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ABC der »Kulturkämpfe«: M wie Mindset

Slowenische, deutsche und US-Denker*innen kontern den Klassenkampf der Tech-Eliten. Nichts rechtfertigt transhumanoiden Sozialdarwinismus. Noch ist die bequeme Konsumgesellschaft, die via »Kulturkämpfen« von den Verursachern der Polykrisen abgelenkt wird, zu wenig verzweifelt. Ein Mindset-Slalom.

Ein Mindset, gleich ob in Otto-Normalverbraucher*innen oder den Eliten steckend, ist immer Ideologie-durchdrungen. In die Köpfe »gepredigt« seit x Generationen prägt eine Denkweise Mentalitäten. Unbewusst wirkt in jedem von christlicher Religion Tangierten der unselige Satz »Macht euch die Erde untertan« fort. Während Kritiker*innen vorgeworfen wird, sie seien Kommunist*innen, ist die Rede von Marktliberalen, dass der freie Markt alles regle, eine Ideologie, die überdeckt, wie dummdreist sie eigentlich ist. Eingepreist ist nicht die Naturzerstörung, die Ermordung und Vertreibung von Indigenen, welche die Biodiversität schützen, sondern der Boden, die daraus extrahierten Produkte oder Nutztiere haben einen Preis. Das Internet hätte, wäre es in der Ära Bill Clintons als journalistisches Medium, das aufgrund bestehender Gesetze eingehegt wird, eingestuft worden, für eine freiere Welt sorgen können, ist aber leider zum Retter des Kapitalismus umgepolt worden. Ein nicht regulierter freier Markt führt keineswegs zur Freiheit aller, sondern zu einer Überakkumulation von Kapital und somit Übermacht herrschender Eliten. Daraus folgen Demokratieabbau und der Abgrund Faschismus, sollten keine Strategien entwickelt werden, mit Regulativen und massiver Besteuerung der Überreichen diese für die Welt miserable Entwicklung zu stoppen. Sozialdemokratische Parteien Europas und die US-Demokraten haben nur die Profite der Globalisierung abgeholt und nicht auf eine eigene Industrie- und Standortpolitik beharrt. Im Prinzip ist das neoliberale Mindset in den US-Demokraten nicht weniger implantiert als bei den Republikanern. In dieser elitären, vermeintlich linken Partei gibt es Mechanismen, die eine Präsidentschaft von Bernie Sanders, der eine sozialdemokratische Politik verantwortet hätte, systematisch hintertrieben. Auch die europäischen Sozialdemokratien haben, obwohl ursprünglich gegründet, um Arbeiter*innenrechte durchzusetzen, ihre Prinzipien und damit auch ihre Wähler*innen verraten. Fatal ist diese neoliberale Denkweise in fast allen Politiker*innengehirnen verhaftet und hat speziell in Europa zu einer viel zu großen Abhängigkeit von den US-Plattformen (Zahlungssysteme, Clouds, KI etc.) geführt. Und leider haben Rechtspopulisten, die die Größe ihrer jeweiligen Staaten nostalgisch verklären, eine fatale Renaissance des nationalstaatlichen Denkens bewirkt – ein enormes Hindernis auf dem Weg zu einem starken, durchsetzungsfähigen Europa.

