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ABC der »Kulturkämpfe«: S wie Shitstorm

Shitstorms fallen nicht vom Himmel. Sie haben Phasen, Akteure und eine Dramaturgie. Über die österreichische Kulturlandschaft, den Kickl-Reflex und warum Stieglfahnenschwenker und Awareness-Influencer eigentlich Kollegen sind.

Jetzt ist schon wieder was passiert. Ein Interview. Ein Post. Eine Aussage bei einer Podiumsdiskussion, die eigentlich niemand interessiert hat, bis sie jemand interessant findet. Es reicht ein Like. Ein falsches Folgen. Dieses Bild aus dem Jahr 2014, das jetzt, ein paar Jahre später, eine neue Bedeutung hat, weil die Welt sich verändert hat und das Bild nicht. Bloß: Dem Shitstorm ist das egal. Es war ihm schon immer scheißegal.

Der Begriff ist, das muss man neidlos anerkennen, eine der präzisesten Erfindungen der digitalen Epoche. Er enthält keinen akademischen Weichspüler. »Shit«. »Storm«. Das sind Exkremente, die sich meteorologisch verhalten. Es kommt von oben, von allen Seiten. Man wird nass, man riecht danach. Und wenn er vorbei ist, steht man da und fragt sich, was das jetzt eigentlich war. Der eingedeutschte Begriff »Empörungswelle« klingt dagegen wie ein Wellnessangebot. Die Feuilleton-Lösung »Entrüstungsspirale« wie ein IKEA-Produkt. Nur »Shitstorm« hat die Würde der ehrlichen Geschissenheit.

Und Österreich hat ein besonderes Verhältnis zum Shitstorm. Das liegt nicht daran, dass man zwischen Bodensee und Burgenland besonders empörbar wäre. Es hat eher damit zu tun, dass wir eine ausgeprägte Tradition der Gemütlichkeit mit einer ebenso ausgeprägten Tradition der Bösartigkeit kombinieren. Der Wiener sagt »Bitte« und meint »Geh scheißen«. Diese kulturelle Doppelstruktur findet im Shitstorm ihre digitale Vollendung. Man kann gleichzeitig nett und vernichtend sein. Das ist handwerklich zumindest beeindruckend.

Die fünf Phasen des Shitstorms

Jeder Shitstorm hat eine Logistik. Es ist das Erste, was man verstehen muss, um nicht wahnsinnig zu werden. Der Shitstorm fällt nämlich nicht einfach vom Himmel, auch wenn er sich so anfühlt. Er hat Phasen und Akteure, außerdem eine innere Dramaturgie, die so verlässlich ist wie der Fahrplan der Wiener Linien. Also: meistens verlässlich, manchmal katastrophal verspätet und am Ende kommt man trotzdem irgendwo an, wo man nicht hinwollte.

Beginnen wir mit Phase eins: die Zündung. Irgendjemand sagt, schreibt, likt, teilt oder existiert auf eine Art, die jemand anderen stört. Das Stören ist der Rohstoff. Ohne Stören kein Shitstorm. Wichtig: Die Größe des ursprünglichen Anlasses hat keine Korrelation zur Größe des folgenden Shitstorms. Das ist eine der erstaunlichsten Eigenschaften des Formats. Ein mittelschwerer Fauxpas kann spurlos verschwinden. Eine Kleinigkeit kann explodieren. Warum? Algorithmen. Zufälle. Weil jemand gerade einen schlechten Tag hat. 

Mit der Empörungslogistik schieben wir uns in Phase zwei. Hier organisiert sich die Empörung. Das geht schneller, als man denkt, und langsamer, als man hofft, wenn man betroffen ist. Es bilden sich Lager. Lager A findet: Das geht gar nicht. Lager B findet: Ihr übertreibt. Lager C findet: Ich habe das doch schon immer gewusst. Lager D postet Screenshots. Lager E erklärt in einem siebenminütigen Instagram-Video »Ich muss das jetzt ansprechen«, wobei »jetzt« bedeutet: nachdem ich mir drei Stunden lang alles angesehen und einen Kräutertee gemacht habe und meine Beleuchtung optimiert habe.

