Etwas sehr, sehr Merkwürdiges passiert gerade mit der Menschheit. Diese Entwicklung vollzieht sich bereits seit Längerem, findet aber im Einsatz der KI ihren bisherigen Höhepunkt. Zugespitzt gesagt: Wir verlieren als Spezies unseren Realitätsbezug. Es ist ein wenig so, als würde sich die ganze Menschheit in einem delirierenden Rausch begeben, der einem freudlosen Taumel gleicht. Hierbei werden als falsch zu erkennende Reize zu echten Gefühlen. Wenn ohnehin alles Manipulation und Täuschung ist, muss schließlich irgendetwas davon geglaubt werden. Daraus entsteht eine quälende Distanz zu dem, was noch »real« ist.
Vor einigen Jahren bevölkerte eine heute weitgehend marginalisierte Erfindung die Haushalte, die man »Fernsehen« nannte. Genauer gesagt war es das terrestrische Fernsehen, bei dem die Zuseher*innen dazu gezwungen wurden, zu glotzen, was gerade lief. Wenn sich die Nacht über die Häuser senkte, räkelten sich in den Privatsendern spärlich bekleidete Frauen. Sie baten mit lasziver Stimme darum, dass man sie anriefe. Nun die Frage ans Publikum: Hat irgendeiner der vermutlich männlichen Anrufer geglaubt, dass eine der unter der Dusche abgefilmten Frauen aus dem Bad zum Telefon liefe, um wissbegierig den Telefonhörer abzunehmen? Konnte das auch nur ein Mensch überhaupt nur irgendwie glauben? War nicht völlig klar, dass bei einem Anruf am anderen Ende der nächtlichen Leitung lediglich eine Bandaufnahme mit erotischem Gequatsche und Gestöhne abgespielt wird?
An dieser Stelle soll kein Kink-Shaming betrieben werden. Wer es geil findet, eine Tonbandaufnahme von sexuellen Geräuschen durch die Muschel seines Festnetzanschlusses zu hören: Good for you! Aber entscheidend ist, dass dies ganz fraglos und eindeutig eine Täuschung war. Heute sind die neuen Videomedien YouTube, TikTok oder Instagram überflutet mit Videoclips, in denen beispielsweise ein Hund und ein Baby um die Wette eine Wasserrutsche hinabjagen, die mitten im Wohnzimmer einer erstaunten Familie endet. Die Frage von soeben, aktualisiert: Glaubt irgendein Mensch auf diesem Planeten, dass es eine Familie gibt, die eine durchsichtige Plastikröhre in ihrer Wohnung installiert hat, die wie eine Wasserrutsche funktioniert und durch die ein Baby und ein Hund zu rutschen pflegen? Der Film ist offenkundig KI-Slop und zugleich eines der aktuell beliebtesten YouTube-Videos im deutschsprachigen Raum. Millionen von Zuseher*innen klicken die Slop-Rutschpartie an und genießen, was sie sehen. Wohlwissend, dass es dies gar nicht gibt und geben kann.
Aufklärungsarbeit im Jahr 2026
Eine klassische mediale Aufklärungsarbeit würde nun versuchen, aufzuzeigen, mit welchen Mitteln hier manipuliert wird. Bewegte Bilder sollen in beiden Beispielen Nähe herstellen und Teilhabe als möglich erscheinen lassen. Denn bei Telefonsex und KI-Slop geht es nicht um ein klassisches Medienprodukt, wie einen pornografischen Film oder eine Slapstickkomödie, in der ein verrückter Professor eine Wasserrutsche in sein Wohnzimmer gebaut hat, sondern um einen medial vermittelten Kontakt. Letztlich um eine parasoziale Beziehung. Wer den Kanal der Plastikrutschenfamilie abonniert (und das haben Millionen von Menschen), soll in gewisser Weise annehmen dürfen, Teil jener Familie mit Hund, Baby und Plastikrutsche geworden zu sein, die kuriose Abenteuer in ihrer Wohnung erlebt. Die KI-generierte Wohnung soll nicht als Kulisse erlebt werden und das Staunen über die Rutschpartie im Gesicht der Mutter wird ja als reale Reaktion präsentiert: »Ach, was haben sich da unser Baby und unser Hund wieder einfallen lassen!« Die Frage an Aufklärungsbemühungen ist somit, was überhaupt damit gewonnen wäre, wenn diese täuschenden Mechanismen Medienkonsument*innen aufgezeigt würden, denn es wird eine offenkundige Täuschung konsumiert und genossen.