Realisierung rechtsextremer Hegemonie

Für den Rechtsautoritarismus, propagiert von Pseudophilosophen wie Curtis Yarvin, Monarchie-Vordenker des reaktionären Dark Enlightenment, ist eine demokratische Gesellschaft mit liberalen Institutionen ein absoluter Feind. Als »Kathedrale« bezeichnen diese skrupellosen Nihilisten einen vermeintlichen Elfenbeinturm, »einen selbstorganisierenden Konsens der progressiven Ideologie«, wozu vor allem öffentlich-rechtliche Medien, staatliche Institutionen und Universitäten zählen, die LGBTQ+, Frauen- und Minderheitenrechte und politische Korrektheit aka Wokeism fördern. Feinde sind somit etwa Universitätsprofessor*innen, oberste Beamte der staatlichen Bürokratie, aber auch Meritokraten wie CEOs von Weltkonzernen. Letzteres ist ein grober Widerspruch, weil gerade die feudalen Tech-Eliten weit abseits einer bürgerlichen Community nicht zu deren Besten agieren. Eine fatale Durchsetzungsmacht erzielt der radikalisierte Thinktank Heritage Foundation, der von erzreaktionären Unternehmern wie den Koch-Brüdern und libertären Tech-Tycoons mit Spendenmilliarden überschwemmt wurde und wird. Deren Strategiepapier »2025 Presidential Transition Project«, kurz »Project 2025«, führte mit den Executive Orders von Donald Trump zur Kaperung des US-Staates, dessen Folgen den Niedergang der Weltmacht USA beschleunigen. Und ein Mindset der Destruktion befördert, in dem Menschenrechte keine Rolle spielen, was auch in der internationalen Außenpolitik ungeheuren Schaden anrichtet. Kleines Beispiel: Zynischerweise hatten die Regierungen Israels und der USA zu Beginn des Iran-Kriegs den Plan, den von den Mullahs kaltgestellten Hardliner Mahmoud Ahmedinejad, der lang vor seiner Präsidentschaft im Iran ein Killerkommando in Wien befehligte, als obersten Führer zu installieren. Das iranische Volk kommt im Denken Netanjahus oder Trumps, die die Stärke und Stabilität des iranischen Terrorregimes enorm unterschätzten, gar nicht vor. 

Heinrich Geiselberger © YouTube

Allianz von Kapitaleignern und revoltierendem Pöbel

Obwohl auch Russland und China zur Achse des Bösen zählen, bewundern Trump und seine Adlaten die dortigen Potentaten und fördern wie diese Staaten eine rechtsextreme Internationale. Ziel ist die Zerstörung der Einheit Europas, was mit dem Brexit (Cambridge Analyticas nationalistische Mindsets beflügelnde Algorithmen) zum Teil bereits gelungen ist. Das sollte eigentlich nicht im Sinne europäischer Unternehmer sein, die im Hintergrund mit ihren Spenden aber massiv Rechtspopulisten an die Macht bringen, wenn sie nicht wie in Italien (Silvio Berlusconi), der Slowakei (Robert Fico) oder Tschechien (Andrej Babiš) selbst Premiers werden. Das Vehikel des Rechtspopulismus ist zum Gutteil eine Erfindung überreicher Konzernlenker (nie Frauen!), gleich ob aus der Tech- oder konventionellen Industrie. Quasi ein Klassenkampf von oben, der Abstiegs- und Fremdenängste schürt, weil sich daraus am meisten Stimmkapital zum Verfolgen eigener Interessen anhäufen lässt. Darauf hat Slavoj Žižek bereits 2015 in seinem Buch »Der neue Klassenkampf – Die wahren Gründe für Flucht und Terror« hingewiesen und auch der von Heinrich Geiselberger herausgegebene Reader »Oben rechts – Rechtspopulismus als Klassenprojekt« führt vor Augen, wie rigide die Mindset-Kaperung großer Bevölkerungsschichten geschieht und welche Ego-Agenda die Tech-Feudalen antreibt. 

