Männer, die sich austauschen. Männer, die organisieren. Und schließlich eine Öffentlichkeit, die sich an den Details abarbeitet. Nichts daran findet außerhalb unserer Gesellschaft statt. Und vielleicht beginnt genau hier das Problem: Wir haben uns angewöhnt, über Gewalt gegen Frauen zu sprechen, als handle es sich um einen Einbruch der Barbarei in eine ansonsten zivilisierte Welt. Als käme das Ungeheuerliche von außen. Als müsste irgendwo ein Monster auftauchen, damit wir uns selbst beruhigt auf die Seite der Anständigen stellen können. Nach jedem spektakulären Gewaltverbrechen beginnt deshalb beinahe automatisch die Arbeit an der Verdrängung. Der Täter muss zum Monster werden. Zum Wahnsinnigen, zum Kranken, zum Perversen, zum Ausnahmefall. Zu jemandem, der mit uns nichts zu tun hat. Denn die Alternative wäre wesentlich unangenehmer: anzuerkennen, dass Gewalt gegen Frauen nicht am Rand dieser Gesellschaft stattfindet, sondern mitten in ihr. Dass ein Femizid nicht plötzlich aus dem Nichts entsteht, sondern das äußerste Ende einer Geschichte ist, die viel früher beginnt. Mit Blicken und Worten. Mit Witzen und Demütigungen. Mit Besitzansprüchen, Kontrolle und Eifersucht, die noch immer als Ausdruck besonderer Liebe missverstanden wird. Mit der Vorstellung, Frauen seien verfügbar, ihre Körper verhandelbar, ihre Grenzen relativ. Mit Männern, die andere Männer entschuldigen, und mit einer Gesellschaft, die erstaunlich viel Energie darauf verwendet, darüber zu diskutieren, ob man denn wirklich »alle Männer« meinen könne, anstatt endlich darüber zu sprechen, warum so viele Frauen von Männern verletzt, misshandelt, vergewaltigt und getötet werden. Einzeltäter, das scheint so eine Art Beruhigungspille für die Gesellschaft zu sein.
Strukturelle männliche Gewalt
Natürlich sind es nicht alle Männer. Aber immer wieder Männer. Diese beiden Tatsachen gleichzeitig auszuhalten, scheint für erstaunlich viele Menschen bis heute eine Überforderung zu sein. Dabei hat der Feminismus seit Jahrzehnten, eigentlich seit Jahrhunderten, versucht, genau diese Zusammenhänge sichtbar zu machen. »Das Private ist politisch« war keine hübsche Parole für Plakate und Seminarräume. Es war die radikale Erkenntnis, dass das, was Frauen hinter verschlossenen Türen geschieht, nicht länger als private Angelegenheit behandelt werden darf. Dass die Wohnung kein unpolitischer Schutzraum ist, die Ehe keine Garantie für Sicherheit und dass Intimität keineswegs automatisch mit Gleichberechtigung verbunden ist. Kate Millett schrieb über die politische Dimension der Geschlechterverhältnisse, lange bevor Begriffe wie »Femizid« in der breiteren Öffentlichkeit angekommen waren. Simone de Beauvoir analysierte, wie die Frau zum »Anderen« gemacht wird, zum Gegenüber, über das definiert, verfügt und geurteilt wird. Und Susan Brownmiller beschrieb Vergewaltigung nicht als unkontrollierbaren sexuellen Trieb, sondern als Gewalt und Macht. Nichts davon ist erledigte Theorie. Es ist Gegenwart. Vielleicht ist Marchtrenk gerade deshalb so verstörend, weil hier etwas sichtbar wird, das wir bis heute nicht sehen wollen: Frauenverachtung braucht keine dunklen Gassen. Sie braucht keine unbekannten Täter. Sie braucht keinen fremden Mann, der aus dem Nichts auftaucht. Sie kann im Reihenhaus wohnen. Im Schlafzimmer. Im Ehebett. Sie kann dort stattfinden, wo Frauen sich sicher fühlen sollten. Die Vorstellung, Gefahr komme vor allem von außen, gehört zu den hartnäckigsten Lügen patriarchaler Gesellschaften. Frauen wird beigebracht, nachts vorsichtig zu sein, dunkle Wege zu meiden, nicht zu viel zu trinken, den Schlüssel zwischen den Fingern zu halten, sich nach dem ersten Date bei einer Freundin zu melden und möglichst genau darauf zu achten, welchem fremden Mann sie vertrauen können. Weit weniger konsequent wird darüber gesprochen, dass die größte Gefahr für Frauen häufig nicht der Fremde ist, sondern der Mann, den sie kennen. Der Partner. Der Ex-Partner. Der Kollege. Der Freund.