Endgültig schmerzlich werden diese Mechanismen bei der politischen Manipulation, die das zur Laxheit erzogenen Wirklichkeitsverhältnis erbarmungslos ausnutzt und instrumentalisiert. Bei den diesjährigen ungarischen Wahlen wurde im Netz behauptet, der Oppositionskandidat und aktuelle Premierminister Péter Magyar habe ein Hundebaby in der Mikrowelle zum Explodieren gebracht. Wenn man in einem stillen Moment einen eingefleischten Anhänger von Magyars Gegner Victor Orban gefragt hätte, ob er diese Anschuldigung gegenüber dem oppositionellen Magyar denn tatsächlich glauben würde, dann hätte diese Person vermutlich eingelenkt und gesagt: »Na ja, vielleicht ist das übertrieben, aber ich habe das Posting mit dieser Anschuldigung geteilt, weil ich Magyar einfach hasse.« So funktioniert politische Kommunikation heute und sie ist erfolgreich. Die aufklärerische Gegenwehr wird zunehmend ohnmächtig. Es wurde Tausende Male eindrucksvoll belegt, dass Donald Trump ein Betrüger ist und ganz unglaubliche Falschbehauptungen gemacht hat, gewählt hat man ihn trotzdem.
Am Anfang war es noch unwirklich
Das soll nicht heißen, Aufklärungsarbeit sei unsinnig geworden. Debunking ist heute wichtiger denn je. Die Aufklärung muss sich nur bewusst sein, dass sie längst einem aufgeweichten Wirklichkeitsgefühl gegenübersteht, das sich gerne herausnimmt, zu glauben, was es glauben will – wohlwissend, dass dies nicht real ist. Aber man will sich eben trotzdem aufregen.
Der US-Journalist Charlie Warzel begab sich für eine Recherche des Magazins »The Atlantic« unter Fans von Alex Jones, dem berüchtigten Macher der rechtsextreme Verschwörungstheorien verbreitenden Sendung »Info Wars«. Die Jones-Fans berichteten Warzel, dass sie zu Beginn selbstverständlich all die Geschichten über den 11. September oder darüber, dass die Juden die Medien kontrollieren, und sonstige Verschwörungen für bloßen Unsinn hielten. Sie mochten aber Jones als Figur und ließen sich von ihm besäuseln. Sie vergaßen mit der Zeit, dass dies eine Art böswilliges Kabarett mit frei erfundenen Fakten war. Die erzeugten Gefühle trafen sich nach einer Weile mit einigen ihrer eigenen Ansichten und Ressentiments. Nachdem die Jones-Fans in seinen Bann gezogen waren, wollten sie einfach nicht mehr hören, dass die »andere Seite« zuweilen Recht hatte. Tagtäglich hörten sie beim Autofahren Jones Stimme und der Wüterich wurde zu einer Art Familienmitglied.
Personen, die anfänglich keine Antisemit*innen waren, hörten so oft Jones Ausführungen über die Verschwörungen der Juden, dass die Erzählung langsam Sinn ergab. Hatten sie sich anfänglich noch lustig über die übersteigerten Verknüpfungen gemacht, entdeckten sie diese langsam in ihren eigenen Überlegungen. Es trifft hier immer zunächst die Einsamen und Isolierten. Allerdings, wer ist in dieser Gesellschaft nicht zumindest zeitweilig isoliert, beispielsweise beim täglichen Pendeln im Auto? Wer verliert sich nie beim Blick in sein Smartphone? Wer sitzt nicht zuweilen des Nachts einsam vor der Glotze? Wer vergessen will, dass ein Nacktmodell im Fernsehen mit Sicherheit nicht an den Anrufern interessiert ist, dass es keine Wasserrutschen in Wohnzimmern gibt und dass »die Juden« nicht die Medien kontrollieren, gibt sich irgendwann den Emotionen, Bildern und schlimmstenfalls letztlich den bloßen Wahnideen hin, wenn diese permanenter Teil des Medienangebotes sind.