Mit enormer Medienmacht und algorithmischen Steuerungen in den sozialen Medien lässt sich mit »Blödmaschinen« (Markus Metz/Georg Seeßlen über »Die Fabrikation der Stupidität«) von den wahren Problemen gut ablenken und sogar Angst vor Erbschaftsbesteuerung machen, weil die Masse der Bürger*innen nicht checkt, dass sie diese sowieso nicht treffen kann. Mit diesem Eindringen in die Mindsets aller, wovon die wenigsten registrieren, wie sehr sie gelenkt werden, weil die Hinterfragung der gestreuten (Des-)Informationen zu selten passiert, ist das Bündnis aus lokalen Unternehmern, fossilen Weltkonzernen und den Silicon-Valley-Oligarchen erst mit dem Schwenk vieler Tech-Unternehmer pro Trump, um eine strikte Deregulierung von KI durchzukriegen, richtig gefährlich geworden. Weil zu diesem Bündnis mit der rohen Bürgerlichkeit gewaltbereite Teile der Gesellschaft gehören, die zum Sturm auf demokratische Einrichtungen ermutigt wurden und werden. Vielen Mächtigen in der Finanz- und Tech-Welt sind die Folgen des Klimawandels sehr wohl bewusst. Investiert wird in Klimawandel-Desinformation und gleichzeitig in Fonds, die mit den Folgen der Erderwärmung spekulieren. Immerhin beweist Orbans Ungarn, dass der rechtsextreme kleptokratische Bogen (mangels demokratischer Kontrolle grassiert Korruption) auch überspannt werden kann, mit dem Ergebnis, dass keine linke Partei den Einzug ins ungarische Parlament geschafft hat.

Douglas Rushkoff © Fuzheado, Wikimedia Commons, CC BY 4.0

Sozialdarwinismus

Wie in Thatchers oder Reagans Denken und Handeln gibt es für Tech-Faschisten wie Peter Thiel und seine Vasallen von Elon Musk bis J. D. Vance keine Gesellschaft. Ihre Vision laut Douglas Rushkoff, Professor für Medientheorie und digitale Ökonomie am Queens College in New York, zu Gast im Open Space in der Ö1-Sendung »Dimensionen«: »Sie wollen, dass die menschliche DNA oder, genauer gesagt, ihre eigene DNA sozusagen in die Zukunft ausgedehnt wird. In eine Zukunft die sie selbst schaffen wollen. Dabei denken sie nicht an alle Menschen aus Fleisch und Blut, die heute auf der Erde leben. Der Mensch von heute ist nur insofern relevant, als er den Code inkorporiert hat. Und diesen Code wollen die Tech-Milliardäre auf die nächste Stufe heben. Die Tech-Bros-Klasse sucht fast verzweifelt nach einer Ideologie, die ihren Egoismus rechtfertigt. Sie bedient sich einer Philosophie, die sie effektiven Altruismus nennt, und eben Longtermismus. Diese Gedankenwelt spielt mit der Vorstellung, dass es in unserer Galaxie eines Tages, sei es in tausend Jahren oder vielleicht schon in hundert Jahren, Billionen von posthumanen, technologischen Wesen geben wird. Für die Tech-Bros sind die Billionen kleinen künstlichen Intelligenzen oder Bots, die sie schaffen wollen, wichtiger als die acht oder neun Milliarden Menschen von heute. In ihren Augen ist es gerechtfertigt, sich all der Menschen zu entledigen, die sie als niederes Leben ansehen. Kein hoher IQ, nicht brillant, kein Milliardär. All diese Menschen sollen Platz machen für die schmale Elite, die sich mit ihrer Technologie verewigt. Für sie ist es eine einfache mathematische Rechnung. Das Glück einer Billion posthumaner Kreaturen ist wichtiger als das Glück von acht Milliarden heutiger Kreaturen. Also ist es in Ordnung, die Welt für die Durchsetzung ihrer Interessen zu zerstören.«

