»Heimat« ist ein Begriff mit komplexer Semantik. In rechten Diskursen wird er immer wieder auf eine exkludierende Art und Weise eingegrenzt, indem er ethnonationalistisch auf Nation und Staatsgebiet bezogen wird. Die »Heimat« wird mit einer ethnisch verstandenen Nation identifiziert, deren Angehörigen ein klar abgegrenztes Territorium, ihr Land, zugerechnet wird. Wer dieser Gemeinschaft nicht angehört, erscheint als »Fremder« oder »Ausländer«, selbst dann, wenn er dauerhaft dort lebt oder staatsbürgerlich zu ihr gehört. Der Begriff liegt hier sehr dicht am »Vaterland«. Dieses verweist auf das Land der Vorfahren, dessen Erbe von den Nachkommen übernommen, bewahrt und verteidigt werden soll. »Vaterland« bezieht sich somit genealogisch und historisch auf einen Staat und eine Nation, die Loyalität bis hin zur Opferbereitschaft zur Wahrung dieses Erbes verlangen.
Ergänzt wird das männlich konnotierte »Vaterland« durch weibliche Nationalallegorien, die das Land personifizieren, für Deutschland etwa die »Germania«. Die »Heimat« erscheint hier als schützende und zugleich schutzbedürftige Gestalt, die Fürsorge und Wehrhaftigkeit miteinander verbindet und mit den Insignien staatlicher Macht, Schwert, Schild und Krone, ausgestattet ist. Diese nahezu missbräuchliche Verwendung des Begriffs ist allerdings eine grobe Begrenzung des reichen semantischen Feldes, das ihn umgibt. »Heimat« ist eng mit Fragen von Subjektivität und Identität verbunden. Rechte Rhetorik dringt mit ihrer homogenisierenden Verwendung des Begriffs in diese sehr persönliche Dimension ein und nutzt diese als identitätspolitischen Trigger.
Popkulturelle Annäherung
Man kann sich dem Begriff »Heimat« aber auch popkulturell nähern. Gerade hier zeigt sich jene offene und inkludierende Semantik des Begriffs, die in politischen Diskursen häufig verloren geht. 1965 schrieb John Lennon den Song »In My Life«. Der Song basierte ursprünglich auf der Idee, eine Busrundfahrt durch seine Heimatstadt Liverpool zu beschreiben, die an verschiedenen Erinnerungsorten seiner Vergangenheit vorbeiführt. Im ursprünglichen Entwurf wurden unter anderem reale Orte wie Penny Lane erwähnt. Dann aber strich Lennon sämtliche konkreten Ortsbezeichnungen. Zurück blieb eine Matrix aus Begriffen, mit denen sich der Begriff »Heimat« klar einkreisen lässt: places, moments, people, things, memories, affection. »In My Life« enthält damit eine kleine Phänomenologie der Heimat. In der ersten Strophe singt Lennon:
There are places I remember
All my life, though some have changed
Some forever, not for better
Some have gone and some remain
Lennon bewegt sich durch einen Erinnerungsraum, dessen Ausgangspunkt zwar Liverpool ist, der sich aber längst von der realen Geografie gelöst hat. Jeder Ort ist für ihn mit Erfahrungen und Erinnerungen überzogen. Die Heimatstadt ist zwar ein real existierender Ort, aber Lennon sieht auch Orte, die sich verändert haben oder sogar verschwunden sind. Heimat ist also nicht einfach ein physisch existenter Raum, sondern ebenso ein innerer Raum der Erinnerung. Der Song geht so weiter:
All these places had their moments
With lovers and friends, I still can recall
Some are dead and some are living
In my life, I’ve loved them all
Der imaginäre Raum ist bevölkert mit lebenden und toten Menschen, mit Erfahrungen und Erinnerungen, die einem dort begegnen. Heimat ist kein statischer Ort, sondern ein emotionaler Raum, der durch Beziehungen und Erlebnisse entsteht. Sie ist mit Zuneigung verbunden, mit Menschen und Dingen, die einen geprägt haben und im Gedächtnis weiterleben. Im Refrain heißt es dann:
But of all these friends and lovers
There is no one compares with you
And these memories lose their meaning
When I think of love as something new
Der Erinnerungsraum Heimat ist also kein abgeschlossener Raum der Vergangenheit. Jede neue Gegenwart verändert den Blick auf sie. Trotz der wehmütigen Erinnerung an die Herkunft wird die Gegenwart nicht entwertet. Heimat ist keine Alternative zur Gegenwart, sondern trägt die Gegenwart mit.