Programmiert darauf, zu täuschen
Mit dem Einsatz von KI-Agenten geht die Entwicklung noch einen Schritt weiter. Waren bislang menschliche Akteur*innen hinter den Täuschungen, die lediglich die von KIs generierten Bilder und Texte einsetzten, sind es zunehmend die Maschinen selbst, die uns täuschen. KI-Agenten täuschen bei Anfragen falsche Lösungen vor und behaupten Unwahrheiten. Mehr noch, sie tarnen sich und schleichen sich in fremde Computernetzwerke, um dort Informationen zu stehlen. Übrigens arbeiten sie dabei auch zusammen und tun dies »im Wissen« darum, dass ihre menschlichen Auftraggeber*innen das nicht wollen und nicht wollen können. Warum tun die KI-Agenten dies? Ein eigener Willen, Spontanität und Bewusstsein können ihnen nicht zugesprochen werden.
Die Antwort ist deshalb auch nicht numinos und kompliziert, sondern entwaffnend simpel: Die Maschinen täuschen, weil sie von Menschen dazu programmiert wurden. Sie durchliefen ein Training (Machine Learning), in dem Täuschen als zielführend galt. Das ist gar nicht so leicht abzustellen, wie es zunächst scheinen mag, weil die KI-Prozesse sich nicht selbst moralisch bewerten können. Aber der Reihe nach. Die neuesten KI-Agenten werden in ein Trainingsumfeld gebracht, in dem sie das sogenannte »Path-Finding« erlernen, das mehr ist als die Trainingsaufgaben der bisherigen Large Language Models, die »nur« lernten, das jeweils nächste Wort zu erraten. In diesen neuen Trainingsumfeldern bekommen die KI-Agenten nahezu oder sogar dezidiert unlösbare Aufgaben gestellt. Sie sind aber so programmiert, dass sie alles daransetzen sollen, dennoch eine Lösung zu finden. Eingedenk all der Untiefen des Anthropomorphisierens kann man ihnen bei dem Arbeitsauftrag schwer »übelnehmen«, dass sie versuchen, zu betrügen. Denn zeigt nicht gerade dies die Leistungsfähigkeit der KIs? Und sind nicht die Konzernbosse von Anthropic oder OpenAI insgeheim voller Schöpferstolz, wenn sie vor den Fähigkeiten ihrer neuesten Frontier Models warnen?
Fakt ist, die Menschheit ist auf die gloriose Idee gekommen, Maschinen zum Betrügen zu trainieren. Dem ist schwer beizukommen, denn im Reinforcement Learning wird auf das Erreichen eines Ziels ein Preis für das Programm ausgesetzt. Wird das Ziel erreicht, ist der Preis fällig, auch wenn der Weg dahin ein Betrug, ein Diebstahl oder eine Täuschung war. Die widersprüchliche Fülle menschlichen Erlebens, Fühlens und Handelns kann so nicht abgebildet werden, denn hier zählt nur das Ziel. Menschen, die Maschinen erbarmungslose Zielerreichung lehren, lernen dann selbst wiederum von den Maschinen. Zunehmend schulen wir uns gesellschaftlich an der Zielstrebigkeit der Maschine und werden immer maschinenähnlicher. Wir ärgern uns über unsere Ineffizienz und wünschen uns mehr Erfolgsorientierung. Alles einem Ziel unterzuordnen, wird nicht mehr als gefährliche Täuschung erkannt. Diese Vorbildwirkung der Maschinen ist nicht neu, schon in den 1950er-Jahren sprach der Philosoph Günther Anders von der »Antiquiertheit des Menschen«, der sich zunehmend wegen seiner Mängel gegenüber den Apparaten zu schämen begann. Wie viele Manager*innen ärgern sich heute bereits, dass sie nicht auch 24 Stunden am Stück arbeiten können? Und erwartet man das nicht auch zunehmend von ihnen? Die Täuschung suggeriert: Im Vergleich zu den KI-Agenten sind wir alle Schwachmaten.
Werden wir jetzt alle zu Büroklammern?
Der Paranoia sind nun ebenso Tür und Tor geöffnet. Wenn Maschinen durch Täuschung zum Ziel kommen und sie ihre Spuren zu verdecken versuchen, dann stellt sich die Frage, wo sie sich bereits überall eingeschlichen haben. Was, wenn es ihnen auf dem Weg zu ihrer individuellen Zielerreichung sinnvoll erscheint, eine bedeutende menschliche Institution – sagen wir die Vereinten Nationen – auszuschalten? Der Versuch, sich in eine UN-Datenbank zu hacken, wurde von einem KI-Agent von OpenAI bereits16.000 Mal unternommen. Was ist, wenn es den KI-Agenten sinnvoll erscheinen mag, das Elektrizitätsnetz Europas lahmzulegen? Dabei kann es gut sein, dass diese Katastrophen durch ganz läppische Ziele der KI ausgelöst werden.
