerechtigkeit. Sie lässt Herrschaft überflüssig werden, weil sie auf Vertrauen statt auf Kontrolle setzt.
Pelluchons Demokratie ist deshalb auch ein humanistisches und ökologisches Projekt. Sie erinnert uns an die Endlichkeit des Planeten und daran, dass Freiheit ohne Selbstbegrenzung und Verzicht zur Zerstörung wird. Gegen die Logik grenzenlosen Wachstums setzt sie die Idee eines bewussten Verzichts – nicht als Verlust, sondern als Voraussetzung für ein gutes Leben. Demokratie, so ihre Botschaft, wird nicht durch immer mehr Herrschaft gerettet. Sondern durch die Fähigkeit, die eigene Endlichkeit anzuerkennen und die Vulnerabilität anderer zu schätzen. Oder, um noch einmal mit Simone Weil zu sprechen: »Man ist immer barbarisch gegenüber den Schwachen.« Corine Pelluchons Essay fragt, wie eine Gesellschaft aussehen könnte, die genau das nicht mehr ist.

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