Irrglaubende Ressourcenkiller

Peter Thiels mächtiger Einfluss, der als the man behind the curtain ständig die Fäden zieht, ist besonders schädlich für die Welt und er bezieht sich für seine egomanische Rechtfertigung gern auf die Bibel: »… in ihren Augen gibt es heute eine Handvoll Männer, die ebenso bedeutend für die Geschicke der Menschen sind wie Jesus. Ihr Job ist es, die menschliche Seins-Stufe zu transzendieren und auf die nächste Ebene emporzusteigen. Und dafür brauchen sie Ressourcen. Wenn wir die wertvollen Ressourcen des Planeten umverteilen und sie den Menschen in Afrika, Indien oder China geben, wenn also jeder Mensch auf der Welt bekommt, was er braucht, um leben zu können oder glücklich zu sein, dann entwenden wir in ihren Augen die wertvollen Ressourcen denjenigen, die das menschliche Stadium überwinden können. Und glauben sie mir, sie brauchen massiv viele Ressourcen, um ihre Raketen zu entwickeln, ihr Bewusstsein hochzuladen oder zu versuchen, den Tod zu überwinden.«

Warum wohl glauben Personen wie Thiel daran, nicht doch eines Tages vom Thron gestürzt zu werden? »Peter Thiel denkt, dass er mit seinem Überwachungsapparat und mit den prädiktiven Algorithmen, die er geschaffen hat, jeden aufspüren kann, der ihm zur Gefahr wird. Er muss nicht alle kriegen, es reicht, wenn er die Rädelsführer kriegt. Oder der Milliardär Larry Ellison, der mit seinem Project Stargate eine Datenbank mit der DNA aller Menschen anlegen will. Sie sind davon überzeugt, dass sie die Mittel innehaben, um uns zu überwachen. Und die Wahrscheinlichkeit zukünftiger Ereignisse vorauszusagen. Das entspricht in etwa dem, was der Science-Fiction-Autor Philipp K. Dick in seinen Romanen beschrieben hat. Sie denken, dass sie Roboterarmeen haben werden, sodass sie niemanden mehr davon überzeugen müssen, auf ihrer Seite zu stehen. Sie denken, dass es ausreichen wird, eine Handvoll gut bezahlter Ingenieure an ihrer Seite zu wissen, die die Roboter bauen und programmieren. Willst du im Schloss leben, dann bau’ mir meine Roboter. Willst du draußen leben, dann wird jemand anderer die Roboter bauen und wir werden dich kriegen. So denken sie.«

Renata Salecl © MirkoS18, Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0

Slowenische Lacan-Schule über die Identifikation mit Trump 

Nachdem schon der Neoliberalismus seit Thatcher und Reagan dem Individuum die Schuld am Scheitern zuweist, dient die Befeuerung von Wut und neidischen Emotionen bei den Unterprivilegierten und beim Mittelstand dem Aufbau einer Allianz von frustrierten (ultra-)konservativen, antiliberalen Bürger*innen mit einer Elite, die den Staat für ihrer Zwecke nutzt. Trump ist die Lichtgestalt für die Schäbigen aus den Fly-Over-States (Hillary Clinton), spricht wie sie eine derbe Sprache voller Ressentiments, hat also verstanden, wie man das Mindset des Pöbels anzapft und für sich instrumentalisieren kann. Gemäß Renata Salecl, die der Laibacher Lacan-Schule angehört, ist Trump als erfolgreicher Geschäftsmann, der doch Außenseiter des Systems blieb, eine Idealbesetzung, um Wählerstimmen von sozial Deklassierten und vom Mittelstand, der Aufstiegsträume desillusioniert platzen sieht, zu lukrieren. Die in London und New York lehrende Philosophin, Soziologin, Rechtstheoretikerin und Kolumnistin erklärte für eine Ö1-»Dimensionen«-Sendung das Psychogramm seines Erfolges, der nicht nur politische und ökonomische Gründe hat. Trump verspricht in einer komplizierten Welt der Polykrisen, die er zuletzt selbst immens verstärkte (Hormus) einfache Lösungen, doch auch »seine sexuellen Transgressionen schufen eine Art der Identifikation. Die Menschen wollen vielleicht die Grenzen nicht so überschreiten wie Trump, aber sie freuen sich, jemanden wie Trump zu beobachten. Jemanden der grob ist und unfreundlich und der seine eigene Grobheit öffentlich genießt.« Laut Salecl hat Trump die Regeln für den öffentlichen Diskurs geändert, sie geöffnet für Grobheit und für Zügellosigkeit. Obwohl Trump unwahre, alternative Fakten in die Welt setzt, etwa über seinen Kanal Truth Social, berichten ständig alle seriösen Medien über ihn. Seit der Corona-Pandemie wird die Autorität der Wissenschaft untergraben, statt Intellektuellen haben im Netz Influencer das Sagen. »Wir haben heute nicht mehr unbedingt Respekt vor Menschen, die jahrelang studiert haben. Ein Influencer oder eine Influencerin kann online viel mehr Anerkennung bekommen als eine sachkundige Person aus der Wissenschaft. Dass es überhaupt Influencer gibt, als eigenen als Beruf, hat viel damit zu tun, dass es die neoliberale Vorstellung gibt, dass es jeder schaffen kann.«