Mediale, gesellschaftliche Gewalt
Und wenn dann etwas geschieht, beginnt die zweite Gewalt: die Gewalt nach der Gewalt. Die mediale, gesellschaftliche, öffentliche Aneignung dessen, was einer Frau widerfahren ist. Eine Frau wird getötet und plötzlich gehört ihre Geschichte allen. Ihr Haus wird gezeigt. Private Fotos werden veröffentlicht. Ihr Körper wird beschrieben. Chats werden ausgebreitet. Details werden angekündigt, angeblich aus Pietät nicht erzählt – und dann doch gerade weit genug angedeutet, um die gewünschte Schockwirkung zu erzielen. Man nennt das Berichterstattung. Aber manchmal ist es etwas anderes. Manchmal ist es die Fortsetzung der Entwürdigung mit anderen Mitteln. Was geschieht eigentlich, wenn eine Zeitung das Bikinifoto einer getöteten Frau veröffentlicht, weil dieses Foto angeblich von ihrem Ehemann verwendet wurde, um sie anderen Männern anzubieten? Wem dient das? Welches öffentliche Interesse wird dadurch erfüllt? Welche Information ist ohne dieses Bild nicht zu vermitteln? Die Antwort ist unerquicklich, weil sie so offensichtlich ist: Das Bild erzeugt Aufmerksamkeit. Es erzeugt Neugier. Es erzeugt einen Blick auf den Körper einer Frau, die sich gegen diesen Blick nicht mehr wehren kann. Und genau darin liegt die bittere Ironie: Eine Frau, deren Körper offenbar zum Objekt männlicher Verfügung gemacht wurde, wird nach ihrem Tod noch einmal öffentlich zum Objekt gemacht – diesmal im Namen der Information.
Zynischer Markt der Aufmerksamkeit
Es ist diese Logik, die so unerträglich ist. Nicht, weil Medien über Gewalt nicht berichten sollen. Natürlich müssen sie das. Gerade sie müssen berichten. Aber sie müssen sich entscheiden, ob sie Gewalt sichtbar machen oder ob sie sie verwerten. Ob sie Strukturen erklären oder Details verkaufen. Ob sie das öffentliche Interesse ernst nehmen oder die öffentliche Neugier bedienen. Zwischen beidem liegt ein Unterschied, und zwar ein gewaltiger. Eine Gesellschaft muss wissen, dass Frauen von ihren Partnern und Ex-Partnern getötet werden. Sie muss wissen, wie institutionelles Versagen aussieht, welche Warnsignale es gibt, welche Strukturen Gewalt begünstigen und wo Frauen Unterstützung finden. Sie muss nicht wissen, wie der Körper einer getöteten Frau im Detail zugerichtet wurde. Sie muss keine privaten Bilder einer Frau sehen, um zu verstehen, dass sie Opfer eines Verbrechens geworden ist. Und sie muss keine Chatprotokolle konsumieren, die vor allem eines erzeugen: das Gefühl, beim Blick in einen Abgrund selbst ganz vorne stehen zu dürfen. Doch genau dieser Blick ist Teil des Problems. Denn natürlich gibt es eine Öffentlichkeit für solche Details. Natürlich gibt es Menschen, die sich daran berauschen. Natürlich gibt es einschlägige Foren, in denen Bilder gespeichert, geteilt und kommentiert werden. Natürlich wissen Redaktionen, dass Gewalt, Sexualität und der weibliche Körper Aufmerksamkeit erzeugen. Die Vorstellung, man könne intimste Details veröffentlichen, ohne sich Gedanken darüber machen zu müssen, was mit ihnen geschieht und wer sie konsumiert, ist entweder naiv oder zynisch. Und während eine Frau getötet wurde, entsteht um ihren Tod ein Markt der Aufmerksamkeit. Ein Foto. Ein Detail. Ein Schock. Ein Klick. Eine Paywall.
