Eugène Delacroix: »Die Freiheit führt das Volk« © Shonagon, Wikimedia Commons, gemeinfrei
Eugène Delacroix: »Die Freiheit führt das Volk« © Shonagon, Wikimedia Commons, gemeinfrei

Oben ohne

Was nackte Körper angeht, herrscht zwischen den Geschlechtern immer noch eine erschreckende Doppelmoral. Das wirf die Frage auf, woher diese Angst vor weiblich gelesenen Körpern, insbesondere Brüsten, kommt. Eine Spurensuche.

»Sie ist oben ohne«, sang Reinhard Fendrich in den 1980ern und landete damit einen Sommerhit. Damals erlebte das Baden ohne Oberteil seinen Höhepunkt. Den historischen Anfang machte das Krapfenwaldlbad im Wiener Nobelbezirk Döbling, bald darauf wurde Österreich von einer »Oben-ohne-Welle« erfasst. In Freibädern, am See und am Schotterteich befreiten Mädchen und Frauen sich von ihrem Oberteil. Danach wurde es wieder still um die entblößte weibliche Brust. In vielen Freibädern ist oben ohne heute auf der Liegewiese geduldet, beim Schwimmen nicht. Eine eindeutige gesetzliche Regelung gibt es nicht. 

Doppelmoral

Tommy Lees Penis war vor einiger Zeit auf Instagram zu sehen. Stundenlang. Unbedeckt. Unzensiert. Irgendwann wurde der Post gelöscht. Unklar blieb, ob von Lee (seines Zeichens Pamela Andersons Ex und Musiker) oder von Meta, das notorisch Bilder mit nur dem Hauch einer weiblichen Brustwarze entfernt. Brüste verletzen die Gemeinschaftsrichtlinien, heißt es sowohl bei Instagram als auch bei Facebook. Ein Post von mir über das Pixies Album »Surfer Rosa« mit einer barbusigen Frau auf dem Cover wurde z. B. von Facebook von meinem Account entfernt. Eine Abbildung des berühmten Gemäldes »Die Freiheit führt das Volk« des französischen Malers Eugène Delacroix, das eine barbusige Freiheitskämpferin mit Trikolore zeigt, wurde auf der Social-Media-Plattform ebenfalls vorübergehend gelöscht. Später entschuldigte sich der Online-Riese. 

Sprich: Weiblich gelesene Körper werden zensiert. Liegt es vielleicht an den aufgezwungenen Schönheitsstandards, die unsere Körper hauptsächlich dann akzeptieren, wenn sie ins Schema passen? Am Fehlen von diversesten Brüsten im öffentlichen Raum? An der omnipräsenten Sexualisierung des weiblichen Körpers in unserer Gesellschaft? Was generell als »schöne Brüste« akzeptiert wird, ist durch Werbung, Film (oft in zensierter Form, aber doch sichtbar) und Social Media allen klar. Rund, symmetrisch, straff – so sollen Brüste aussehen. Oder, wie Milla Jovovich einmal bekannte: »In meinen Filmen sind meine Brüste definitiv computeranimiert, weil ich einfach keine habe.« Bei den Bildagenturen wiederum sind Brüste unter Händen oder Kleidern versteckt. Oder, wenn nackt, dann normschön, prall, weiß. Daneben gibt es eigentlich nur noch nackte Brüste mit saugenden Babys. Dazwischen ist die Auswahl klein. 

Free the Nipple

Was mein eigenes Umfeld betrifft, sind nur ganz wenige Frauen stolz auf ihre Brüste. Sie finden sie maximal »okay«. Währenddessen werden von Männern ungefragt und unbehelligt Dick Pics en masse verschickt und sie tragen ihre Körper größtenteils stolz zur Schau. Man suggeriert uns Frauen damit, dass wir unsere Körper zwar in all ihrer Vielfalt zeigen dürfen (natürlich zu bestimmten Bedingungen), aber bitte ja keine Brüste, die gehören gefälligst versteckt. Das fängt schon subtil bei kleinen Mädchen an, die Bikinis tragen, um noch nicht vorhandene Brüste zu verstecken. Es geht weiter damit, dass wir unsere Brüste, kaum wachsen sie, in formende, normierende BHs sperren. Absurderweise bringen uns aber diese »Büstenhalter« dazu, uns von Anfang an mit unseren natürlichen Brüsten unwohl zu fühlen. Zu viel Bewegung, zu viel Sichtbarkeit, zu viel Nippel. Der Höhepunkt sind dann sogenannte »Nipple Cover«, die dazu dienen, sich abzeichnende Brustwarzen unter der Kleidung abzudecken.

