Das Meme ist das Zeichen unserer Zeit. Es soll ein Bündel an Gedanken und Gefühlen mit einem Bild fassen. Statt aber Überblick in einer unübersichtlichen Welt zu schaffen, ermüdet es schnell, weil es keine eigentlichen Bezüge mehr herstellen kann. Ein Meme ist somit kein Symbol für etwas, sondern nur ein willkürlicher Punkt in einer unendlichen Verkettung zeitweiliger Bedeutungszuschreibungen. Ohne feste Referenz scheint es in jedem neuen Zusammenhang stets auf etwas anderes zu verweisen, das den Betrachter*innen lediglich den Eindruck vermittelt, zu sehen, was sie bereits gewusst haben. Es kann schwerelos heute »pro« und morgen »contra« sein. Dadurch gerinnt es zu einem Kalauer, der nur mehr auf sich selbst verweisen kann. Weil es nichts in der Welt meint, meint es letztlich sich selbst. Das Meme mag in dem Moment, in dem es gepostet wurde, erheiternd oder geistreich erscheinen, weil es im Kontext eines verbalen Gefechts wie eine pointierte Intervention wirkt, da es aber letztlich nur auf sich selbst verweist, ist es zugleich eigentümlich sinnlos. Ob Sinn paradigmatisch oder syntagmatisch entsteht, also durch Referenzen nach »oben«, die sogenannten höheren Bedeutungen, erzeugt wird oder durch die Verkettung der sprachlichen, beziehungsweise performativen Sinnträger gewonnen wird, die in ihrer Reihung eine Erzählung kreierten, ist für das Meme unerheblich, denn es sagt nur: »Ich bin nicht Teil einer Erzählung, noch weise ich auf höhere Prinzipien – ich bin nur ich. Basta!«
Ein Meme beendet den Dialog
Was ist die Erklärung für »6/7«, »Pepe der Frosch« oder den »Doge-Hund«? Nun, es gibt keine. Zugleich gibt es tausende, die aber alle wiederum nur um ihrer selbst willen bestehen. Politisch lassen sich Memes deshalb so gut zum Verstärken von Ressentiments nutzen. Sie finden folgerichtig Einsatz in der Kriegspropaganda und werden zwischen Washington und Teheran hin und her gesendet. Der US-amerikanische Vizepräsident JD Vance lobte sich selbst und meinte es sei ihm gelungen, »ein Meme zu erzeugen«, indem er behauptete, Haitianer*innen würde die Haustiere ihrer Nachbar*innen essen. Dies sei vielleicht nicht gänzlich wahr – wie er selbst später einräumte – veranschauliche aber, dass Fremde eben ein Problem seien. Das abgeschliffene Meme braucht somit keinen Realitätsbezug mehr, um plausibel für Millionen zu erscheinen, weil es sich an klischierte und in der Meme-Kultur eingeübte Bezüge anhaftet.
Semantischer Mic Drop
Memes bleiben notwendigerweise oberflächlich, weil für Erkenntnisgewinn Widerstand überwunden werden müsste. Eine Erfahrung zu machen, verlangt Umdenken und Neuausrichtung der eigenen Ansichten. Es wurde aber noch nie ein Mensch mit einem Meme überzeugt. Das Meme lässt den eigenen Haufen kichern, während sich der gegnerische bestenfalls ärgert (und das Gegen-Meme rausschießt). Niemand reagiert auf ein Meme wie auf ein Gesprächsangebot à la »Oh, erklär mir doch bitte, wie du das meinst!«, weil das Meme ja gerade als Gesprächsabbruch durch den Mic Drop des »Genug gesagt!« fungiert. Weil Interventionen dieser Art aber immer stärker zum Widerspruch einladen als zum Beilegen der Fehde, geht es natürlich heiter weiter und es darf gepostet und gescrollt werden, bis das letzte Hirn verrottet ist. Das Gruselige an Memes ist aber nicht ihre Selbstreferentialität und semiotische Plattheit, sondern wie passend sie heute geworden sind. In einem Zeitalter, in dem Protest und politisches Engagement für viele weitgehend sinnlos geworden zu sein scheinen, verlegt man sich auf kleinliche, besserwisserische Gesten. Das Meme wird dann zum letzten, was sich noch »sagen« lässt.
Du willst selbst einen Beitrag zum ABC der »Kulturkämpfe« schreiben und einen Begriff analysieren, den wir in der Serie noch nicht abdecken konnten? Schick uns deinen Vorschlag per E-Mail an mitarbeit@skug.at. Wir freuen uns!











