Baška, Krk, Kroatien, Ende des 19. Jahrhunderts © Rudolf Horvat: »Slike iz hrvatske povijesti«, Zagreb, 1910, Wikimedia Commons, gemeinfrei
Baška, Krk, Kroatien, Ende des 19. Jahrhunderts © Rudolf Horvat: »Slike iz hrvatske povijesti«, Zagreb, 1910, Wikimedia Commons, gemeinfrei

Raíces nas augas – Teil 1: Von Baška an den Río de la Plata

Hugo Javier Freitas forscht über die Migration aus Europa nach Südamerika. Der Historiker und Autor aus Buenos Aires erinnert an Motive und Lebenswege, die zur Auswanderung ins Río-de-la-Plata-Delta nach Argentinien und Uruguay bewogen. Teil 1 der Serie bewegt sich auf den Spuren von Marko Grandić.

»Raíces nas augas«, übersetzt »Wurzeln im Wasser«, lautet der Titel einer neuen skug Erinnerungskultur-Serie von Hugo Javier Freitas. Der argentinische Historiker und Geschichtslehrer in Buenos Aires ist Autor des gleichnamigen Buches, einem Werk über europäische Migrationen in den Río-de-la-Plata-Raum und die Spuren, die Auswanderung über Generationen hinweg hinterlässt. Diese Geschichten von transatlantischen Lebenswegen zwischen dem 19. und 20. Jahrhundert widmen sich zunächst der Auswanderung aus dem habsburgischen Adria-Raum. Der rote Faden ist nicht eine nationale Migrationsgeschichte, sondern der an der Grenze zwischen Argentinien und Uruguay gelegene Río de la Plata als Schnittpunkt verschiedener europäischer Lebenswege. Denn nicht nur Triest und Genua waren Tore nach Amerika, auch französische, britische und iberische Reedereien trugen massiv zur europäischen Einwanderung in die boomenden Staaten Argentinien und Uruguay bei. Besonders die Zentren um den Río de la Plata übten eine hohe Anziehungskraft aus. Die Migration nach Südamerika kann nicht isoliert aus einem einzelnen Land heraus verstanden werden, sondern ist vielmehr Teil eines größeren europäischen und transatlantischen Beziehungsgeflechts. Freitas lässt in dieser Serie Archive (Pfarrbücher, Tauf- und Personenstandsregister, Familienarchive, Passagierlisten, Einwanderungsunterlagen, Briefe und Fotografien) sprechen und reflektiert, wie Menschen aus Österreich-Ungarn, Italien, Frankreich, Großbritannien und von der Iberischen Halbinsel auf unterschiedliche Weise an der wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Entwicklung der Zonen um den Río de la Plata beteiligt waren. Teil 1 der Serie ist stark im habsburgischen Kontext verankert und dem Schicksal von Marko Grandić gewidmet, der von Kroatien aus nach Südamerika auswanderte.

Taufbuch der Pfarre Baška mit Taufeintrag von Marcus Marius Grandić (geb. 18. April 1871), Quelle: Državni arhiv u Rijeci / Staatsarchiv Rijeka © Reproduktion aus Hugo Javier Freitas’ Privatarchiv

Die Modernisierung der Monarchie

An einem Morgen gegen Ende der 1880er-Jahre verließ ein junger Mann die kleine Ortschaft Baška auf der Insel Krk. Wie viele andere Bewohner der adriatischen Küstenregionen stand er vor einer Entscheidung, die sein gesamtes Leben verändern sollte. Hinter ihm lagen die steinigen Hänge seiner Heimat, die vertrauten Wege des Dorfes und die begrenzten Möglichkeiten einer Inselgesellschaft. Vor ihm lag eine Reise von Tausenden Kilometern – zunächst durch die Verkehrswege der Habsburgermonarchie, dann über das Mittelmeer und schließlich über den Atlantik bis an den Río de la Plata. Der junge Mann hieß Marko Grandić. Auf den ersten Blick scheint seine Geschichte nur eine von vielen Auswanderungsgeschichten des späten 19. Jahrhunderts zu sein. Doch bei näherem Hinsehen eröffnet sie eine weiterreichende Frage: Welche Verbindung bestand zwischen Wien, dem politischen Zentrum der Habsburgermonarchie, und den Lebenswegen jener Menschen, die ihre Heimat verließen und in Südamerika ein neues Leben begannen?

Im 18. Jahrhundert stand die Habsburgermonarchie vor großen Herausforderungen. Um die Funktionsfähigkeit des Staates zu stärken, leitete Maria Theresia umfassende Reformen ein, die unter ihrem Sohn Joseph II. fortgeführt wurden. Zu den bedeutendsten Veränderungen gehörte der Ausbau der Elementarschulbildung. In zahlreichen Regionen entstanden Schulen, die grundlegende Kenntnisse im Lesen, Schreiben und Rechnen vermitteln sollten. Die Reformen waren keineswegs von modernen Vorstellungen sozialer Gleichheit getragen. Vielmehr benötigte der Staat Untertanen, die Verwaltungsanordnungen verstehen und sich innerhalb einer zunehmend komplexen Bürokratie bewegen konnten. Langfristig hatten diese Maßnahmen jedoch Folgen, die weit über ihre ursprünglichen Ziele hinausgingen. Die Alphabetisierung erleichterte den Zugang zu Informationen. Menschen wurden beweglicher – nicht nur geografisch, sondern auch geistig. Sie konnten sich Möglichkeiten vorstellen, die früher außerhalb ihres Erfahrungshorizonts gelegen hatten.

