© Redaktion
© Redaktion

ABC der »Kulturkämpfe«: T wie Tragödie

Wer den Ausdruck »Tragödie« hört, sollte die Ohren spitzen. Denn »Kulturkämpfe« sind dann meist nicht weit. Von »Flüchtlingstragödien«, Milo Rau und totalitären Tribunalen.

Eine Tragödie ist zunächst ein künstlerisches Genre: ein Theaterstück, das leidende Menschen darstellt. Doch Erzählungen bieten Modelle, nach denen wir Ereignisse und Umstände einordnen. Deshalb gibt es einen metaphorischen Gebrauch des Ausdrucks »Tragödie«. So können wir ein besonders trauriges oder erschütterndes Ereignis eine »Tragödie« nennen. Dieser Modellcharakter verbindet die Tragödie mit »Kulturkämpfen« an zumindest zwei Scharnieren:

1. Tragödie als politische Metapher

Was als »Tragödie« gelten kann, ist umkämpft. Wenn eine Person bei einem Bootsunfall stirbt, ist es in Österreichs Medien üblich, von einer »Tragödie« zu sprechen. Aber dass 2025 nach Einschätzung der International Organization for Migration insgesamt 2.185 Migrant*innen im Mittelmeer ertrunken sind? Dass 270 Leichen angespült wurden, die man nicht mal einem Schiffswrack zuordnen kann? Ist das eine »Tragödie«? Sind es mehrere? Ist der Ausdruck »Tragödie« bei den kalkulierten Folgen politischer Entscheidungen, die Grenzregime über Menschenleben stellen, überhaupt angemessen?

Der Grund, warum wir solche Fragen stellen können, ist, dass die Metapher »Tragödie« mehr als eine Emotion beschreibt. Sie bietet eine, oft unbewusste, Einordnung komplexer Zusammenhänge. Eine Tragödie hat einen klaren Anfang und ein klares Ende, eine Handlung und benennbare Ereignisse. Das macht sie, im Gegensatz zur Groteske, deutbar. Als 42 Menschen im November 2025 vor der Küste Libyens ertranken, sprach die »Kronen Zeitung« von einer »Flüchtlingstragödie«. Der Ausdruck suggeriert nicht nur, dass diese Tode besonders bedauernswert waren. Er schreibt dem Geschehen auch eine erzählbare Struktur zu: Es beginnt mit dem Sturz von al-Gaddafi und führt über »Schlepperbanden« und hilflose Migrant*innen bis hin zu einem zum Scheitern verurteilten Rettungsversuch durch wohlwollende Behörden. Man kann hier unschwer das Modell der antiken Tragödie erkennen: Wie Ödipus scheinen moderne Flüchtlinge in unlösbare Konflikte verstrickt. Und deshalb mussten sie sterben. Das ist »tragisch«, »ein Unglück«, aber wirklich machen könne man auch nichts. Denn in einer »Flüchtlingstragödie« treten EU-Bürger*innen gar nicht erst auf. Der Ausdruck ist keine neutrale Beschreibung – er ist eine ideologische Maschine.

Verschärft wird die Macht der Metapher »Tragödie« noch dadurch, dass das narrative Modell der Tragödie eine jahrtausendealte Tradition über die Wirkung der Tragödie miteinschließt. Wer besonders traurige Filmszenen oder erschütternde Geschichten sucht, tut das heute meist nicht aus reinem Masochismus, sondern aufgrund von aristotelischen Prämissen, auch wenn er*sie Aristoteles nie gelesen hat. Der griechische Philosoph hatte argumentiert, dass die Tragödie einer Reinigung (Katharsis) diene. Vereinfacht besteht der Gedanke darin: Wer sieht, wie sich ein schicksalsgebeutelter Ödipus die Augen aussticht, leidet wirklich. Aber dieses Leid könne den Zusehern*innen dabei helfen, sich auf eigene Schicksalsschläge einzustellen. Wir alle können Umstände erleben, die außerhalb unserer Kontrolle sind, und den Umgang damit üben wir mit »tragischen« Erzählungen. Man kann unschwer erkennen, wie diese Theorie die Tragödien-Vorstellung österreichischer Medien unterfüttert. Wer von einer »Flüchtlingstragödie« spricht, mag angesichts von Tod und Leid ehrlich erschüttert sein. Aber er*sie bezieht es, unbewusst, auch auf sich. Der Ausdruck »Tragödie« ist ein Zaubertrick. Er macht aus Hilferufen eine Darbietung, aus einer politischen Verfehlung eine Übung im Umgang mit »unlösbaren Konflikten« und »Schicksalsschlägen«. 

2. Tragödie als Metapher der Politik

Das zweite Verbindungsmoment von »Kulturkämpfen« und Tragödie besteht darin, dass das Kunstgenre Tragödie oft an sich politische Bedeutungen zugeschrieben bekommt. Mehr noch, seit im antiken Athen Tragödien zur Begleitung von Volksversammlungen aufgeführt wurden, gilt sie vielen als die politische Kunst par excellence. Sie ist die Kunst, die mit der Strukturierung und Reinigung des politischen Raumes betraut wird. Das zeigt sich besonders an der desaströsen Entscheidung der Wiener Festwochen, den Oligarchen Peter Thiel einzuladen – und die Einladung wieder zurückzunehmen, nachdem mehrere Künstler*innen und Autor*innen mit dem Boykott der Festwochen gedroht hatten. Denn diese Chose beruht auf einer bestimmten Vorstellung der Tragödie und ihrer politischen Rolle.

