OpenAI führt »ChatGPT Gesundheit« ein © Nano Banana AI
OpenAI führt »ChatGPT Gesundheit« ein © Nano Banana AI

Die algorithmische Erstmeinung

ChatGPT? Gesundheit! Warum die neue AI-Diagnose eine Chance für das österreichische Gesundheitssystem ist.

Das Wartezimmer ist ein Ort, der für die Ewigkeit gebaut wurde. Es riecht nach »Sommerbrise«-Raumspray, das den Geruch von Angstschweiß und Desinfektionsmittel nur mühsam maskiert. An der Wand hängt ein Kunstdruck von Kandinsky, der vermutlich schon 1998 dort hing, als man noch glaubte, man könne das österreichische Gesundheitswesen durch die Zusammenlegung der Krankenkassen reformieren. Dort sitzt man also, liest eine »Bunte« vom vorletzten Jahr und wartet. Und zwar auf einen Arztbesuch, der in Österreich durchschnittlich fünf Minuten dauert. In dieser Zeit wird Herr oder Frau Doktor: Hallo sagen, das Programm neu starten, weil Windows mal wieder ein Update macht, die Beschwerden überhören, einen Blick in die Akte werfen, die er oder sie zum ersten Mal sieht, und ein Rezept für Ibuprofen 600 ausdrucken.

Krankes System? Vielleicht! Jedenfalls kommt mit der Einführung von »ChatGPT Gesundheit« eine neue Alternative: die AI-Diagnose. Natürlich warnt das sogenannte Feuilleton schon vor der »Entmenschlichung«. Man sorgt sich um das »vertrauensvolle Ärzti*innen-Patient*innen-Verhältnis«. Nur, welches Verhältnis? Das zwischen einem Kittel und dem Bittsteller? Das zwischen der Stoppuhr und dem Symptom? Wer vor der Entmenschlichung durch die KI warnt, hat wahrscheinlich seit Jahren kein Kassenwartezimmer mehr von innen gesehen. Wer privat versichert ist, im Cottageviertel wohnt und den Chefarzt duzt, der braucht keinen Chatbot. Der bekommt die »menschliche« Medizin, die für den Rest der Welt ein Mythos aus den Achtzigern ist.

Die wahre Entmenschlichung ist nämlich längst vollzogen. Sie findet in der Facharzt-Rallye statt. Man wird von einem Wartezimmer ins nächste geschickt, trägt seine Befunde als PDF-Schatten auf dem Smartphone mit sich herum und jeder neue Spezialist fängt bei null an, weil er die Altbefunde der Kollegin nicht lesen will, nicht lesen kann oder einfach keine Zeit dafür hat. Der*die Patient*in ist eine menschliche Aktenmappe im Hamsterrad der Budgetierung.

Die Rache der Daten

Man stelle sich vor: Jemand lädt seine gesammelten Blutbefunde der letzten zwei Jahre hoch. Ein digitaler Berg aus Leukozyten, Ferritinwerten und Leberenzymen. Für einen menschlichen Arzt ist das eine Zumutung, die er nicht bezahlt bekommt. Für die KI ist es ein Festmahl. Innerhalb von Millisekunden erkennt sie den Trend, den das geschulte Auge im Fünf-Minuten-Takt übersieht. Sie sieht, dass der Eisenwert nicht nur niedrig ist, sondern in einer spezifischen Kurve fällt, die in Kombination mit dem neurologischen Befund vom letzten Herbst ein ganz neues Bild ergibt.

Die KI halluziniert manchmal? Mitunter. Aber sie ignoriert nicht. Sie hat keine Vorurteile gegenüber Kassenpatient*innen. Sie wird nicht müde. Sie hat keinen Feierabend. Und sie hat vor allem eins: Zugriff auf das gesamte medizinische Weltwissen, während der Durchschnittsmediziner seine Fortbildungspunkte auf dem Golfplatz sammelt. Bestes Beispiel: eine Studie aus Stanford, bei der man KI-Modelle gegen erfahrene Ärzt*innen antreten ließ. Die Aufgabe: Diagnosen – basierend auf komplexen Fallbeispielen – erstellen. Das Ergebnis: Die KI erreichte eine Trefferquote von über 90 Prozent. Die Ärzt*innen lagen weit darunter. Spannend ist aber erst der zweite Teil der Studie: Die Ärzt*innen sollten die KI als Assistenten verwenden. Man dachte, Mensch plus Maschine ergibt Übermensch. Doch: Die Ärzt*innen wurden kaum besser, weil sie der Maschine nicht glaubten. Sie sahen die korrekte Diagnose auf dem Bildschirm und dachten das Gegenteil.

Wir erleben das Gleiche in der Radiologie. KI-Systeme werten Gehirnscans aus und finden Mikroläsionen, die eine müde Radiologin nach dem zehnten Kaffee schlichtweg übersieht. Und trotzdem zweifelt die Zunft das Ergebnis an. Es ist der Luddismus der Gebildeten. Man hat Angst vor der eigenen Redundanz. Dabei ist die Redundanz des Arztes als bloßer »Datenverwerter« das Beste, was uns passieren kann. Wenn die KI den Befund liest, hat der Arzt vielleicht – ganz revolutionärer Gedanke – wieder Zeit für den Menschen.

Die Skepsis sagt »ahhh«

In den USA schicken Menschen in unterversorgten ländlichen Regionen bereits 600.000 Nachrichten pro Woche an ChatGPT. Einfach weil kein Arzt da ist. Oder weil er unbezahlbar ist. Für sie ist der Bot nicht »Dr. KI«, sondern der einzige Zugang zu fundierter Information. In einem System, in dem Gesundheit eine Ware ist, ist die KI die erste Gratisprobe, die tatsächlich funktioniert. Sie hilft dabei, Versicherungsbescheide zu dechiffrieren, medizinische Überladungen in Rechnungen zu finden und Widersprüche gegen Ablehnungen von Krankenkassen zu formulieren. Also all das, was Ärzt*innen heute nicht mehr tun.

Natürlich, die Skepsis ruft erneut: »Datenschutz!« Und ja, es ist ein perverses Paradoxon, dass wir unsere intimsten Gesundheitsdaten einem Konzern aus Kalifornien anvertrauen müssen, weil der Staat es nicht schafft, eine funktionierende digitale Patientenakte zu bauen, die über den Status eines glorifizierten Faxgeräts hinausgeht. Aber für die Patientin, die seit zwei Jahren mit unerklärlichen Symptomen von Pontius zu Pilatus rennt, ist der Datenschutz des Elfenbeinturms ein Luxusproblem. Sie will Antworten. Jetzt.

Wir stehen damit vor dem Ende der medizinischen Paternalistik. Der informierte Patient, bewaffnet mit einem KI-generierten Zeitverlauf seiner Blutwerte und einem generierten Fragenkatalog, ist der Albtraum der Ärzt*innenschaft. Aber er ist die Hoffnung eines vernunftbegabten Gesundheitswesens. »ChatGPT Gesundheit« wird die Medizin nicht ersetzen. Aber es wird sie entzaubern. Wenn der Bot sagt, welche Werte noch fehlen, dann hat er mehr getan als jeder »empathische« Händedruck in einer Praxis, in der man ewig auf seine fünf Minuten wartet.

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