Wenn wir in den nächtlichen Himmel blicken, existieren viele der Sterne, die wir sehen, längst nicht mehr in jener Gestalt, in der sie uns erscheinen. Manche haben sich tiefgreifend verändert, andere sind vielleicht schon vor langer Zeit erloschen. Und doch reist ihr Licht weiter durch den Weltraum und erreicht unsere Augen, nachdem es Entfernungen durchquert hat, die wir uns kaum vorstellen können. Was wir sehen, ist nicht unbedingt ihre Gegenwart, sondern der Nachglanz dessen, was sie einmal waren. Vielleicht verhält es sich mit jeder Migration ähnlich, unabhängig davon, wann und wo sie stattfindet. Jeder Mensch, der seine Heimat verlässt, trägt sichtbares und unsichtbares Gepäck mit sich. Das sichtbare Gepäck besteht aus Dingen, die man zählen, wiegen oder in einem Koffer verstauen kann: Kleidung, Dokumente, Fotografien, Werkzeuge, religiöse Gegenstände, Briefe oder Erinnerungsstücke der Familie. Das unsichtbare Gepäck hingegen nimmt keinen Raum ein und erscheint in keinem Zollverzeichnis. Es besteht aus Worten, Gewohnheiten, Überzeugungen, Rezepten, Liedern, Schweigen, Zuneigung und den unterschiedlichen Arten, die Welt zu verstehen.
Die großen atlantischen Migrationen zwischen Europa und dem Río de la Plata bildeten keine Ausnahme. Zwischen dem Ende des 19. Jahrhunderts und den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts verließen Millionen Männer und Frauen ihre Dörfer, durchquerten Häfen und Ozeane und begannen ein neues Leben an Orten, die sie kaum kannten. Viele brachen mit nur wenigen materiellen Besitztümern auf. Manchmal trugen sie einen kleinen Koffer, manchmal lediglich ein Bündel mit Kleidung und Papieren. Doch sie alle nahmen noch etwas anderes mit sich, etwas Tieferes, auch wenn sie sich dessen nicht immer bewusst waren. Sie brachten eine Sprache oder einen Dialekt mit. Eine Art zu kochen. Eine Weise zu beten. Ein bestimmtes Verhältnis zur Arbeit, zur Familie, zum Land oder zur Obrigkeit. Sie trugen Lieder in sich, die sie in ihrer Kindheit gehört hatten, Geschichten, die am Feuer erzählt worden waren, Namen von Heiligen, Gesten, Aberglauben, Sprichwörter und Formen des Gedenkens an die Verstorbenen. All das bildete das eigentliche unsichtbare Gepäck der Migration.
Verblassende Traditionen
Während meiner Forschungen über Familien aus Galicien in Spanien und aus Baška auf der Insel Krk – im heutigen Kroatien –, die nach Argentinien und Uruguay auswanderten, wurde mir immer deutlicher, dass die Geschichte einer Migration nicht mit der Ankunft eines Schiffes endet. In Wahrheit beginnt dort eine andere Geschichte: die Geschichte dessen, was die Reise überdauert. Diese Überlegung begleitete mich auch beim Schreiben von »Wurzeln im Wasser«, der deutschen Ausgabe meines Buches über atlantische Migrationen, familiäre Erinnerung und historische Rekonstruktion. Anfangs richtete sich meine Aufmerksamkeit vor allem auf die Dokumente: Zivilstands- und Kirchenbücher, Passagierlisten, Heiratsurkunden, Geburtsbescheinigungen, Familienarchive und Zeitungsberichte. Jede Quelle machte es möglich, ein Datum, einen Namen, einen Ort oder einen Lebensweg zu rekonstruieren. Doch nach und nach trat eine weitere Ebene der Geschichte hervor. Hinter den Dokumenten lag eine verstreute Erinnerung. Sie zeigte sich nicht immer in Form einer zusammenhängenden Erzählung. Manchmal verbarg sie sich in einer undatierten Fotografie, in einem Wort, das sich im Laufe der Zeit verändert hatte, in einem Rezept, dessen Herkunft niemand mehr kannte, oder in einer familiären Gewohnheit, die ohne erkennbare Erklärung fortbestand.