Eine spannende Gegenbewegung ist »Free the Nipple«, die auch Unterstützung von Berühmtheiten wie Miley Cyrus, Lena Dunham, Jennifer Aniston, Rihanna, Cara Delevingne, Emily Ratajkowski, Naomi Campbell und Willow Smith erhalten hat. Die Filmemacherin Lina Esco initiierte diese Bewegung im Jahr 2012 in New York City, während sie einen Dokumentarfilm drehte, in dem sie selbst mit entblößter Brust durch die Straßen New Yorks ging. Bewegungen wie »Free The Nipple« (auf Instagram zu finden unter #freethenipple) haben zwar zu rechtlichen Auseinandersetzungen geführt, die in einigen Fällen eine Lockerung der Gesetze bewirkten, jedoch besteht weltweit weiterhin eine große Diskrepanz in der Gesetzgebung, die oft von konservativen und patriarchalischen Werten geprägt ist. Diese Gesetze beeinflussen nicht nur die Freiheit von uns Frauen, uns auszudrücken, sondern auch unsere Autonomie über den eigenen Körper. 

Vorwärts im Rückwärtsgang 

Was bei unseren für Gleichberechtigung, Peace & Love kämpfenden Müttern und Großmüttern noch genauso selbstverständlich war wie die Sonne auf der Haut, ist heute wieder Stein des Anstoßes bzw. scheint oben ohne im Freibad ausgestorben zu sein. »Frei« gemäß dem vorherrschenden Zeitgeist. Vorwärts im Rückwärtsgang wird die weibliche Brust wieder g’schamig versteckt. Die Ängste: Männer könnten erregt werden, Männer könnten gaffen, Männer könnten die Brüste unansehnlich finden, frau könnte sich blamieren. Und: Frauen, die oben ohne baden, gelten rasch als »aufmerksamkeitsgeil« oder »provokant« – anders als Männer, die ihre nackten Waschbrett- oder Bierbäuche stolz vor sich hertragen. Das schmerzt. Immerhin ist die Brust ein Körperteil wie jeder andere und das Tabu deshalb nicht weniger irrational als das historische Tabu des Knöchelzeigens oder das Verhüllungsgebot in manchen Ländern. 

Betroffen sind, damals wie heute, hier wie überall, ausschließlich Frauen. Dabei leben wir im 21. Jahrhundert und zelebrieren liberales Denken und weibliches Selbstbewusstsein. Deshalb: Strecken wir der Scheinmoral die Zunge heraus und genießen endlich wieder die Freiheit obenherum, falls wir nicht des Bades verwiesen werden. Indem wir unsere Brüste aus dem Korsett befreien, befreien wir auch uns ein Stück weit. Denn wer bestimmt eigentlich, wie ein weiblich gelesener Körper sich zu kleiden hat oder zeigen darf? Dazu habe ich ein Zitat der Geschlechterforscherin Fabienne Amlinger gefunden: »Wenn es um die Frage geht, welcher Norm der weibliche Körper entsprechen muss und welche Regeln dieser in der Öffentlichkeit zu befolgen hat, dann ist das eng mit patriarchalen Strukturen verwoben.« Da wären wir also wieder: beim Patriarchat. Das wir auch bekämpfen können, indem wir seine Vorgaben nicht mehr einfach so hinnehmen, sondern uns widersetzen. Immer und immer wieder. Und ich frage mich, wann Brüste einfach Brüste sein dürfen. Egal wie, egal wo. Unkommentiert. Unbedeckt. Unzensiert. 

Home / Kultur / Thinkable

Text
Petra Kislinger

Veröffentlichung
26.05.2026

Schlagwörter

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