Was von weiblichen Opfern erwartet wird
Wofür dabei erstaunlich oft kein Platz mehr bleibt, ist Würde. Wir kennen auch das. Wir kennen die gesellschaftliche Behandlung weiblicher Opfer. Wir kennen sie von Natascha Kampusch. Eine junge Frau überlebt jahrelange Gefangenschaft und unfassbare Gewalt, und kaum ist sie frei, beginnt ein Teil der Öffentlichkeit damit, sie zu sezieren. Warum verhält sie sich so? Warum nicht anders? Warum ist sie nicht dankbarer? Warum ist sie nicht gebrochener? Warum spricht sie? Warum schweigt sie? Warum entspricht sie nicht der Vorstellung, die wir uns von einem Opfer gemacht haben? Es ist eine perfide Form der Gewalt, denn sie verlangt von Betroffenen nicht nur, Gewalt zu überleben. Sie verlangt ihnen anschließend auch noch ab, auf die richtige Weise Opfer zu sein. Und: Opferrollen sind streng geregelt. Ein Opfer darf leiden, aber bitte nicht zu wütend sein. Es darf sprechen, aber nicht zu unbequem. Es soll dankbar sein, wenn man ihm glaubt, und bescheiden bleiben, wenn es Aufmerksamkeit bekommt. Es darf keine Widersprüche haben, keine Ambivalenz, keinen Eigensinn. Vor allem aber soll es niemanden dazu zwingen, die gesellschaftlichen Verhältnisse infrage zu stellen. Denn genau dort wird es gefährlich. Sobald eine Frau nicht mehr nur als bedauernswertes Opfer erscheint, sondern als Mensch, dessen Geschichte etwas über unsere Gesellschaft erzählt, beginnt die Abwehr.
Warum Täter zu Monstern gemacht werden
Vielleicht ist das der Grund, warum Täter so dringend zu Monstern gemacht werden müssen. Ein Monster ist immer jemand anderer. Ein Monster wohnt nicht nebenan. Ein Monster arbeitet nicht mit uns. Ein Monster sitzt nicht mit uns am Tisch. Es ist nicht der Kollege, der Freund, der Ehemann, der Nachbar, der nette Mann, der immer gegrüßt hat. Das Monster erfüllt eine wichtige gesellschaftliche Funktion: Es erlaubt uns, uns selbst aus der Geschichte herauszunehmen. Wenn der Täter radikal anders ist als wir, müssen wir nicht fragen, welche Formen von Frauenverachtung wir selbst täglich tolerieren. Welche Witze wir überhören. Welche Demütigungen wir verharmlosen. Welche Grenzüberschreitungen wir entschuldigen. Welche Männer wir decken, weil sie doch »sonst immer so nett« sind. Österreich kennt diese Mechanismen besonders gut. Es ist das Land der Mühls, der Fritzls und der Priklopils. Jedes Mal folgt ein ähnliches Ritual. Entsetzen. Sensationsberichterstattung. Psychologisierung. Individualisierung. Die beruhigende Erklärung, es handle sich um einen Ausnahmefall. Um einen perversen Einzelnen. Um einen Wahnsinnigen. Um ein Monster. Und die Gesellschaft kann wieder aufatmen: Mit uns hat das nichts zu tun. Wir sind nicht so. Aber was, wenn genau diese Erzählung Teil des Problems ist? Was, wenn die Konstruktion des Monsters vor allem dazu dient, die Normalität unsichtbar zu machen? Denn Täter fallen nicht vom Himmel. Sie werden nicht in einem gesellschaftlichen Vakuum geboren. Sie leben in einer Welt, die bestimmte Vorstellungen von Männlichkeit hervorbringt. In einer Welt, in der Macht über Frauen noch immer romantisiert, männliche Aggression entschuldigt und weibliche Angst individualisiert wird. Frauen wird beigebracht, sich anzupassen. Männern viel seltener, sich zu hinterfragen.