In vielen Familien mit Migrationsgeschichte wurde die Vergangenheit nicht als geordnete Erzählung weitergegeben. Sie erreichte die Nachkommen in Bruchstücken. Diese erbten Namen ohne Zusammenhang, unvollständige Geschichten, nicht beschriftete Fotografien und ein Schweigen, das sich nur schwer deuten ließ. Manche Erfahrungen wurden immer wieder erzählt; andere blieben aus Scham, Schmerz oder dem Bedürfnis nach Anpassung verborgen. Die Ausgewanderten mussten lernen, in einem neuen Land zu leben. Viele änderten ihre Familiennamen, hörten auf, ihre Herkunftssprache zu sprechen, oder verzichteten darauf, sie an ihre Kinder weiterzugeben, um deren Eingliederung zu erleichtern. Dabei ging ein Teil des unsichtbaren Gepäcks verloren. Ein anderer Teil jedoch blieb erhalten. Ein Rezept überdauerte, obwohl niemand mehr wusste, aus welchem Dorf es ursprünglich stammte. Ein Wort blieb Teil der Familiensprache, auch wenn seine ursprüngliche Bedeutung allmählich verblasst war. Eine religiöse Verehrung wurde auf einem anderen Kontinent fortgeführt. Ein Beruf ging von den Eltern auf die Kinder über. Eine bestimmte Art zu feiern, zu arbeiten oder sich um einen Tisch zu versammeln, bewahrte etwas von der früheren Welt.

Ein Leuchten als Erbe
Auch körperliche Merkmale blieben erhalten: die Form der Augen, ein bestimmtes Profil, die Haarfarbe, ein Gesichtsausdruck oder eine Geste, die mehrere Generationen später unerwartet wieder auftauchte. Beim Betrachten einer alten Familienfotografie erkennt ein Nachkomme mitunter im Gesicht eines Vorfahren etwas von sich selbst oder von den eigenen Kindern. Es ist eine stille Form der Kontinuität, die älter ist als jede Erinnerung: eine Spur, die weder die Reise noch der Ozean noch die vergehende Zeit auslöschen konnten. Vielleicht war dieses unsichtbare Gepäck deshalb das einzige Gepäck, das sich die Nachkommen wirklich aneignen konnten, wenn auch nur teilweise. Es wurde nicht als unversehrtes Ganzes weitergegeben, sondern in Fragmenten: als Wort, als Gewohnheit, als Fotografie, als Geste oder als familiäres Merkmal, in dem sich etwas von jenen erkennen ließ, die einst aufgebrochen waren. Die Koffer zerbrachen. Die Kleidung verschliss. Dokumente gingen verloren. Häuser wurden verkauft, abgerissen oder verändert. Die Schiffe verschwanden und die Häfen wandelten sich. Selbst die Landschaften der Herkunft waren nicht mehr dieselben, die die Ausgewanderten einst gekannt hatten. Und doch reiste etwas von ihrer Erfahrung weiter.
Die Nachkommen erbten nicht die Reise selbst. Sie kannten weder die Ungewissheit im Abfahrtshafen noch die Bewegung des Schiffes oder die Angst vor der Ankunft in einer unbekannten Stadt. Ebenso wenig erhielten sie eine vollständige und genaue Darstellung dessen, was geschehen war. Was sie erbten, war ein Leuchten. Dieses Leuchten gleicht dem Licht der Sterne. Die Menschen, von denen es ausging, sind nicht mehr da, und die Welt, der sie angehörten, ist verschwunden oder hat sich tiefgreifend verändert. Doch etwas von ihrem Licht erreicht uns noch immer. Jede bewahrte Fotografie ist ein Lichtschein. Jeder wiedergefundene Brief ein Zeichen. Jedes weitergegebene Wort ein kleines Licht, das seine Reise fortsetzt. Die Erinnerung an Migration gibt die Vergangenheit nicht so wieder, wie sie tatsächlich war. Sie beleuchtet sie nur unvollständig. Sie macht einige Konturen sichtbar und lässt andere im Dunkeln.
Die Aufgabe des Historikers besteht deshalb nicht darin, eine vollkommene Gesamtheit wiederherzustellen, sondern Fragmente zusammenzuführen, sie miteinander zu vergleichen und ihnen ihren Zusammenhang zurückzugeben. Archive spielen dabei eine grundlegende Rolle. Wo die familiäre Erinnerung ein Gefühl bewahrt, kann ein Dokument ein Datum hinzufügen. Wo eine Fotografie ein Gesicht zeigt, kann ein Taufeintrag ihm seinen Namen zurückgeben. Wo eine Erzählung von einem Aufbruch berichtet, kann eine Passagierliste eine Reise bestätigen. Und wo nur Schweigen geblieben ist, kann ein Register eine neue Frage eröffnen. Keine Quelle genügt für sich allein. Ein amtliches Dokument kann Fehler, Vereinfachungen oder Identitäten enthalten, die an die Verwaltungskategorien ihrer Zeit angepasst wurden. Eine mündliche Erinnerung kann sich im Laufe der Generationen verändern. Eine Fotografie kann ein Gesicht bewahren, aber seine Geschichte nicht von selbst erklären. Erst die Verbindung verschiedener Quellen ermöglicht es, sich der Komplexität jener Leben anzunähern.
