In der Ausstellung »Christoph Schlingensief. Es ist nicht mehr mein Problem« würde die Absenz des Künstlers in eine neue Präsenz überführt, so Milo Rau, der Intendant der Wiener Festwochen, der sogar mystische Ausstrahlung ortet und Christoph Schlingensiefs Art »direkt zu leben im Moment« bewundert. »Schlingensiefs Arbeiten sind immer eine Überforderung«, meint hingegen der Schweizer Kurator Raphael Gygax, »Versuchsanordnungen sagte er selber dazu. Ein Oeuvre öffnet sich.« Der Kurator thematisiert, dass Witwe Aino Laberenz, vom Nachlass Christoph Schlingensief, und seine Person nicht so tun wollten, als wären sie Schlingensief himself. Es galt, »dem zu widerstehen, dass ein Reenactment stattfindet. Dass die Werke tot erscheinen oder auf falsche Art wieder lebendig werden«. In letztere Gefahr kommen die beiden, die direkt mit Christoph Schlingensief zusammenarbeiteten, aber wohl kaum. Denn die große Ausstellung im MAK sieht sehr aufgeräumt, geordnet und irgendwie brav aus.
Nazilein, Nazi Line
Die Arbeiten Christoph Schlingensiefs verfügen aber noch immer über eine Stärke und Wucht, einen ganz eigenen Humor, so dass sie wie ein Abbild ihrer Zeit und doch zeitlos wirken. Ein opernhafter Zugang, theatralisch und dramatisch auf jeden Fall. »Überhöht«, sagen die Österreicher*innen zu so einem Phänomen. Viele Menschen machten eifrig mit bei Schlingensiefs extremen Versuchsanordnungen. Wie sogar ausstiegswillige Neonazis, die sich auf der Bühne im Stück »Hamlet« selbst herzeigten, sich einen Spiegel vorhielten. Akustisch klingt es immer wie »Nazilein«, aber in Wirklichkeit heißt das Werk »Hamlet – This Is Your Family/Nazi Line« (Volksbühne Berlin, 2001) und zeigt eine ganz eigene Version von Shakespeares Tragödie.

Christoph Schlingensief wollte sich mit dem gesellschaftlichen Umgang mit Neonazis beschäftigen, da doch viele nach ihrem Ausstieg wieder rückfällig werden. Die Ankunft der Neonazis am Berliner Hauptbahnhof wurde öffentlich inszeniert. Bullig und kräftig schauen diese Neonazis aus, groß und stark. »Wir spielen nicht ›Hamlet‹, wir spielen ›Deutschland‹«, ist eine Textzeile im Film über das Stück. »I proudly swear the oath for Germany«, steht im Untertitel oder »There once was a wall«. Es wurde im Vorfeld der Aufführung mit Störungen durch Rechtsradikale gerechnet und die Zeitungen trugen wirklich lustige Titel in ihrer Berichterstattung: »Glatze oder Nicht-Glatze – das ist hier die Frage« oder »Verschlungen in Schlingensiefs Schlinge«. Andere Journalist*innen sprachen von einem »lakonischen Zeitalter«.
Schutzperson Vater
Wer die riesige, beeindruckende Installation der »Church of Fear« in Venedig gesehen hat, muss einfach von der kleinen, nüchternen, weißen Kirche in der Ausstellung enttäuscht sein. »Schlingensiefs ›Church of Fear‹ überkreuzte überhaupt großartig die große Kirche mit ihrem gewaltigen Gott-Vater mit dem kleinen irdischen Familien-Vater, der die Funktion einer Schutzperson mehr schlecht als recht erfüllen kann, wenn er immerhin kein Gewalttäter oder Missbraucher ist. Schlingensief ist jetzt da, wo er keine Schmerzen mehr hat. Es bleibt die Frage: Wer kann einen schützen vor drohenden Gefahren? Gibt es jemand, der das kann?«, schrieb ich 2012 für skug. Der deutsche Pavillon auf der Biennale Venedig wurde schon damals, nach Schlingensiefs Tod 2010, von seiner Witwe ausgerichtet. »Er hat klar gesagt, was er möchte, das Tagebuch darf zum Beispiel nicht als Theater aufgeführt werden«, meint Aino Laberenz in Wien. »Er hat alles sehr geordnet hinterlassen, ganz klassisch. Sein Vater starb vor ihm, die Mutter überlebte ihn.«

Schlingensief sah Scheitern und auch Angst als Chance an. Er ging durch seine Angst hindurch und landete in Afrika. Patti Smith, mit der er immer wieder zusammenarbeitete, verfolgte ihn übrigens und tauchte sogar in Namibia auf. Auch sie gastiert zum Zeitpunkt der Ausstellung bei den Wiener Festwochen.
Link: https://www.mak.at/programm/ausstellungen/christoph_schlingensief











