»The House That Jack Built« © Viennale

Zwischen Kunst und Spektakel

Mit »The House That Jack Built«, dem Selbstporträt eines Serienmörders, drehte Lars von Trier einen der besseren Filme des Jahres und sorgt für Gesprächsstoff. skug hat sich den zweieinhalb Stunden ausgesetzt.

Jack, selbsternannter Künstler und Architekt, dargestellt von Matt Dillon, einer fantastischen Melange aus dem vereinten Wahnsinn Udo Kiers und Jim Carreys, ist ein Psychopath. Er ist natürlich nicht jemand, der gänzlich ohne Gefühle wäre: »I am also sensitive. I cannot sleep on a sheet with even the smallest wrinkle.« Er steht in der Erzählung seiner Morde im Austausch mit seinem Über-Ich oder Gewissen in Gestalt von »Verge« alias Bruno Ganz (alias Adolf Hitler aus »Der Untergang«) und was ihn am meisten und von Herzen beschäftigt, ist die Kunst – und das Serienmorden. Rein moralisch gesehen ist Jack ein Idiot. Doch er schafft es, durch seine tiefsinnige, grüblerische Art Einblick zu geben in die Welt eines Kunstliebhabers, die doch so eng durchwoben ist mit dem alles durchziehenden Wahnsinn. Ein Serienmörder als Künstler – das ist zwar im Prinzip recht wenig originell, aber bei so vielen schlechten Varianten dieses Topos ist es von Trier, der zu den wichtigen, ernstzunehmenden und sicherlich besseren Filmemacher*innen unsrer Zeit gehört, erlaubt, sich darin auch einmal selbst zu versuchen und zu suhlen.

Der Protagonist
Jacks Ideal der Kunst ist beeinflusst von einer Kindheitserinnerung. Es sind die kräftigen Männer, die gemeinsam, monoton und synchron, sensen und dengeln, ohne ein Anzeichen von Erschöpfung und Gefühlsregungen. Der erwachsene Jack vergleicht Menschen mit Tieren, Pflanzen, Wein, Kunst – aber eben nicht mit anderen Menschen. Seine Sicht auf Kunst ist eine typisch männliche, in der so etwas wie Mitgefühl, Empathie, Liebe nur wenig Platz finden. Was er an der Kunst schätzt, ist die Symmetrie, die leicht zu erkennenden Botschaften, Symbole, Ausdrücke. Diese klar erkennbaren Ausdrücke erlernt er, um in der Gesellschaft, die diese verwendet, zu funktionieren. Kunst ist für ihn jedoch nie die Kontemplation, das »Weite«. Er liebt die Ikone und da werden Bilder von Mao, Hitler, Idi Amin gezeigt. Nicht aber meint er die Assoziation anregende Kunst subtiler Gefühle und Gedanken. Wer heute Kunst konsumiert, tut dies wohl selten kontemplativ: Kunst wird auf tumblr überflogen, auf Pinterest gespeichert und live auf Instragram festgehalten. Kunst wird beim Möbelriesen als Deko verschachert und passend zur Teppichfarbe ins Wohnzimmer gehängt. Kaum einer der vielen Museumsgänger*innen verharrt allein und ausdauernd vor einem Bild, gibt sich einem Gedanken hin. Das ist keine Neuigkeit und keine bahnbrechende Erkenntnis, doch ein Problem, das sich immer wieder stellt und behandelt gehört. Gerade in der oft missverstandenen Kunst von Triers, die es schafft, gleichzeitig Spektakel und ernstzunehmende Größe zu sein.