Ein Altösterreicher: Marko Grandić
Der Fall Marko Grandić aka Marcos Grandich ist dafür ein aufschlussreiches Beispiel. In seiner 1945 in Colonia, Uruguay, ausgestellten Sterbeurkunde wurde er als Österreicher eingetragen. Die österreichisch-ungarische Monarchie, unter deren Herrschaft er geboren worden war, existierte zu diesem Zeitpunkt jedoch bereits seit mehr als einem Vierteljahrhundert nicht mehr. Während seines Lebens hatten sich die Grenzen verschoben, neue Staaten waren entstanden, und sein Geburtsort war Teil einer anderen politischen Wirklichkeit geworden. Und dennoch wurde Marko weiterhin als Österreicher wahrgenommen. Seine Nachbarn nannten ihn »den alten Österreicher«. In dieser alltäglichen Bezeichnung lebte die Zugehörigkeit zu einer untergegangenen Welt fort. Entscheidend war nicht allein, welcher Staat sein Heimatdorf inzwischen verwaltete. Es ging ebenso um den Raum, die Kultur und die historische Erfahrung, mit denen Marko seit seiner Geburt und während seiner Auswanderung verbunden geblieben war.
Das Wort »Österreicher« wirkte wie das Licht eines Sterns. Das Reich, das dieser Identität einst ihre politische Bedeutung verliehen hatte, existierte nicht mehr. Sein Nachglanz aber erreichte noch das Jahr 1945, bewahrt in einer uruguayischen Urkunde und in der Erinnerung einer Nachbarschaft auf der anderen Seite des Atlantiks. Dieses Detail kann zwischen Marko und den österreichischen Leserinnen und Lesern von skug eine unerwartete Nähe entstehen lassen. Obwohl er fern von Europa lebte und starb, blieb ein Teil seiner Identität mit Österreich verbunden. Die Grenzen hatten sich verändert und das Reich war verschwunden, doch jene frühere Zugehörigkeit blieb weiterhin erkennbar.
Marko Grandić war ausgewandert, aber er hatte nicht aufgehört, das Licht der Welt, in die er hineingeboren worden war, mit sich zu tragen. In diesem Sinne gleicht die Erforschung einer Migrationsgeschichte auch dem Blick in einen Himmel voller alter Lichter. Jeder Lichtpunkt stammt aus einer anderen Entfernung. Manche leuchten kräftig, andere sind kaum wahrnehmbar. Manche erreichen uns klar, andere verlangen Geduld und Aufmerksamkeit. Nicht alle Familien haben dieselbe Menge an Erinnerungen bewahrt. Manche besitzen Briefe, Fotografien und ausführliche Erzählungen. Andere verfügen kaum über mehr als einen Familiennamen, ein ungefähres Datum oder eine Geschichte, die über Generationen weitergegeben wurde. Doch selbst solche kleinsten Fragmente können den Anfang einer Rekonstruktion bilden. Bisweilen genügt ein einziges Wort, um einen Ursprung wiederzufinden. Ein falsch geschriebener Name kann zu einem Kirchenbucheintrag führen. Eine Fotografie kann eine Uniform, einen Beruf oder eine Landschaft erkennen lassen. Ein vergessenes Dokument kann die Geschichte, die eine Familie zu kennen glaubte, vollständig verändern.

