Bertha von Suttner © Unknown author ETH-Bibliothek Zürich, Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0 https://www.e-periodica.ch/digbib/view?pid=dis-001:1914:18#389
Bertha von Suttner © Unknown author ETH-Bibliothek Zürich, Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0 https://www.e-periodica.ch/digbib/view?pid=dis-001:1914:18#389

Bomben für den Frieden?

Dieser Tage fällt es angesichts der Ereignisse im Mittleren Osten schwer, nicht pessimistisch in die Zukunft zu blicken. Dementgegen laden wir gemeinsam mit der Bertha von Suttner Universität am 12. Juni 2026 zu einem Salon skug auf Rädern nach St. Pölten, um gerade jetzt über den Frieden zu reden.

Vor genau 120 Jahren bekam Bertha von Suttner als erste Österreicherin den Friedensnobelpreis überreicht. Sie erhielt ihn 1905 für ihren Aktivismus rund um ihren Tendenzroman »Die Waffen nieder«. In dem gefeierten Werk entwirft sie die Entwicklungsgeschichte einer Frau, die durch mehrere Kriegserlebnisse zur Pazifistin reift. Es gelang ihr damit, zahlreiche Zeitgenoss*innen tief zu beeindrucken. Das hat viel mit den damaligen Verhältnissen zu tun. Die Jahrhundertwende vom 19. ins 20. Jahrhundert war eine des Aufbruchs und der Neubestimmung. In jene Zeit fallen fundamentale Entdeckungen im Bereich der Wissenschaft. Als ein Beispiel sei nur die Physik genannt, die nichts weniger als ein neues Weltbild entwarf. Alte Gewissheiten wurden weggefegt durch neugewonnene Einsichten, wie jene, dass im ganz Großen und ganz Kleinen die Newtonsche Physik nicht mehr funktioniert. Fundamentale Neusichten in einer Wissenschaft wirken sich inspirierend auf andere gesellschaftliche Bereiche aus (und vielleicht auch zuweilen umgekehrt). Wenn Wissenschaft, Kunst und Gesellschaft neue Wege beschreiten, darf auch einmal die Frage gestellt werden, warum jahrhundertelang immer wieder entsetzliche Kriege geführt wurden. Warum sollte es nicht endlich möglich sein, dies zu überwinden?

Tod auf Knopfdruck

Zu Beginn des 21. Jahrhunderts ist die Menschheit, darf man sagen, abgeklärter. Es gibt zwar heute mehr Erkenntniszuwachs als je zuvor, nur ist dieser offenkundig nicht weltbewegend. Was die Politik betrifft, hat sich scheinbar ein zum Zynismus neigender Pessimismus breitgemacht. Bei der aktuellen Entwicklung rund um die Bombardierung des Iran kann einem leicht Hören und Sehen vergehen. Die Chance auf eine Weltfriedensordnung scheint entfernter denn je. Völkerrecht und internationale Organisationen werden geflissentlich missachtet und anders als zuvor wird sich nicht einmal mehr die Mühe gemacht, Begründungen für das rechtwidrige Handeln zu finden. Die Erklärungen für den Krieg wechseln im Stundentakt. Der Plan Washingtons scheint wohl zu sein, die Vereinten Nationen durch ein Racket, also eine Gangsterbande genannt »Board of Peace« zu ersetzen. In dem angeblichen Friedensboard zahlen Teilnehmer*innen zwei Milliarden Dollar Eintrittspreis, um sich Zugang zu verschaffen, denn, so scherzt man längst, wer nicht am Tisch sitzt, steht auf dem Menüplan.

Neue Waffen- und Informationstechniken scheinen es zu ermöglichen, politische Gegner einfach per Raketeneinschlag auszuschalten. Jahrzehntelange politische und diplomatische Bemühungen sind dann selbstverständlich hinfällig, weil neue Tatsachen geschaffen wurden. Von außen lässt sich kaum beurteilen, ob hier die politische Verrohung ausschlaggebend ist oder die technologische Entwicklung. Also ob man nicht schon vor Jahrzehnten die politischen Gegner hätte in die Luft sprengen können, es aber aus gutem Grunde nicht getan hat, oder ob die damaligen »smart bombs« einfach noch nicht ganz so smart waren. Die jüngste Entwicklung ist im Ganzen nicht originell, zeigt aber unverkennbar einen Verfall an. Ende des letzten Jahrhunderts warnte bereits Jürgen Habermas, dass das Bombardieren eines Diktators zwar moralisch gerechtfertigt sein mag, aber nur durch ein Mandat internationaler Organisationen geschehen sollte. Damals gelang dies bei Slobodan Milošević so halbwegs. Man warf zwar erst die Bomben, stellte dann den entmachteten Diktator aber vor ein Kriegsverbrechertribunal beim Internationalen Gerichtshof. Seitdem wurde zwar im Irak, in Afghanistan, Libyen und nun im Iran fleißig weitergebombt, von Strafgerichtshöfen ist aber nicht mehr die Rede. Schlimmer noch, mit Bibi Netanjahu ist ein Staatschef, der eine Vorladung in Den Haag hat, auf Seiten der Bombardierenden. 