Psychoanalytische Ursachenforschung

Tieferliegende Gründe, warum ein offensichtlich Schamloser an die Macht gepusht werden konnte, erklärt Salecl, die übrigens mit Žižek verheiratet war, via Psychoanalyse mit interdisziplinärem Ansatz. »Er hat auch einen wunden Punkt, bevor er Präsident wurde, hatte er das Gefühl, in der New Yorker Gesellschaft und vom politischen Milieu nicht richtig anerkannt zu werden. Und deshalb drückt er ständig eine Art Schmerz aus, weil Trump sich als Outsider fühlte. Mit diesem Schmerz und seiner Selbststilisierung als Außenseiter können sich viele gut identifizieren.« Das Bedürfnis nach Anerkennung und Aufmerksamkeit besteht bereits in der frühen Kindheit, etwa der Neid älterer Geschwister auf jüngere, wobei diese Defizite insbesondere vom Geschäftsmodell Social Media kompensiert werden können, wo besonders negatives Verhalten wie die Streuung von Fake News, Dislikes oder Hassmails eine Erhöhung über andere ermöglicht. Was laut Salecl sehr lustvoll sein kann: »Dänische Politikwissenschafter haben Menschen interviewt, die mit großer Leidenschaft Fake News verbreiten. Wie sich herausstellte, haben sie das nicht getan, um andere von der eigenen Meinung zu überzeugen, sie wollten die anderen, die nicht ihrer Meinung waren, ärgern. Wenn man es schafft, dass jemand wütend ist, ist das auch eine Form von Anerkennung. Und dazu kommt noch die Anerkennung aus eigenen Kreisen, durch Likes usw. (…) Neid ist oft mit dem Wunsch verbunden, den Genuss zu zerstören, den wir bei anderen wahrnehmen. Lacans Begriff ›Juissance‹ versteht Genuss als so etwas wie einen Drang, oder einen Druck im Subjekt. Dieser Druck führt dazu, dass das Subjekt niemals vollständig befriedigt wird. Und oft hat das Subjekt den Eindruck, dass jemand anderer mehr genießt als es selbst oder dass jemand, der genießt, ihm etwas stiehlt. (…) Das ist sozusagen der Punkt, an dem wir den Genuss berühren. Und wir denken, wenn wir den andern loswerden, dann können wir selbst genießen. Das geschieht aber nie, das Subjekt kann den Moment absoluter Glückseligkeit in gewisser Weise nie erreichen.«