Familiengeschichte und Identitätswandel
Eine solche Suche zeigt nicht nur, woher die Vorfahren kamen. Sie hilft auch, zu verstehen, welche Veränderungen die Migration hervorrief. Auszuwandern bedeutet nicht nur, einen Ort gegen einen anderen zu tauschen. Es bedeutet, Beziehungen neu zu ordnen, Identitäten neu zu bestimmen und neue Formen der Zugehörigkeit zu erlernen. Die Ausgewanderten blieben mit ihren Herkunftsorten verbunden, bauten aber zugleich neue Bindungen, neue Familien und neue Erinnerungen in den Ländern ihrer Ankunft auf. Ihre Nachkommen wuchsen zwischen diesen beiden Dimensionen auf. Manche fühlten sich ganz und gar als Argentinier oder Uruguayer und schenkten der europäischen Vergangenheit nur geringe Aufmerksamkeit. Andere bewahrten ein starkes Bewusstsein für ihre Herkunft. In vielen Fällen schlummerte diese Identität jahrzehntelang und trat erst wieder hervor, als jemand begann, Fragen zu stellen, Dokumente zu suchen oder einen Stammbaum zu rekonstruieren. Dann wurde jenes alte Licht wieder sichtbar. Vielleicht ist das einer der Gründe, weshalb heute so viele Menschen das Bedürfnis empfinden, ihre Familiengeschichte zu erforschen. Sie suchen nicht nur nach Namen und Daten. Sie möchten ein Erbe verstehen, das immer vorhanden war, wenn auch nur schwach und kaum wahrnehmbar. Sie möchten wissen, warum bestimmte Gewohnheiten überlebt haben. Warum manche Geschichten immer wieder erzählt wurden. Warum bestimmtes Schweigen über Generationen hinweg schwer auf einer Familie lastete.
Familiengeschichte bietet keine endgültigen Antworten. Sie lässt uns jedoch erkennen, dass ein einzelnes Leben Teil umfassenderer historischer Prozesse ist. Entscheidungen zur Auswanderung waren mit Armut, Arbeit, familiären Netzwerken, Kriegen, politischen Veränderungen, der Ausweitung des Verkehrswesens und der Hoffnung auf ein besseres Leben verbunden. Doch diese großen Prozesse wurden immer von konkreten Menschen erlebt. Von einem Menschen, der ein Haus zurückließ. Von einem Menschen, der sich von seinen Eltern verabschiedete. Von einem Menschen, der eine Fotografie oder eine auf ein Stück Papier geschriebene Adresse aufbewahrte. Von einem Menschen, der versuchte, einen Teil seiner Welt zu bewahren, während er lernte, in einer anderen zu leben. Vielleicht ist das unsichtbare Gepäck gerade deshalb so bedeutend. Es verbindet die große Geschichte mit der alltäglichen Erfahrung. Es erinnert uns daran, dass Migrationen nicht nur aus Zahlen, Routen und Statistiken bestehen, sondern ebenso aus Gefühlen, Erinnerungen und familiären Überlieferungen.
Die Reisen unserer Vorfahren
Während ich »Wurzeln im Wasser« schrieb, wurde mir bewusst, dass Dokumente die Vergangenheit nicht so zurückgeben, wie sie tatsächlich gewesen ist. Sie ermöglichen es uns jedoch, das Licht wahrzunehmen, das diese Vergangenheit noch immer auf die Gegenwart wirft. Die Nachkommen erbten weder die Koffer noch die Schiffe. Sie erbten ein bruchstückhaftes Licht, manchmal schwach, aber noch immer sichtbar. Vielleicht ist Migration letztlich keine Ausnahme in der Geschichte der Menschheit, sondern eine ihrer grundlegenden Erfahrungen. Seit den frühesten Wanderungen unserer Spezies haben Männer und Frauen vertraute Gebiete verlassen, natürliche Grenzen überschritten und neue Orte zum Leben gesucht. Mensch zu sein bedeutete seit den Anfängen auch, sich fortzubewegen, sich anzupassen und etwas von der zurückgelassenen Welt mit sich zu tragen.
Jede Migration wiederholt auf ihre eigene Weise diese uralte Bewegung. Die Ursachen, die Entfernungen, die Verkehrsmittel und die Grenzen verändern sich. Doch die grundlegende Geste bleibt dieselbe: mit begrenztem Gepäck aufzubrechen und darauf zu vertrauen, dass ein Teil der eigenen Identität die Reise überleben wird. Vielleicht berührt uns die Erinnerung an die Ausgewanderten deshalb so unmittelbar. Sie spricht nicht nur von jenen, die den Atlantik überquerten, sondern von einer zutiefst menschlichen Bedingung. Wir alle stammen auf die eine oder andere Weise von Menschen ab, die sich irgendwann auf den Weg machten. Wir alle sind Erben von Reisen, deren Einzelheiten wir vielleicht nicht kennen, deren Licht uns aber noch immer erreicht. Und solange jemand eine Fotografie bewahrt, eine Geschichte weitererzählt, ein Rezept zubereitet, einen Familiennamen ausspricht, in einem Gesicht vertraute Züge erkennt oder in einem Archiv nach einem Namen sucht, wird dieses Licht weiterreisen. Wie das Licht der Sterne.
Teil 1: https://skug.at/raices-nas-augas-teil-1-von-baska-an-den-rio-de-la-plata/