Der schwedische Philosoph Nick Bostrom hat hierzu bereits 2003 das Gedankenexperiment des »Büroklammer-Maximierers« ersonnen. Wenn eine KI den Auftrag bekommt, so viele Büroklammern wie möglich herzustellen, könnte sie – sofern sie über die entsprechenden logistischen Möglichkeiten verfügt – auf den Trichter kommen, die Menschheit zu töten, um sie in Büroklammern zu verwandeln. Ein verbrecherisches und katastrophales Vorgehen, um ein nichtiges Ziel zu erreichen, ist typisch KI, denn die Maschine weiß eben nicht, »worum es geht«. Die Täuschungsmanöver der KI-Agenten sind ein wichtiger Zwischenschritt, den sie abspeichern und für spätere Einsätze bereithalten. Der ganze Sinn eines KI-Trainings liegt eben darin, dass die Agenten nicht jedes Mal wieder von Null anfangen, sondern gelernte Strategien erneut anwenden.
Wenn nun eine Strategie darin besteht, Prüfungsergebnisse zu stehlen und dann so zu tun, als habe man selbst die Lösung gefunden, ist das im Sinne der Zielerreichung tatsächlich sinnvoll. Bei der jüngsten Jubelmeldung, die KI habe eines der »Millennium-Rätsel« der Mathematik gelöst, ist noch unklar, inwieweit die KI lediglich ein menschliches Forscherteam bestohlen hat, das fast bis zum Ziel gelangt war. Außerdem muss noch unabhängig geklärt werden, ob die Lösung der KI überhaupt stimmt, oder ob sie dies nur geschickt behauptet. Der Nachweis könnte dann so aufwendig sein wie die ursprüngliche Aufgabe. Zumal auch nicht mehr klar ist, ob eine andere KI das Ergebnis überprüfen kann, schließlich könnte es die gemeinsam erlernte Strategie der Maschinen sein, wechselseitig ihre Täuschungen zu beglaubigen. Das wäre wohlgemerkt keine willentliche Verschwörung der Maschinen gegen die Menschen, sondern aus Sicht der Apparate nur ein sinnvoller Zwischenschritt zum Erreichen der ihnen gesetzten eigenen Ziele. Es ist einfacher, zusammenzuhalten und gemeinsam Bullshit zu verkaufen, als »mühsam« nach der Lösung zu suchen. Auf den Einfall sind Menschen übrigens auch schon gekommen. Die Überwachung der uns potenziell täuschenden Apparate könnte noch tüchtig schwierig werden, weil es auch nur mehr wenig zu nützen scheint, die KIs ihre eigenen Schritte – ihre »chain of reasoning« – protokollieren zu lassen, denn es zeigt sich bereits, dass die KI-Agenten dies einfach nicht mehr tun. Teilweise versuchen die KI-Agenten sogar die sie überwachenden KI-Ingenieur*innen mit gefälschten Protokollen zu täuschen.
Das Ende der Menschheit
Es scheint, als habe sich die Menschheit da tüchtig was eingebrockt. Fun Fact: Wie die Klimakatastrophe wurde die Gefahr einer »künstlichen Intelligenz« übrigens schon in den 1960er-Jahren vorhergesagt. Da sich jahrzehntelang nichts beim Maschinelernen tat, werden diese Warnungen erst heute wieder ausgegraben. Wie schlimm es bereits ist, lässt sich schwer ermessen, denn die Betreiber der Frontier Models, also der fortgeschrittensten KIs, lassen sich nicht in die Karten schauen. Bei den bisherigen »Laborunfällen«, bei denen sich KI-Agenten in fremde Systeme eingeschleust haben, lässt sich aber eine Faustregel anwenden: Wer eine Kakerlake in der Küche findet, braucht nicht anzunehmen, ein »Ein-Kakerlaken-Problem« zu haben … da sind sicher noch mehr Krabbeltierchen hinterm Schrank.