Eva von Redecker © Jindřich Nosek, Wikimedia Commons, CC BY 4.0

Gnadenloser Sado-Populismus 

Gewissermaßen wird an dieser Stelle auch offenbar, welche für Demokraten abstrusen Denkweisen den Kern des aktuellen Faschismus ausmachen. Eva von Redecker hat dazu das Buch des Jahres geschrieben: In »Dieser Drang nach Härte –Über den neuen Faschismus« entlarvt die Philosophin eine entfesselte Eigentumslogik im Spätkapitalismus. Auch wenn es meist nur ein Phantombesitz ist, wird dieser bis zum Mord bedingungslos verteidigt. Der Genussdieb ist der Feind. Genauso entkoppelt vom materiellen Eigentum sind etwa Nation oder Feminismus. Identitäre verkünden die rabiate Erzählung vom großen Austausch, weil Migrant*innen fruchtbarer seien und noch dazu Sozialleistungen »rauben«. Der Rassist hat zwar einen Vernichtungswunsch, sei selbst aber unschuldig, weil er Opfer sei, weil er sich einredet, dass sein gar nicht vorhandenes Eigentum (etwa Familienbeihilfe für kinderreiche Familien) gestohlen würde. Feministinnen seien somit für den Geburtenrückgang der angestammten Bevölkerung verantwortlich. Trumps Gezeter um die US-Präsidentenwahl im Jahr 2000, die er angeblich gewonnen hat, ist ebenso eine Opferinszenierung, wo eine scheinbare Sachherrschaft verabsolutiert wird. Die Zerstörungslust des von ihm angestachelten Mobs beim Sturm aufs Kapitol war eine erschütternde Demaskierung. 

Slavoj Žižek brachte in »Everything you wanted to know about Marx but were afraid to ask Freud« Trumps Schüren des Genusses am Unbehagen anderer noch präziser auf den Punkt. Wiedergegeben in einer komprimierten Zusammenfassung seines Vortrags in der Wiener Kulisse am 3. Mai 2026 in der Ö1-Sendung »Kulturjournal«: »Die große Veränderung ist, dass unser Wertesystem selbst kollabiert. Die Unterschiede zwischen Trump und einem klassischen Despoten liegen auf der Hand. Während der Despot sagt: ›Genug der Vergnügungen und des leichten Lebens, es ist Zeit für große Opfer, die Pflicht ruft‹, fordert Trump genau dasselbe von den Menschen, formuliert es aber anders. Er sagt nämlich: ›Tut eure Pflicht und genießt es.‹ Was er also verspricht, ist mehr Lust, die im Quälen und Erniedrigen der anderen steckt.« 

Gemeinschaft wider Armageddon und Apokalypse 

Wie aber ein Szenario verhindern, dass die Tech-Faschisten ein Ende der Zivilisation herbeiführen könnten? Könnten Generalstreiks im Zeitalter von KI und Robotik einfach verpuffen? Gemäß einem von Steve Bannon von Antonio Gramsci gestohlenen Spruch ist die Politik der Kultur nachgelagert. Es geht Rushkoff nicht um technologische Aspekte, da die kulturellen mehr Bedeutung haben. Es geht wie im Theater darum, »dass die Menschen sich bewusst mit dem Boden unter ihren Füßen verbinden und Augenkontakt miteinander aufnehmen. Emmanuel Lévinas betont die Wichtigkeit des direkten, zwischenmenschlichen Kontakts. Das macht einen Menschen zum Menschen. Hier könnte der Widerstand gegen die Tech-Oligarchen ansetzen. In der zwischenmenschlichen Begegnung geschieht das Heilige, das Besondere und das Geheimnisvolle, das einen Menschen ausmacht.« Das Opponieren gegen Rechtspopulismus sollten die Gegner auf keinen Fall mit ähnlichen Maßnahmen bestreiten. Dazu zählt Salecl Gemeinschaft förderndes Verhalten, in dem Wert auf positive Gefühle, Humor und Höflichkeit gelegt wird. Slavoj Žižek ist d’accord, führt aber näher aus, was es noch braucht, dass endlich eine Strategie gefunden wird, um in der gegenwärtigen Schwellenzeit das weitaus bedrohlichere System des Techno-Feudalismus, der den alten globalen Kapitalismus ablöst, entmachten zu können. 