Heiliger oder Satan

Nun kann gut und gerne eingeräumt werden, dass die Bombardements die Richtigen trafen. Von Saddam Hussein über die Taliban bis hin zu den jüngst ermordeten Mullahs sind die Opfer der kriegerischen Angriffe allesamt selbst Mörder. Sie haben ihre jeweiligen Bevölkerungen blutig unterdrückt und es fällt sehr schwer, ihnen eine Träne nachzuweinen. Aber genau an der Stelle müsste der Friedensdialog beginnen. Frieden schließt man mit seinen Feinden und dazu gehört, deren Beweggründe zu verstehen, auch wenn diese eindeutig falsch sind. Der Ende Februar getötete Ali Chamenei war für einen beträchtlichen Teil der iranischen Bevölkerung (und weitere Muslime in der Welt) ein heiliger Mann, der jahrelang nur von Brot und Rosinen gelebt hatte und der an eine islamische Revolution glaubte (zu der er nach eigenen Angaben durch seine westlichen Lieblingslektüren »Les Misérables« und »Onkel Toms Hütte« inspiriert wurde). Dies kann man gut und gerne lächerlich finden, denn wie viel hat dieser Mann zur Befreiung anderer tatsächlich beigetragen? Vielmehr hat er Tausende erschießen und hinrichten lassen. Nur, welchen Weg zum Frieden schlagen die ein, die Chamenei gemeinsam mit Tochter und Enkelin in die Luft sprengen? Welche Lehren sollen dessen Anhänger daraus ziehen? Hat nicht Chamenei am Ende rechtbehalten, als er schwülstig vor dem gegnerischen »Satan« warnte, wenn er jetzt während laufender Verhandlungen ermordet wurde? 

Wenn Friedensverhandlungen offenkundig Scheinverhandlungen sind, dann ist der Weg zum Frieden weit. Wenn die Gegner entmenschlicht werden (»Satan«), dann muss ja eigentlich auch nicht mehr mit ihnen verhandelt werden. In genau dieser Situation steckt die Weltpolitik seit Jahrzehnten fest. Kriege werden seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr erklärt, es gibt keine echten Friedensverhandlungen und auch keine Friedensordnung mehr. Es wird eher etwas praktiziert, das das israelische Militär »Mähen der Wiese« nennt: Wenn die zu Terroristen erklärten Gegner zu stark geworden sind, wenn sie zu viele Waffen angesammelt haben, dann werden sie einmal tüchtig bombardiert, bis sie wieder Jahre brauchen, um zu alter Stärke zurückzufinden. Frieden ist dann gar nicht mehr auf dem Plan. Im Grunde wissen alle Beteiligten, dass man dieses mörderische Spiel ad infinitum wird führen müssen, denn die, die man in »die Knie zwang« (wie es im Machosprech gerne heißt), stehen früher oder später wieder auf.

Es scheint aber schwer, sich gegen die Logik des ewigen Krieges zu verwehren. Zwar werden die Kriegstreiber gerne kritisiert, am Ende macht man dann aber doch mit, zumindest rhetorisch. Der kanadische Premier Mark Carney regte sich in Davos noch über die Regel- und Gesetzeslosigkeit der USA auf, meinte damit aber wohl nur Handelsfragen. Wenn es um Menschenrechte geht, hat er genügend Flexibilität, um sich in die Phalanx hinter den USA einzureihen. Im österreichischen Boulevard wurde nach dem Beginn der Bombardierung treu-blöd »Irans Stunde Null« getitelt. Ein bezeichnender Fehler, denn die »Stunde Null« ist die des Endes des Krieges und nicht des Anfangs. In Deutschland wird der alte Heuler vom »gerechten Krieg« (»Die Zeit«, ZDF) ausgegraben, damit sämtliche, reaktionären Wortbeiträge aus dem Jahr 2003 nochmals aufgewärmt werden können. Der französische Präsident Macron ruft den Mullahs auf X (Twitter) hinterher, die Geschichte vergieße »keine Träne um die, die ihr eigenes Volk massakrieren«. Ersparen wir an dieser Stelle Monsieur le Président die Beispiele, in denen Mörder der eigenen Bevölkerung sehr wohl bis heute gefeiert werden, und erlauben uns zwei Nachfragen: Ist es nicht ebenso falsch, die anderen Völker zu massakrieren? Warum ist es nicht genauso falsch, durch Kampfhandlungen unausweichlich den Tod der eigenen Bevölkerung in Kauf zu nehmen? Niemand scheint mehr zu wagen, den Krieg an sich in Frage zu stellen. 

Was lernen wir aus dem Krieg? 