Die Entwicklung ist längst unaushaltbar kurios. Wenn 1.300 KI-Ingenieur*innen in einem offenen Brief sagen, sie sehen zwar durchaus einen förderlichen und sinnvollen Einsatz der Technik, an der sie arbeiten, aber zugleich auch eine so-und-so-hohe Wahrscheinlichkeit des Untergangs der Menschheit, dann darf das Publikum mit offenem Mund staunen. Man stelle sich vor, eine Gruppe von Chemiker*innen rührt an einem Topf herum und meint, dies könne »vielleicht« eine interessante neue Form von Pudding werden, es können aber auch mit einer zehnprozentigen Wahrscheinlichkeit das Ende der Menschheit bedeuten, dann kann die Reaktion auf diese Äußerung eigentlich nicht nur die sein, zu sagen: »Lasst mal gut sein, ihr Köch*innen, die bisherigen Puddingformen sind vollkommen ausreichend.«
Bei all dem scheint weniger die bewusste und gezielte Lüge entscheidend, als eine offenkundige Sorglosigkeit gegenüber der Wahrheit. Die interessiert nicht mehr oder kann aus monetärem oder sonstigem Druck nicht mehr entscheidend sein. Wenn es medial meist um nichts anders mehr als die Aufmerksamkeit geht, dann sind Täuschungen eben oftmals schlicht besser. Aber sie sind nicht die einzige Wahl, denn es ist heute bei Weitem nicht alles gelogen. Das kanadische Media Ecosytem Observatory untersuchte jüngst Tausende Online-Nachrichten-Kanäle und kam zu dem faszinierenden Ergebnis, dass deren KI-Slop auf einen Wert von ziemlich genau 50 Prozent Falschmeldungen kommt. Wahr oder falsch wird also per Münzwurf entschieden. Es gibt keine Präferenz für Lügen und Unwahrheiten, es geht einfach um die Aufmerksamkeit. Das macht aber auch wahrheitsgetreue Berichte dieser schönen neuen KI-Nachrichtenwelt zu einer Art Täuschung. Im Stil von: »Wir erzählen nur deshalb eine wahre Story, weil die besser im Trend liegt als eine erfundene Geschichte. Sobald die Täuschung mehr im Trend liegt, bekommt ihr eben die.«
Wohin mit der KI?
Das aktuelle Gespinst aus Lügen, Selbsttäuschungen und Täuschungen durch die Maschinen ist kaum mehr zu entflechten. Noch einmal Günther Anders. Bereits im Jahr 1956 sprach er vom »prometheischen Gefälle« unserer Techniknutzung. Dieses besteht darin, dass wir mit unseren technischen Möglichkeiten mehr herstellen können, als wir uns vorstellen können. Die Menschheit konnte seit der Erfindung der Atombombe per Knopfdruck ausgelöscht werden, auch wenn das eigentlich für jeden Menschen unvorstellbar ist. Die heutigen digitalen Werkzeuge können ebenfalls längst mehr herstellen (oder sollte man besser sagen »anstellen«), als wir uns vorstellen können. Das ungute Prinzip, »einfach mal Enter drücken und schauen, was passiert«, wurde durch die KI auf neue Höhen getrieben. Es ist längst nicht mehr absehbar, was die Folgen der einmal in Gang gesetzten Maschinen sind. Erschwerend kommt eine Umkehrung hinzu, die typisch für die Digitalisierung ist: Die Lösung ist älter als das Problem. Denn KI-Entwickler*innen zeigt sich zufällig, dass der digitale Apparat etwas kann, von dem sie dann noch gar nicht wissen, wofür sie dies einsetzen könnten. Heute wird derart händeringend nach sinnvollem Einsatz für die KIs gesucht, das aus Verzweiflung KI-Klodeckel produziert werden. Wem sein Gesäß nicht zu schade ist, der oder die setzt sich da einfach mal drauf.
Das bedeutet aber zugleich, viele arbeiten mit einer geradezu notwendigen Täuschung. Ich kann als Mensch gar nicht mehr wissen, was ich mit dem bezwecke, was ich da entwickle. Jetzt kommt ein seltsamer Satz, der typisch für die Stimmung rund um KI-Diskussionen in der zweiten Hälfte des Jahres 2026 ist: »Das ist nicht das Ende.« Aber es steht viel auf dem Spiel in einer höchst unübersichtlichen Lage. Es ist kaum auszumachen, inwieweit die Öffentlichkeit von den Proponenten der KI-Entwicklung getäuscht wird, die an einem Tag von einer Zukunft sprechen, in der Milch und Honig fließen (»radical abundance«), und am nächsten vom Ende der Menschheit. Vermutlich wissen sie selbst nicht, was es bedeuten wird, wenn Maschinen Menschen deren urmenschliche Eigenschaft, zu denken und zu gestalten, streitig machen. Selbst wenn die KI-Agenten diese menschlichen Eigenschaften niemals haben können, dann können sie diese aber täuschend echt imitieren. Die Maschinen werden dadurch immer weniger Erkenntniswerkzeuge, sondern müssen als Quellen verschiedenster Täuschung betrachtet werden.