Sechs lange Tage bis zur Verhaftung
Und dann gibt es noch die Frage nach den sechs Tagen. Ich komme über diese sechs Tage nicht hinweg. Eine Frau stirbt am 26. Juni 2026 mit schwersten Verletzungen. Ihr Ehemann wird erst am 2. Juli festgenommen. Sechs Tage später. Sechs Tage, in denen laut aktuellen Berichten offenbar ein Wasserbett entsorgt und eine App vom Handy gelöscht werden konnten. Natürlich gilt die Unschuldsvermutung. Natürlich müssen Ermittlungen rechtsstaatlich geführt werden. Natürlich sind Ermittlungen komplex und niemand, der nicht selbst Einblick in die Akten hat, kann von außen abschließend beurteilen, welche Maßnahmen wann aus welchen Gründen gesetzt wurden. Aber gerade deshalb müssen Fragen gestellt werden. Wann wurde der Tatort gesichert? Wer hatte danach Zugriff auf welche Räume? Welche Gegenstände wurden sichergestellt? Welche Daten gesichert? Was geschah wann? Und warum? Diese Fragen sind kein Angriff auf den Rechtsstaat. Sie sind die Frage danach, ob ein Rechtsstaat Frauen mit derselben Konsequenz schützt und ernst nimmt, mit der er ihnen sonst permanent Verantwortung überträgt. Denn wir sagen Frauen ständig, was sie tun müssen. Sichert Beweise. Geht sofort zur Polizei. Lasst euch untersuchen. Wartet nicht. Dokumentiert alles. Macht Fotos. Erzählt es jemandem. Reagiert schnell. Macht alles richtig. Und dann erleben wir Frauen, die nach einer Vergewaltigung von Institution zu Institution geschickt werden. Frauen, die nicht ernst genommen werden. Frauen, denen nicht geglaubt wird. Frauen, die zu spät untersucht werden. Und nun steht im Raum, dass selbst nach dem gewaltsamen Tod einer Frau mögliche Beweismittel nicht sofort gesichert werden konnten.
Wer trägt die Verantwortung?
Was muss einer Frau in Österreich eigentlich passieren, damit sofort gehandelt wird? Diese Frage ist nicht rhetorisch. Und sie ist nicht übertrieben. Denn vielleicht liegt die größte Absurdität darin, dass Frauen für Männergewalt verantwortlich gemacht werden, lange bevor sie überhaupt stattgefunden hat. Frauen sollen vorsichtig sein. Nicht zu viel trinken. Nicht allein nach Hause gehen. Nicht den falschen Mann treffen. Nicht zu lange warten. Beweise sichern. Sich richtig verhalten. Das Richtige sagen. Die richtige Hilfe suchen. Und wenn Institutionen versagen, wenn Opfer nicht ernst genommen oder weggeschickt werden, wenn Beweise verloren gehen oder zu spät gehandelt wird, beginnt oft wieder die Suche nach dem individuellen Fehler. Was hätte die Frau tun müssen? Es ist eine Frage, die wir so tief verinnerlicht haben, dass wir sie oft nicht einmal mehr erkennen. Dabei wäre längst eine andere überfällig: Was hätte die Gesellschaft tun müssen? Was hätten Institutionen tun müssen? Was hätte die Polizei tun müssen? Was hätten Krankenhäuser tun müssen? Was hätten Medien tun müssen? Und, vor allem: Was hätten Männer tun müssen? Denn genau hier muss sich auch die Perspektive ändern. Frauen brauchen nicht noch mehr Ratgeber darüber, wie sie sich vor Männern schützen können. Frauen brauchen keine Männer, die sich selbstzufrieden zu ihren Beschützern erklären, während sie gleichzeitig über die Gewalt anderer Männer schweigen. Frauen brauchen Männer, die aufhören, Männer zu schützen. Die hinschauen. Die zuhören. Die widersprechen. Die nicht lachen. Die nicht relativieren. Die nicht wegsehen. Die sich nicht erst dann betroffen fühlen, wenn eine Schwester, Freundin, Partnerin oder Tochter betroffen ist. Männer müssen nicht die Beschützer von Frauen sein. Sie müssen endlich aufhören, Komplizen einer Kultur zu sein, in der Gewalt verharmlost, sexualisierte Grenzüberschreitung normalisiert und Frauenfeindlichkeit als Humor verkauft wird. Und nein, das bedeutet nicht, dass jeder Mann ein Täter ist. Es bedeutet, dass Männergewalt ein Problem ist, das Männer nicht länger an Frauen delegieren können.