Phase drei: die Sekundärempörung. Das sind jene Leute, die sich über die Empörung empören. »Ist das wirklich das Problem, das wir gerade haben?« Ja. Gerade schon.

Die Tertiärempörung leitet Phase vier ein. Gemeint sind jene, die sich über die Leute empören, die sich über die Empörung empören. An diesem Punkt spielt das ursprüngliche Ereignis keine Rolle mehr. Es ist nur noch Strukturempörung. Empörung als Dauerzustand, als Persönlichkeitsmerkmal. Von und für Menschen mit zu viel Tagesfreizeit.

Phase fünf, schließlich: der Moralkater. Er kommt immer zwei, drei Tage später. Man scrollt durch die eigenen Kommentare. Man hat mitgemacht. Man war Teil der Bewegung. Jetzt ist es still. Die Person, um die es ging, hat sich entschuldigt oder ist abgetaucht oder beides. Und man sitzt da mit einem moralinsauren Nachgefühl, an etwas teilgenommen zu haben, das sich im Rausch richtig angefühlt hat und im Nüchternzustand fragwürdig wirkt. Zum Glück gibt es die österreichische Lösung: Man spricht einfach nicht mehr darüber.

Österreich, Österreich, Österreich!

Man muss der Bierzelt-Tristesse der FPÖ eines lassen: Sie hat die Empörungslogistik zur Industrieform gebracht. Was bei anderen Zufallsprodukt ist, ist bei ihr Qualitätskontrolle. Der Kickl-Reflex, benannt nach einem Mann, der aussieht wie ein Gymnasialprofessor, der zu oft Nietzsche gelesen und sich dabei etwas Falsches gedacht hat, ja, der Kickl-Reflex funktioniert so: Man nehme ein kulturelles Ereignis. Man identifiziere darin ein Element, das sich als »Angriff auf unser Volk« deuten lässt. Man empöre sich öffentlich und kassiere die Empörungsrendite: Klicks, Shares, Stimmen.

Das Schöne im Sinne von: das Perverse an dieser Methode ist ihre Effizienz. Der Eurovision Song Contest in Wien: Empörungsrendite. Die Burgtheater-Subventionen: Empörungsrendite. Ein Konzert einer Band, die irgendjemand aus der Kulturredaktion des »Standard« für bedeutsam hält: Empörungsrendite. Das Volkstheater unter der Intendanz, die irgendwas mit Diversität macht: Goldgrube.

Die FPÖ-Kulturpolitik ist im Kern Shitstorm-Politik. Sie produziert keine Kultur, sie reagiert auf Kultur. Sie ist parasitär in dem Sinne, dass sie den Wirt braucht, um zu existieren. Ohne das Burgtheater kein Anti-Burgtheater-Sentiment. Ohne queere Kunst keine Anti-queere-Kunst-Kampagne. Ohne Förderungen keine Förderungskritik. Das macht sie, strukturell betrachtet, zu den größten Fans der Wiener Kulturszene. Sie können nicht ohne uns. Das sollten wir öfter sagen, laut, und dann lachen.

Wäre da nicht der Täter-Opfer-Flip, also die Kunst, in einem einzigen rhetorischen Schachzug vom Angreifer zum Angegriffenen zu werden. Das funktioniert so: Man greift an. Die Gegenseite reagiert. Man sagt: »Seht ihr? Die Linken wollen uns zensieren. Wir werden gecancelt.« Man ist jetzt Opfer. Man hat Betroffenheitskapital akkumuliert, ohne je wirklich betroffen gewesen zu sein. Chapeau, wie man auf Wienerisch niemals sagt.

Der Awareness-Influencer-Komplex

Die andere Seite, die Pseudolinken und Awareness-Influencer, sie machen es nicht besser. Sie teilen schwarze Kacheln mit weißer Betroffenheit. Sie sagen: »Ich muss das jetzt ansprechen« und artikulieren dann sieben Minuten nichts, fühlen aber sehr viel. Es sind alle, für die Aktivismus eine persönliche Brand ist, eine Content-Strategie für ein Karrieremodell, die sich als Haltung verkleidet.