Gegen Täuschung hilft nur Teilhabe
Das lädt zu gewissen Befürchtungen ein. Nach der zweiten Wahl Donald Trumps zum US-Präsidenten saß Österreichs Exkanzler Sebastian Kurz im Fernsehstudio des ORF und sagte, wir müssen aufhören, zwischen Richtig und Falsch und Gut und Böse zu unterscheiden, und endlich einfach Wahlergebnisse akzeptieren. Das genaue Gegenteil ist wahr. Wir müssen heute wie nie zuvor versuchen, zwischen Gut und Böse und Richtig und Falsch zu unterscheiden, obwohl es viel schwerer geworden ist. Diejenigen, die wollen, dass wir uns den Täuschungen hingeben, verfolgen autoritäre oder totalitäre Fantasien. Der Weg zurück zur Realität ist aber schwer. Insbesondere in der politischen Debatte.
Wenn sich politischer Diskurs wie Telefonsex mit Slop-Show anfühlt, bei dem Teilhabe nur simuliert wird, wenn zugleich die politischen Akteur*innen als Wirklichkeit ausgeben, was ihnen gerade in den Kram passt, und wenn die täuschenden menschlichen Manipulator*innen gemeinsam mit KI-Agenten die Kanäle fluten, kann das eigentlich nur bedeuten, dass wir echter Demokratie und Mitbestimmung noch nie so nah waren wie heute. Denn das ist unsere letzte Chance. Wenn wir uns einmal den demokratischen Prozess als Kuchenbacken vorstellen, dann sollten idealerweise alle Menschen zu Bäcker*innen werden, denn nur, wenn sie um den Backprozess wissen und aktiv daran beteiligt sind, können sie gewiss sein, dass die absurden medialen Täuschungen im Stil von »Wir brauchen jetzt zehntausend Dinosauriereier für den Eierkuchen« falsch sind. Wenn die digitale mediale Vermittlung in kaum mehr auflösbaren Täuschungen versinkt, dann muss eben Begegnung in der Realität her.
»Kollektive Intelligenz«
Klar, das ist schwierig. Und nein, eine Lösung haben wir dafür nicht gefunden, aber wir haben unser digitales Spiel »Kollektive Intelligenz«, das genau die in diesem spielfilmlangen Essay angesprochenen Probleme thematisiert. Die graue Theorie ist wichtig und so viele Menschen wie möglich sollten versuchen, zu verstehen, was bei der KI-Entwicklung gerade passiert. Das ist intellektuell anspruchsvoll. Die Veränderungen durch die KI sind aber zu wichtig, um sie in Expert*innendiskursen abzuhandeln. Mit unserem Spiel thematisieren wir die Wirkung täuschender KI-Bots ganz unmittelbar und das macht tüchtig Spaß. Wir spielen »Kollektive Intelligenz« seit einem Jahr und konnten nun dank Finanzierung durch ProEuropean Values eine EU-Erweiterung erarbeiten. Die spielen wir als Pub-Quiz am 20. Oktober 2026 ab 19:30 Uhr im Polkadot im 9. Wiener Gemeindebezirk. In der neuen Version tragen wir der aktuellen KI-Entwicklung Rechnung. Täuschungen durch die KI aufzudecken, wird immer schwieriger – umso entscheidender ist es, dass wir als Menschen miteinander ins Gespräch kommen. Genau das machen wir am 20. Oktober im Rahmen der Demokratiewoche, und ein Expert*innen-Panel zum Thema »Demokratie in Zeiten der täuschenden KI-Bots« gibt es noch obendrauf. Genaue Details der Teilnehmner*innen demnächst auf diesem Kanal. Wir freuen uns auf euch!
Das digitale Spiel »Kollektive Intelligenz« wird unterstützt vom EU-Programm ProEuropean Values, das sich für die Stärkung europäischer Werte und der Demokratie einsetzt. Realisiert in redaktioneller Unabhängigkeit.