Festwochen-Intendant Milo Rau hat in einer Rede im September 2025 seinen künstlerischen Anspruch offengelegt: der antiken Tragödie zur Wiedergeburt zu verhelfen. Hintergrund dafür sind bestimmte theoretische Voraussetzungen, die Rau auf Friedrich Nietzsche zurückführt. Laut Rau entstand in der Moderne »eine Welt, völlig zivilisiert, völlig individualisiert, aber ohne geistiges Fundament. Eine Welt, die das bekommt, was sie verdient: Eine Metaphysik ohne Ziel, abgesehen von einem Exit-Plan für die Superreichen. Eine transzendenzlose Metaphysik, die alles Geistige, Spirituelle verachtet«. Das Vokabular des selbsterklärten Linken ist fast vollständig konservativen Denkrichtungen des 19. Jahrhunderts entnommen. Es legt eine einschlägige Deutung unserer Polykrisen nahe. Wenn der Welt das »geistige Fundament« fehle, seien Ungleichverteilung, Klimakrise und Krieg nur Symptome eines »spirituellen« Übels.

Das Gegenmittel dazu sei, suggeriert Rau, »eine neue tragische Dichtung, eine neue tragische Kunst«. Denn nur die Tragödie sei unserer Welt angemessen: Sie wisse um »den Terror der Mehrheit, um die Zerbrechlichkeit des Rechts, um die Lügenhaftigkeit der Sprache, die Blindheit der menschlichen Entscheidungen« – alles Lieblingsthemen antidemokratischer Denker à la Alexis de Tocqueville und Carl Schmitt. Es gehe »um unser zutiefst tragisches Wesen, um den geheimen Untergangswunsch der Menschheit«. Darin sei die Tragödie egalitär. Denn, so Rau, »in der tragischen Dichtung – und das ist der Irrtum aller Autokraten, behaupte ich – geht auch der Sieger leer aus. Am Ende von Sophokles’ ›Antigone‹ steht Kreon vor den Leichen seiner Familie. Als Agamemnon nach dem Sieg über Troja nach Hause zurückkehrt, wird er selbst zum Opfer der Gewalt, die er mit der Opferung von Iphigenie in Gang gesetzt hat. Die wahre Tragödie ist, nun ja, tragisch: Sie kennt keine Sieger, nur Besiegte.«

Inszenierung einer Tragödie

Und hier kommt Peter Thiel ins Spiel. Denn wenn die Tragödie einen Raum schafft, in dem es nur Besiegte gibt, dann muss man Peter Thiel nur in eine Tragödie integrieren, um ihn zu besiegen. Folglich die Einladung eines rechten Unternehmers auf ein links-liberales Kunstfestival. Wie es Rau in einem »Standard«-Interview von April 2026, also vor der Zusage Thiels, ausgedrückt hat: »Mit ›neuer tragischer Kunst‹ meine ich die Notwendigkeit, das alles, wie die Griechen, auf die Bühne zu bringen: Kreon, Antigone, Thiel, all die Glaubensführer unserer Zeit – alle auf die Bühne für ein gewaltiges Glaubens- und Menschheitstribunal!« Die Einladung des Tech-Faschisten erfolgte also aus einem totalitären Anspruch: Alles muss der Wiedergeburt der Tragödie untergeordnet werden.

Diese Logik beruht auf äußert fragwürdigen Annahmen: einer konservativen Anthropologie, einer antiegalitären Vorstellung von demokratischer Öffentlichkeit und einer traditionellen Theorie der tragischen Wirkung. Als Rau nach der Ausladung Thiels vom »Standard« gefragt wurde, ob er keine Bedenken habe, »dass die Entzauberung Peter Thiels nicht gelingen wird und er zu gut davonkommen könnte«, antwortete er nur: »Ausgeschlossen. Ich glaube, dass die Struktur, die wir diesem Gespräch gegeben hätten, […] diesen Ausgang nicht ermöglicht hätte.« Anders gesagt: Rau hatte die Festwochen mit der Schaffung eines Happenings betraut, das nur eine einzige Deutung zugelassen hätte. Zuseher*innen hätten mit derselben Konklusion aus dem Saal gehen sollen. Mit Debattenkultur hat das, allen Beteuerungen Raus zum Trotz, nichts zu tun. Das ist »Kulturkampf«-Logik, wie sie im Buche steht.

Du möchtest zum ABC der »Kulturkämpfe« beitragen und einen Artikel zu einem bestimmten Begriff schreiben? Sende deinen Vorschlag an: mitarbeit@skug.at

Link: https://skug.at/t/abc-der-kulturkaempfe/

favicon

Unterstütze uns mit deiner Spende

skug ist ein unabhängiges Non-Profit-Magazin. Unterstütze unsere journalistische Arbeit mit einer Spende an den Empfänger: Verein zur Förderung von Subkultur, Verwendungszweck: skug Spende, IBAN: AT80 1100 0034 8351 7300, BIC: BKAUATWW, Bank Austria. Vielen Dank!

Ähnliche Beiträge

Nach oben scrollen