Jean Ziegler war Soziologe, Politiker, UN-Sonderberichterstatter, Bestseller-Autor – aber vor allem: ein unbequemer Mahner, der die Mächtigen dieser Welt nie in Ruhe ließ. Sein Leben war ein einziger Kampf gegen Ungerechtigkeit, gegen die »kannibalische Weltordnung«, wie er sie nannte, und für eine Welt, in der kein Mensch mehr verhungern muss.
Von Hans zu Jean
Jean Ziegler wurde am 19. April 1934 als Hans Ziegler in Thun, Kanton Bern, in ein protestantisch-konservatives, bürgerliches Elternhaus hineingeboren. Sein Vater, ein Richter und Armeeoberst, prägte eine Welt, die Ziegler später als »Betongefängnis« beschreiben sollte: »Es war, als wäre man in einem privilegierten Schicksal gefangen – aber unerträglich.« Ziegler bricht aus, flieht nach der Matura nach Paris, wo er an der Sorbonne Soziologie studiert. Hier begegnet er den Revoltierenden: Jean-Paul Sartre, Simone de Beauvoir, Abbé Pierre, um nur einige zu nennen. Und hier, in den kommunistischen Zirkeln der französischen Hauptstadt, formt sich sein politisches Bewusstsein. Er wird Mitglied der französischen kommunistischen Partei, schneidet in den Ferien Zuckerrohr auf Kuba und trifft dort Che Guevara, der ihm rät: »Siehst du, da unten? Da sind die Leuchtreklamen der Banken, der Juweliere. Da musst du kämpfen, da ist das Gehirn des Monsters.« Ziegler folgt diesem Rat. Er kehrt in die Schweiz zurück – nicht als Hans, sondern als Jean, nicht als Jurastudent, sondern als Soziologe, nicht als Gemäßigter, sondern als Sozialist und Revolutionär. Sein Name wird zum Symbol für den Kampf gegen die Auswüchse des Kapitalismus.
Bücher als Waffen
Zieglers Bücher waren nie akademische Abhandlungen, sondern politische Kampfschriften. Sie zielten direkt ins Herz der Schweizer Mythen – und trafen ins Schwarze. Sein vielleicht bekanntestes Werk, »Die Schweiz wäscht weisser« (1990), entlarvte seine Heimat als »Finanzdrehscheibe des internationalen Verbrechens«: »Hitler war ein Traumkunde für unsere Banken.« Mit dieser These rüttelte er natürlich an den Grundfesten der Schweizer Identität. Die Banken, so Ziegler, hätten nicht nur mit Nazigold gehandelt, sondern würden die geheimen Konten von Steuerflüchtlingen, Diktatoren, Waffenhändlern und Drogenbaronen verwalten. Das Buch löste eine Prozesslawine aus. Zieglers parlamentarische Immunität als Nationalrat wurde aufgehoben, er wurde zu Schadenersatzzahlungen in Höhe von Hunderttausenden Franken verurteilt. Aber Jean Ziegler ließ sich nicht einschüchtern. In »Die Schweiz, das Gold und die Toten« (1997) setzte er sich mit der Rolle der Schweiz im Zweiten Weltkrieg auseinander und zertrümmerte die Legende von der »unschuldigen Schweiz«. Seine Thesen waren radikal, seine Sprache schonungslos – doch sie zwangen die Schweiz, sich ihrer Vergangenheit zu stellen.
Ein Mann, der die Welt aufrüttelte
Von 2000 bis 2008 war Ziegler UN-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung. In dieser Rolle wurde er zum globalen Anwalt der Hungernden. Seine Berichte waren Anklageschriften gegen die Weltordnung: »Alle fünf Sekunden verhungert ein Kind. Das ist Massenmord.« »Die zehn größten Agrarkonzerne der Welt kontrollieren etwa 85 Prozent der gehandelten Grundnahrungsmittel. Die Täter sind die Spekulanten, die Großkonzerne, die den Nahrungsmittelmarkt beherrschen.« Er forderte ein »Nürnberger Tribunal für Finanzmanager« und prangerte die »Verbrechen gegen die Menschlichkeit« der globalen Eliten an. Seine Forderungen waren radikal, seine Rhetorik provokant – doch sie zwangen die Welt, hinzusehen. Und natürlich polarisierte er. Für die einen war er ein brillanter Intellektueller, für die anderen ein Nestbeschmutzer, der mit Halbwahrheiten und Übertreibungen arbeitete. Doch Jean Ziegler blieb bei seiner Überzeugung: »Wenn man das Glück hat, Schweizer zu sein, weiß zu sein, Intelligenz und Ausbildung zu haben, dann muss man doch kämpfen, dass die kannibalische Weltordnung zerstört wird und dass jedermann wenigstens materiell auf dieser Welt leben kann.«
Kampf gegen die Mächtigen
Auch seine Nähe zu Muammar al-Gaddafi brachte ihm schwere Vorwürfe ein. Die US-Abgeordneten unterstellten ihm Antisemitismus, weil er die Palästina-Politik Israels scharf kritisierte. Ziegler gab später zu, Fehler gemacht zu haben – etwa im Umgang mit Gaddafi. Doch er bereute nie seinen Kampf gegen die Mächtigen. Selbst als er 2011 kurzfristig als Redner der Salzburger Festspiele ausgeladen wurde, weil man seine drastischen Äußerungen fürchtete, blieb er ungebrochen. Jean Ziegler war kein Mann der Kompromisse. Er war ein Kämpfer, ein Denker, ein Provokateur – und vor allem ein Mensch, der die Stimme für die Stimmlosen erhob. Sein Leben war geprägt von der Überzeugung, dass die Welt anders sein kann – und dass es die Pflicht der Privilegierten ist, für diese Veränderung zu kämpfen. Sein Tod hinterlässt eine Lücke. Doch sein Vermächtnis als unermüdlicher Kämpfer für Gerechtigkeit wird weiterleben. Die Welt hat einen ihrer letzten großen Rebellen verloren – aber seine Worte werden nachhallen. Ruhe kämpferisch, Jean Ziegler, der du dich nie mit halben Wahrheiten zufriedengegeben hast. Du warst radikal, visionär, ein Störenfried, einer, der den Finger in die Wunde legt, einer der schreit, wo andere schweigen, einer der kämpft, wo andere wegsehen.