Ankunftseintrag von Marco Grandich im Hafen von Buenos Aires am 9. Februar 1890 (Schiff Provence), Quelle: CEMLA – Centro de Estudios Migratorios Latinoamericanos © Reproduktion aus Hugo Javier Freitas’ Privatarchiv

Von der Adriaküste nach Südamerika

Die Reformen der Habsburgermonarchie sollten den Staat stärken. Langfristig trugen dieselben Prozesse jedoch dazu bei, Menschen mobiler zu machen. Alphabetisierung, Verkehrswege, wirtschaftliche Integration und administrative Vereinheitlichung erweiterten die Handlungsmöglichkeiten vieler Untertanen. Die Monarchie schuf nicht bewusst Auswanderer. Doch sie schuf Menschen, die besser in der Lage waren, neue Chancen zu erkennen und neue Wege einzuschlagen. Die Auswanderung war daher nicht nur eine Reaktion auf wirtschaftliche Schwierigkeiten. Sie war auch eine Folge jener Modernisierung, die Europa im 19. Jahrhundert grundlegend veränderte.

In den Küstenregionen der Monarchie zeigte sich diese Entwicklung besonders deutlich. Das Adriatische Meer war seit Jahrhunderten ein Raum der Bewegung. Händler, Seeleute, Fischer und Handwerker waren an Kontakte über regionale Grenzen hinweg gewöhnt. Gleichzeitig waren die Lebensbedingungen vielerorts schwierig. Auf den Inseln und in zahlreichen Küstengebieten standen nur begrenzte landwirtschaftliche Flächen zur Verfügung. Die Bevölkerung wuchs, während die wirtschaftlichen Möglichkeiten oft hinter diesem Wachstum zurückblieben. Für zahlreiche junge Männer und Frauen wurde die Auswanderung zunehmend zu einer realistischen Option.

Wenn Wien das politische Herz der Habsburgermonarchie war, dann war Triest ihre maritime Lunge. Im Laufe des 19. Jahrhunderts entwickelte sich die Stadt zu einem der bedeutendsten Häfen Europas. Als wichtigster Seehafen der Monarchie verband sie Mitteleuropa mit dem Mittelmeerraum und darüber hinaus mit den globalen Handelsrouten. Um 1900 war Triest nach Wien eine der wichtigsten Städte der Monarchie. Für viele Auswanderer aus Kroatien, Dalmatien, Istrien und anderen Regionen der Monarchie stellte die Stadt den ersten Schritt in eine globale Welt dar. Triest war nicht nur ein Hafen. Es war ein Ort der Vorstellungskraft. Wer hier ankam, konnte erstmals konkret sehen, dass Amerika nicht nur eine Hoffnung war, sondern ein erreichbares Ziel.

Hafen von Buenos Aires, ca. 1880 © Archivo Casa Witcomb, Archivo General de la Nación Argentina, Wikimedia Commons, gemeinfrei

Auf den Spuren von Marko Grandić

Marko Grandić wurde 1871 in Baška auf der Insel Krk geboren. Seine Kindheit verlief in einer Gesellschaft, die von harter Arbeit, familiären Bindungen und begrenzten wirtschaftlichen Möglichkeiten geprägt war. Die Rekonstruktion seines Lebensweges basiert auf Pfarrmatriken, Personenstandsregistern, Passagierlisten, Einwanderungsunterlagen und familiären Dokumenten, die heute in Kroatien, Uruguay und Argentinien aufbewahrt werden. Gegen Ende der 1880er-Jahre entschloss er sich, seine Heimat zu verlassen. Wie zahllose andere Auswanderer aus dem adriatischen Raum dürfte sein Weg zunächst über die Verkehrsnetze der Monarchie geführt haben. Von dort aus gelangte er nach Genua und schließlich über den Atlantik nach Südamerika. Als Marko im Februar 1890 Buenos Aires erreichte, befand sich Argentinien in einer Phase außergewöhnlicher Entwicklung. Das Land zog Hunderttausende europäische Einwanderer an. Später ließ er sich in Conchillas in Uruguay nieder, wo die britische Firma Walker & Co. umfangreiche Infrastruktur- und Bauprojekte betrieb. Er gründete eine Familie und verbrachte einen wesentlichen Teil seines Lebens dort. Seine Geschichte war individuell. Doch sie stand zugleich stellvertretend für Tausende ähnliche Lebenswege.

Heute erscheint die Entfernung zwischen Wien und dem Río de la Plata gewaltig. Doch die Geschichte zeigt, dass beide Räume enger miteinander verbunden waren, als man zunächst vermuten würde. Als Marko Grandić 1890 in Buenos Aires von Bord ging, dachte er vermutlich nicht an Wien. Dennoch war sein Lebensweg in vielfacher Hinsicht mit Entwicklungen verbunden, die ihren Ursprung im Zentrum der Habsburgermonarchie hatten. Seine Geschichte erinnert daran, dass die großen Reformen europäischer Staaten nicht nur Verwaltungen und Institutionen veränderten. Sie beeinflussten auch das Leben gewöhnlicher Menschen, deren Wege sie bis an die Ufer des Río de la Plata führten. Viele dieser Geschichten liegen noch verborgen – in Familienarchiven, Passagierlisten, Pfarrbüchern und privaten Briefen. Sie wiederzuentdecken, bedeutet nicht nur, die Geschichte der Auswanderung besser zu verstehen. Es bedeutet auch, die Geschichte der Habsburgermonarchie aus einer neuen Perspektive zu betrachten: als Teil einer größeren transatlantischen Geschichte, die Menschen, Erinnerungen und Kontinente miteinander verband.

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