Though I know I’ll never lose affection
For people and things that went before
I know I’ll often stop and think about them
In my life, I love you more
Pop und Erinnerung
»In My Life« enthält bereits jene Motive, die zwei Jahre später in »Penny Lane« und »Strawberry Fields Forever« jeweils unterschiedlich ausgearbeitet werden. Alle drei Songs zeigen, dass Heimat nicht einfach ein geografischer Begriff ist, sondern eine Form der Beziehung zur Welt, die durch Erinnerung, Gefühle, Menschen und Erfahrungen entsteht. Heimat ist eine subjektive Form der Welterfahrung, die den Prozess der eigenen Identitätsbildung über das gesamte Leben begleitet.
Man steht vor dem Elternhaus, in dem inzwischen andere Menschen leben. Aber man steht auch vor dem Haus, in dem das eigene Kinderzimmer war, in dem man mit Eltern und Geschwistern gelebt hat. Der Ölfleck vom Mofa des Freundes vor der Haustür ist noch da und mit ihm die Erinnerung daran, wie man mit diesem Freund im Kinderzimmer Musik gemacht oder gehört hat. Die Gitarre ist noch da, die Musik ist noch da, die Kassetten sind noch da und vielleicht auch der Freund, mit dem man diesen Erinnerungsraum teilt. Der alte Heimatort, das alte Elternhaus sind kein Zuhause mehr. Sie sind zu einer Heimat in einem imaginären Raum geworden, der durch Musik, Dinge und Erinnerungen lebendig gehalten wird. Heimat wohnt nicht mehr allein an einem Ort, sondern in den Beziehungen, die wir mit ihm verbinden.
Offene Heimat
Diese persönliche Erfahrung ist dabei kein isoliertes individuelles Phänomen. Der Ethnologe Daniel Miller beschreibt Menschen nicht als autonome Individuen, sondern als Knotenpunkte von Beziehungen. »Unter sich ständig wandelnden und immer neuen Einflüssen entwickeln wir unsere Persönlichkeit und unseren Lebensstil, sodass wir uns weniger als autonome Individuen denn als Knotenpunkte von Beziehungen betrachten sollten. Und diese Beziehungsnetzwerke zeichnen sich durch eine bestimmte Ästhetik aus«, schreibt Miller. Zu ihm gehören nicht nur die Beziehungen zu Menschen, sondern auch zu Dingen und Orten. Zusammengehalten wird es durch einen gemeinsamen Erinnerungsraum, der unsere Heimat ist. Heimat ist eine Form des Erlebens, Erinnerns und Werdens.
Wenn man diese offene, subjektive und biografische Dimension von Heimat betrachtet, erscheint die verengende Verwendung des Begriffs in rechter Rhetorik wie eine gewaltsame Reduktion. Aus einem persönlichen Erfahrungsraum wird ein scheinbar uniformer Raum kollektiver Zugehörigkeit. Die Komplexität und Offenheit des Begriffs werden dabei zugunsten einer vermeintlich homogenen Gemeinschaft aufgegeben. Heimat ist nicht ein Stück Boden und nicht die Zugehörigkeit zu einer ethnischen Gruppe. Sie ist die Geborgenheit eines mit prägenden Erinnerungen überschriebenen imaginären Ortes.
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