Wien hat davon eine bemerkenswerte Dichte. Das liegt an der Kombination aus überschaubarer Kulturszene, hohem Selbstbewusstsein und Instagram. Wenn in einer Stadt alle Kulturschaffenden irgendwie miteinander vernetzt sind, alle in denselben vier Bezirken wohnen und alle dieselben zehn Cafés frequentieren, dann entstehen soziale Druckverhältnisse, die Shitstorms regelrecht kultivieren. Man kennt sich. Man beobachtet sich. Man weiß, wer mit wem und wer gegen wen und wer sich wie verhält und so weiter. Sobald jemand ausfällt, also: wenn jemand etwas sagt oder tut, das nicht der aktuellen Moralvorstellung entspricht, dann ist die Infrastruktur für einen Shitstorm bereits vorhanden. Es fehlt nur der Funke.

Der Unterschied zwischen struktureller Kritik und persönlicher Vernichtung ist einer, den linke Shitstorms nicht immer kennen wollen. Strukturelle Kritik sagt: »Das System produziert schlechte Ergebnisse und hier ist, warum.« Persönliche Vernichtung sagt: »Diese Person ist das System und hier ist eine Insta-Story von 2016.« Das Erste ist schwierig und notwendig. Das Zweite ist einfach und befriedigend. Der Algorithmus belohnt das Einfache, weil der Algorithmus immer das Einfache belohnt. 

Dazu kommt: Argumente sind anstrengend und linke Subkultur ist dank Privatisierung des Widerstands nur noch eine Selfie-Station der moralischen Überlegenheit, die sich beim Pilateskurs oder zur Naturweinverkostung, spätestens aber im Safe Space trifft. Dort darf man sich dann zum Abopreis richtig fühlen. Den Link zum Empowerment findet ihr übrigens in der Bio, wau! 

Das Betroffenheitskapital ist die Währung dieser Ökonomie. Wer am stärksten betroffen ist (oder am überzeugendsten so tut), hat am meisten zu sagen. Das führt zu einer seltsamen Hierarchie der Leidenden, in der Betroffenheit nicht geteilt, sondern akkumuliert und dann reinvestiert wird. Ich bin betroffen, also habe ich recht. Ich bin betroffener als du, also habe ich mehr recht. Ich kenne noch wen, der am betroffensten ist, also bin ich die Stimme, die zählt.

Und so zieht er auf, der Shitstorm. Alle machen mit, auch die, die eigentlich nicht wollen. Weil das soziale Kosten hat, wenn man nicht mitmacht. Weil Schweigen als Komplizenschaft gilt. Weil die Aufregungsinfrastruktur – Algorithmen plus Lagerdenken plus sozialer Druck plus zu viel Freizeit – es einfacher macht, mitzumachen als nicht mitzumachen. Der Shitstorm ist ein Kollektivphänomen, das sich als individuelle moralische Entscheidung verkleidet.

Was bleibt vom Shitstorm?

Nichts. Der Shitstorm hinterlässt nichts Substanzielles. Niemand verändert deshalb sein Verhalten. Es gibt keine strukturelle Verbesserung. Dafür bräuchte es, oh Gott, echte Auseinandersetzung mit dem, was das ursprüngliche Problem war. Der Shitstorm hingegen hinterlässt nur erschöpfte Menschen auf allen Seiten, ein paar zerbrochene Freundschaften oder Arbeitsbeziehungen, einen Screenshot-Fundus für den nächsten Shitstorm und das unausgesprochene Versprechen, dass man das nächste Mal wieder mitmachen wird. Weil man immer wieder mitmachen muss. 

Das legen manche als Problem des Shitstorms aus. Dabei ist es das Symptom einer Aufregungsinfrastruktur, die auf Spaltung optimiert ist, weil Spaltung Engagement erzeugt und Engagement Geld bedeutet. Die Abendland-Avantgarde und die Awareness-Influencer sind, strukturell gesehen, Kolleg*innen. Sie teilen dieselbe Ökonomie der Empörung. Sie brauchen einander. Ohne den Feindbild-Anderen gibt es keine Empörungsrendite. Das verbindet sie inniger, als jede politische Gemeinsamkeit es könnte.

Und während wir das hier gelesen haben, ist sicher schon wieder was passiert.

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