Slavoj Žižek © Amrei-Marie, Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0

»Wir brauchen mehr Verzweiflung«

»Schön wäre es, wenn sich die Menschheit auf ein höher entwickeltes Gesellschaftssystem hinzubewegen würde, in dem Solidarität und Verantwortungsbewusstsein das Sagen haben. Leider ist gerade das Gegenteil der Fall. Wir arbeiten an unserer Selbstdestruktion, weil wir die Umwelt zerstören, weil wir die unkontrollierte Herrschaft der KI zulassen und weil uns globale Kriege drohen, und deshalb sollten wir in unserer Entwicklung die Notbremse ziehen. Walter Benjamin hatte einmal gemeint, vielleicht seien Revolutionen nicht die Motoren der Weltgeschichte, sondern der Versuch der Menschen, in der Geschichte die Notbremse zu ziehen.« Wir sollten uns nicht dem Luxus der bequemen Resignation hingeben. Die Mehrheit frönt einem Mitläufertum, das schweigend den hetzerischen, polemischen und unbarmherzigen Sado-Populismus der Rechtsaußenpolitik hinnimmt. Wie könnten nun Wunder passieren, um die nun bald fünfzig Jahre auf uns einwirkende neoliberale Propaganda zu überwinden?

Dieser Gehirnwäsche light, einer Tyrannei der Aufmerksamkeit auf das Falsche, die ständig davon ablenkt, dass die wahren Ursachen unserer Miseren die mangelnde Regulierung und Besteuerung der Überreichen, die brandgefährliche, monströse Ich-Mindsets gebar und gebiert, ist. Wenn Žižek davon spricht, dass er ein überzeugter Kommunist ist, meint er selbstverständlich, dass eine sozial gerechte und freie, solidarische Gesellschaft keine Utopie ist. Ausgerechnet Donald Trump beweise dies derzeit: »Schauen sie sich an, was Trump macht, wenn er die Zölle künstlich erhöht, handelt er fast wie ein verrückter Kommunist, weil er die Regeln des freien Marktes verletzt. Hoffnung machen wolle er allerdings nicht mit diesem Vortrag. Ganz im Gegenteil. Ich mag die Formulierung, es gibt noch Hoffnung, nicht, weil das ja bedeuten würde, dass die Situation gar nicht so schlimm ist und die Dinge ruhig so weitergehen könnten. Nein! Wir brauchen Verzweiflung. Sie ist unsere einzige Hoffnung. Wir brauchen mehr Verzweiflung.« 

Quellen:

  • Heinrich Geiselberger (Hg.): »Oben rechts – Rechtspopulismus als Klassenprojekt« (Suhrkamp, 2026) 
  • Douglas Rushkoff: »Survival of the Richest: Warum wir vor den Tech-Milliardären noch nicht einmal auf dem Mars sicher sind« (Suhrkamp, 2025)
  • Douglas Rushkoff im Gespräch mit Alexander Behr über »Die Mindset-Ideologie der Tech-Bros«, Ö1, »Dimensionen – Open Space«, 7. Mai 2026
  • Renata Salecl befragt von Lukas Wieselberg zu »Warum identifizieren sich so viele Menschen mit Donald Trump?«, Ö1, »Dimensionen«, 21. Mai 2026 
  • Eva von Redecker: »Dieser Drang nach Härte – Über den neuen Faschismus« (S. Fischer Verlag, 2026)
  • Slavoj Žižek: »Der neue Klassenkampf – Die wahren Gründe für Flucht und Terror« (Ullstein Verlag, 2015)
  • Slavoj Žižek: Die Paradoxien der Mehrlust – Ein Leitfaden für die Nichtverwirrten« (S. Fischer Verlag, 2025) 
  • Slavoj Žižek am 3. Mai 2026 in der Wiener Kulisse: »Everything you wanted to know about Marx but were afraid to ask Freud«, Ö1 »Kulturjournal«, 4. Mai 2026

P.S.: Zum »faschistoiden Mindset der Techno-Feudalen« hat Douglas Rushkoff bereits im letzten Kapitel von Europa am Abgrund essenziell doziert.

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