Transgenerationale Traumata beschreiben die Weitergabe von seelischen Verletzungen über mehrere Generationen hinweg. Traumatische Erfahrungen verschwinden nicht automatisch mit dem Ende eines Krieges, einer Flucht oder einer schweren Gewalterfahrung. Oft wirken sie im Denken, Fühlen und Verhalten von Familien weiter und prägen Kinder und Enkel, obwohl diese das ursprüngliche Ereignis selbst nie erlebt haben. In diesem Zusammenhang spricht man auch von Entwicklungstraumata.
Traumatisierte (Nach-)Kriegskinder
Besonders sichtbar wurde dieses Phänomen nach dem Zweiten Weltkrieg. Viele Überlebende von Krieg, Holocaust oder Vertreibung schwiegen über ihre Erfahrungen. Dieses Schweigen bedeutete jedoch nicht, dass die Traumata überwunden waren. Angst, Unsicherheit, emotionale Distanz oder starke Kontrollbedürfnisse beeinflussten den Familienalltag. Die Kinder, man nennt sie in der Fachliteratur auch Kriegskinder, spürten die Ängste ihrer Eltern, ohne deren Ursprung genau zu kennen. Dadurch entwickelten viele ein erhöhtes Verantwortungsgefühl, Schuldgefühle oder Schwierigkeiten im Umgang mit Nähe und Vertrauen. Sie wuchsen häufig in einer Atmosphäre auf, die von unausgesprochenen Spannungen geprägt war.
Hinzu kommt im deutschsprachigen Raum das Buch »Die Mutter und ihr erstes Kind«, von der Kinderärztin Johanna Haarer, das vor allem in der NS-Zeit für Propaganda benutzt wurde. Ihre Texte befürworten sehr strenge, emotional distanzierte Erziehungsideale, wie wenig Körperkontakt, frühe Abhärtung, Kontrolle von Gefühlen und Gehorsam. Kinder sollten auf Härte und Funktionalität vorbereitet werden, um in militärischen Strukturen anschluss- und überlebensfähig zu bleiben.
Dass das nicht gesund sein kann, ist mittlerweile klar. Die deutsche Psychotherapeutin Dami Charf spricht über eine wesentliche Traumatisierung eines Kindes, wenn es die Arme ausstreckt und nicht hochgehoben wird. Diskutiert werden die Auswirkungen dieses Erziehungsstils bis in das späte 20. Jahrhundert hinein, da sie wahrscheinlich bis heute nachwirken und auch in Zusammenhang mit erhöhten narzisstischen Anteilen bis hin zu narzisstischen Persönlichkeitsstörungen betrachtet werden.
Die Weitergabe transgenerationaler Traumata geschieht auf unterschiedlichen Ebenen. Zum einen erfolgt sie durch Erziehung und familiäre Dynamiken. Eltern, die selbst traumatisiert sind, reagieren oft besonders ängstlich, emotional zurückgezogen oder unberechenbar. Kinder übernehmen diese Verhaltensmuster unbewusst. Zum anderen zeigen neuere Forschungen, dass extreme Belastungen sogar biologische Spuren hinterlassen können: Stressreaktionen und bestimmte Verhaltensmuster werden teilweise auch körperlich weitergegeben.
Auswirkungen auf die Gesellschaft
Transgenerationale Traumata betreffen nicht nur einzelne Familien, sondern ganze Gesellschaften. Folgen von Kolonialismus, Diktaturen, Krieg oder Flucht wirken oft über Jahrzehnte nach. Gesellschaften, die traumatische Ereignisse verdrängen, laufen Gefahr, Konflikte und Ängste und daraus entwachsene Erkrankungen immer wieder neu zu produzieren. Krankheit, psychisch wie physisch, entsteht nicht (nur) aus individuellen Erfahrungen und Lifestyle-Choices, sondern steht oft in einem größeren historischen Zusammenhang. Deshalb spielt Erinnerungskultur nicht nur eine wichtige, sondern eine zentrale Rolle: Die Beschäftigung mit vergangenem Leid kann helfen, Zusammenhänge zu verstehen und Heilungsprozesse zumindest anzustoßen.
Gleichzeitig bedeutet ein transgenerationales Trauma nicht, dass Betroffene ihrem Schicksal ausgeliefert sind. Viele Menschen entwickeln trotz belastender Familiengeschichten große Resilienz. Entscheidend ist häufig, ob Erfahrungen benannt und verarbeitet werden können. Gesprächs- und somatische Therapieformen, ein halbwegs gesundes Folgeumfeld und verschiedenste Formen von Ausdruck ermöglichen es, eingefahrene Muster zu erkennen zu verändern und zu repräsentieren.
Transgenerationale Traumata zeigen, wie eng Vergangenheit und Gegenwart miteinander verbunden sind. Sie machen deutlich, dass Leid nicht mit einer Generation endet, sondern weiterwirken kann, wenn es nicht verarbeitet wird. Gleichzeitig eröffnet dieses Wissen die Möglichkeit, bewusst mit familiären Erfahrungen umzugehen und eine Person zu werden, die dieses Bewusstsein auch weiter in die Gesellschaft trägt.
Natürlich kann aus der Auseinandersetzung mit der Vergangenheit langfristig auch Heilung entstehen. Ein komplex-systemisches Problem darf jedoch nicht an Einzelnen hängen bleiben. Edukation und ein grundlegendes Wissen über Entstehung von Trauma und Auswirkungen in der Manifestation als Teil einer Gesundheitsvorsorge muss breitenwirksamer passieren, wahrscheinlich nicht zuletzt auch in Lehrplänen verankert beitragen, diese übergreifenden und alles infiltrierenden Belastungen früher zu erkennen und langfristig zu unterbinden, damit Folgeerscheinungen möglichst vermieden werden und sich langfristig gesellschaftliche Veränderungen ergeben können.
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