»The House That Jack Built« © Viennale

Jack, der Serienmörder, meint im Dialog mit Verge, er würde wahllos eine Auswahl seiner Geschichten erzählen, doch ist ab dem ersten Moment offensichtlich, dass er ganz einseitig jene mit Frauen auswählt, denen gegenüber er sich offensichtlich als Mann überlegen fühlt, deren Gutgläubigkeit und Kooperation er boshaft ausnutzt. Ob es richtig ist, Lars von Trier einen Feministen zu nennen, ist nicht wichtig, legt man den Fokus auf feministische Tendenzen des Films selbst. Denn statt plump zu zeigen, wie man Feminist zu sein hat, wie es richtig oder falsch ist, zeigt von Trier den systematisch frauenhassenden Mann, der, nicht, weil er ein Mann ist, sondern weil er als ein Mann in einer psychopathischen Gesellschaft lebt, die Frauen als Schwächere auserkoren hat und vernichtet. Es ist ein beeindruckendes Bild der männlichen Psyche, die alles Lebendige unterordnet. Es geht Lars von Trier ums Ganze. Dialoge wie: »Why is it always the man’s fault? Unfortunate to be born male, born guilty. Think about the injustice of that. Women are always the victims, right? And men are always the criminals« sind grenzwertig und gleichzeitig gut gewählt, zeigen sie doch das lächerlich Weinerliche des ertappten Mannes unserer Gegenwart, der nicht besser weiß, als alle Schuld von sich zu weisen und sich selbst zum Opfer zu stilisieren.

Der Regisseur
Lars von Trier ist viel und viel von dem, was ihm vorgeworfen wird, ist er sicherlich auch nicht. Er ist sicher kein zynischer Sadist, kein Nazi-Verehrer, kein Frauenfeind. Das ist er nur für diejenigen, die nicht richtig hinschauen, die auch kein Interesse an der Auseinandersetzung mit seinen Filmen haben. Im Gegenteil: Der schlimmste Sadist ist doch derjenige, der es selbst nicht akzeptieren will und dabei seine Gefühle und Lüste nicht im Griff hat. Nicht der Perverse ist das Problem, sondern die Gesellschaft, in der er lebt. Von Trier traut sich, abzubilden, was viele sich nicht zu denken getrauen. Von Trier versteht es, meisterlich und spitzbübisch zugleich, ja intuitiv, mit der Bigotterie der Filmwelt zu spielen. Und genau das ist auch ein Grund, wieso man seine Filme so lieben kann. Sie sind anregend, weil sie einen zwingen, eigene Moralvorstellungen zu überdenken. Sie funktionieren auf intellektueller Ebene so wie auch auf körperlicher, der man sich selbst als durchschnittlicher Cineplexianer nicht entziehen kann.

»The House That Jack Built« © Viennale

Lars von Trier hat keinen Film gedreht, in dem von vorne herein klar ist, wer und was gut und böse ist. Das alte Problem von der Verschränkung von Genialität und Wahnsinn nimmt von Trier hier schön auf die Schippe, mit besonderem Fokus auf sich selbst. Und er spielt auch hier mit dem kruden Bild, das man von ihm zeichnet und das erfolgreich davon ablenkt, über (den) Film (selbst) zu sprechen. »The House That Jack Built« ist eine schwarze Komödie, viel mehr aber eine Satire, die mit den Wünschen und Lüsten der Zuschauer*innen spielt und sie dabei nasführt: Den Ekel, den man bei von Trier erwartet, bekommt man genau so aufgetischt, und indem das passiert, in dieser völlig überdrehten Weise, ist man sich dessen auch völlig bewusst. Ohne falschen Pathos drückt von Trier den Zeigefinger, wohin er gehört: Nämlich dorthin, wo die falsche Moral festsitzt. Man darf also mal wieder selbst mitdenken.

Der neue von Trier ist kein Meisterwerk. Die Schlussszene fällt aus dem Rahmen des sonst sehr gut komponierten Films. Der auf die Hauptfigur Jack zugeschnittene Teil, der Fokus auf den Künstler selbst statt auf das Werk, ist eigentlich ein Schritt zurück, ging es doch vorher um die Frage, was gute Kunst an sich ist, ohne sie immer wieder nur auf ihre*n Urheber*in zu reduzieren. Lars von Trier trifft sicherlich nicht immer den richtigen Ton, seine Filme treffen dafür oft genau dort, wo’s weh tut. Und das ist immer noch besser, als zum drögen Gestank billig-biederer Moralgrütze beizutragen.

Link: https://www.viennale.at/de/film/house-jack-built