Festzuhalten ist, das Schlamassel ist gigantisch. Das ist wiederum nicht neu. Bertha von Suttners Roman erzählt vom Scheitern. Die Menschen sterben im Krieg an der Cholera oder werden standrechtlich erschossen. Den Triumph über die Kriegsmaschinerie des 19. Jahrhunderts kann Bertha von Suttner nicht argumentieren, wohl aber die moralische Aufrichtigkeit und das Eintreten für die notwendigen Konsequenzen, damit Frieden überhaupt möglich ist. Die tückisch »flexible» Kriegstreiberei muss kategorisch abgelehnt werden, was aber nicht notwendig in einem naiven Pazifismus endet, der den Gewaltbereiten ermöglicht, den Gewaltverzicht ihrer Gegner auszunutzen. Der Waffengebrauch an sich gehört bekämpft und die Dummheit, zu glauben, mit ihm dauerhafte Lösungen erzwingen zu können. Bertha von Suttners Ziele scheinen 120 Jahre später weiter entfernt denn je. Die politische und technologische Macht liegt in den Händen eines aberwitzig kleinen Kreises. »Ein Bus voll Männer regiert die Welt«, wie unlängst die Philosophin Elisabeth von Samsonow konstatierte. Ihnen gehören die finanziellen und technologischen Mittel, um die Welt zu regieren, und ihr Klammergriff wird immer fester. Dementgegen eine Aufbruchsstimmung zu erzeugen wie jene, die Suttners Werk umgab, ist gelinde gesagt knifflig. Vielleicht hilft es aber, zunächst an ein paar Basics zu erinnern. 

Auch mit den neuesten technischen Errungenschaften kann Bewusstsein nicht eigentlich manipuliert werden. Nachrichten- und Kriegstechnik kann Menschen zwar unterdrücken und sie dazu zwingen, sich für schädliche Ziele einzusetzen, aber man kann sie nicht dazu zwingen, dies zu wollen, zumindest nicht, ohne innere Widersprüche zu erzeugen. »We, the people here, don’t want a war.« Dieser Spruch der Counterculture stimmt immer noch, er wird (insgeheim) von den Menschen in Russland, Nordkorea, dem Iran, Israel, den USA und Europa vertreten. Wenn diese Bevölkerungen dennoch anscheinend mit Mehrheiten für Waffeneinsatz optieren, dann ist dies entweder das Ergebnis einer plumpen Fälschung, wird also von den jeweiligen Machthabern nur behauptet, oder es wird der Bevölkerung der Kriegseinsatz als notwendige Vorbedingung eines Friedens verkauft. Hier darf angenommen werden, dass die meisten Menschen den Braten ohnehin riechen und wissen, dass sie hinters Licht geführt werden – sie wagen nur nicht, zu widersprechen. In jedem Fall darf festgehalten werden, dass es zu jedem Zeitpunkt satte Mehrheiten gegen den Krieg gibt. Die politische Frage ist, wie die nun endlich umgesetzt werden.

Es gibt Bewusstseinswandel

Allerdings, gibt es denn nicht auch Kriegsbegeisterung? Freudentaumel, wenn endlich zu den Waffen gerufen wird. Ja, sicherlich, aber genau das ist eher ein historisches Phänomen. Bertha von Suttner wuchs in einer Welt auf, in der der Hass auf Nachbarn Folklore war. Sie musste tatsächlich immer wieder Wellen der Kriegsbegeisterung sehen, in denen insbesondere junge Männer sich aus dem ermüdenden Alltag ins Abenteuerland des Krieges flüchten durften (und dies nach wenigen Tagen bereuten). Hier, darf man sagen, ist die Menschheit einen Bewusstseinsschritt weiter. Seit Jahrzehnten fallen dauernd Bomben auf die Welt nieder, aber eigentliche Kriegsbegeisterung haben sich Führer und Geführte abgewöhnt. Selbst die Militärs beeilen sich fortwährend, zu betonen, dass sie ja nur zurückschießen. Sie wollen verteidigen und nicht angreifen. Auch der Krieg gegen den Iran ist ja »präventiv«. Kriege müssen defensiv gerechtfertigt werden mit dem mehr oder minder ominösen Feind von außen, gegen den es stets gilt, wachsam zu sein, indem etwa eine »Festung Europa« errichtet wird. Aber es werden längst keine positiven Kriegsziele mehr genannt. Niemand erwartet sich Sieg oder Eroberung, es geht nur mehr um die Abwendung von Niederlagen. An der Stelle könnte man ironisch zugespitzt fragen: Warum es dann nicht gleich lassen?

Unterm Strich sehen sich Friedensbemühungen in einer wahrhaft komplizierten Lage. skug und unsere Kooperationspartner von der Bertha von Suttner Universität werden die Friedensbewegung nicht im Alleingang neu beleben, aber wir können zumindest einen Spätnachmittag und Abend lang gemeinsam über die notwendigen Grundlagen für eine Friedensordnung diskutieren. Deshalb save the date: 12. Juni 2026 ab 18:00 Uhr in St. Pölten. Der Salon skug auf Rädern wird wieder mit skug Talk und Musik aufwarten, das genaue Programm steht noch nicht fest, wird aber rechtzeitig bekanntgegeben. Im aufkommenden Frühling des Jahres 2026 dürfen wir zumindest hoffen, dass die Lage im Sommer vielleicht nicht mehr ganz so trüb sein wird, wie Anfang März.

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