Wir alle tragen die Verantwortung
Marchtrenk ist deshalb nicht nur ein Kriminalfall. Marchtrenk ist ein Spiegel. Und das Bild, das wir darin sehen, gefällt uns nicht. Wir sehen eine Frau, die offenbar entmenschlicht und zum Objekt gemacht wurde. Wir sehen Männer, die sich über sie austauschen. Wir sehen Gewalt, die sich steigert. Wir sehen eine Gesellschaft, die sich auf die Details stürzt. Wir sehen Medien, die aus dem Leid einer Frau verwertbare Ware machen. Wir sehen institutionelle Fragen, die beantwortet werden müssen. Und wir sehen den verzweifelten Versuch, all das möglichst weit von uns fernzuhalten. Das sind die Täter. Die anderen. Die Kranken. Die Monster. Nicht wir. Aber vielleicht müssten wir genau an diesem Punkt stehen bleiben. Nicht weiterblättern. Nicht den nächsten grausamen Artikel anklicken. Nicht nach dem nächsten Detail fragen. Sondern stehen bleiben und uns fragen, warum wir so dringend glauben wollen, dass all das nichts mit uns zu tun hat. Denn wenn wir Gewalt gegen Frauen immer nur als Ausnahme verstehen, werden wir nie begreifen, wie sie möglich wird. Wenn wir Täter immer nur als Monster verstehen, werden wir nie erkennen, wie gewöhnliche Männer zu Tätern werden können. Wenn wir Opfer immer nur als Geschichten über Leid konsumieren, werden wir nie verstehen, was ihnen gesellschaftlich angetan wird. Und wenn wir jedes Mal darüber reden, ob sich Männer persönlich angegriffen fühlen, sobald Frauen über Männergewalt sprechen, dann werden wir weiterhin über männliche Befindlichkeiten reden, während Frauen sterben. Wir haben uns lange genug eingeredet, es handle sich immer um Ausnahmefälle. Um bizarre Abgründe. Um einzelne Männer, die aus einer ansonsten gesunden Gesellschaft herausgefallen sind. Aber vielleicht besteht der eigentliche Abgrund darin, wie gut wir gelernt haben, uns selbst aus diesen Geschichten herauszunehmen. Wie schnell wir vergessen, dass Gewalt eine Geschichte hat. Eine Sprache. Zuschauer*innen. Mitwisser*innen. Wegseher*innen. Verteidiger*innen. Und manchmal eine Öffentlichkeit, die sich daran berauscht. Vielleicht ist das die unbequemste Wahrheit von allen: Der Täter steht nicht außerhalb der Gesellschaft. Er ist nicht ihr Fremdkörper. Er ist in ihr sozialisiert worden. Und solange wir das nicht verstehen wollen, werden wir weiter von Monstern sprechen. Weil es leichter ist. Weil ein Monster keine Freunde hat, die hätten widersprechen können. Keine Kollegen. Keine Familie. Keine Männer, die ihn decken. Keine Gesellschaft, die ihm beigebracht hat, Macht über Frauen mit Männlichkeit zu verwechseln. Aber Menschen tun diese Dinge. Männer tun diese Dinge. Nicht alle. Aber viel zu viele. Und Frauen zahlen dafür. Mit ihrer Freiheit. Mit ihrer körperlichen Unversehrtheit. Mit ihrer Würde. Mit ihrem Leben. Marchtrenk ist kein Blick in eine dystopische Zukunft. Marchtrenk ist Gegenwart. Und vielleicht müssen wir endlich aufhören zu fragen, wie so etwas passieren konnte, als wäre es ein unerklärliches Naturereignis, ein dunkler Blitz aus heiterem Himmel. Die bessere Frage lautet: Was genau muss noch geschehen, damit wir aufhören, so zu tun, als hätte das alles nichts mit uns zu tun? Irgendwann müssen wir in den Spiegel sehen. Und erkennen: Das sind nicht die anderen. Das sind ja wir.











