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Gin Ga

»Yes/No«

Monkey Music

Samstagnacht ist etwas Wunderbares. Das weißt du, das weiß ich und das wissen natürlich auch Gin Ga. Also, dachte sich die Wiener Popband, machen wir doch eine Platte, die bei all den Kids ebenjene Gefühle hervorruft, die man zwischen alkoholischem Kaltgetränk und Handynummern austauschen, zwischen Tanzbodenekstase und Speibschüssel halt so empfindet. Gesagt, getan. Gin Ga setzten sich an ihre Instrumente respektive Schreibtische (Hedonismus will schließlich auch textlich zelebriert werden) und verfassten Songs wie »Dancer«, »Remember Whatever« und »Golden Boy«, die entweder direkt in die Beine gehen oder mit ihren Sonnenaufgangsrefrains für Glücksgefühle sorgen. Oder sogar beides gleichzeitig. Der merkuriale Masterplan von Gin Ga ging aber noch einen Schritt weiter. Samstag ist nämlich nur ein Tag; die Woche hat deren immerhin sechs weitere. So feilte man eifrig an einem Lied für die sonntägliche Katerstimmung (»Say When It’s Over«), an Popsongs, die einem die triste Arbeitswoche versüßen (»Lie«), an Guten-Morgen-Rockern (»Make Me«) und an Träum-Schön-Balladen (»Say When It’s Over«). Nach getaner Arbeit waren Gin Ga überzeugt, mit »Yes/No« eigentlich nur gewinnen zu können; es war schließlich für jede und jeden etwas dabei. Voller Freude wurde das meisterwartete Album der heimischen Alternative-Rock/Pop-Szene (so die Presseaussendung) der dürstenden Menge preisgegeben. Doch bereits wenige Wochen nach der Veröffentlichung waren sich Gin Ga ihrer Sache nicht mehr so sicher. Irgendwie nahm in der Heimat keiner so richtig Notiz von »Yes/No«. Schon nach ein paar Monaten sprachen nur mehr eingefleischte Fans über die vermeintlichen Glanztaten der Band; die Erdkugel drehte sich weiter. Viele Jahre nach dem Erscheinen von »Yes/No« konnte sich auf Nachfrage keiner mehr an die Platte erinnern. Freilich, »Dancer« war noch ein Begriff, ein toller Popsong sei das gewesen, der sich bis heute gehalten habe, so die einhellige Meinung. Und das von einer österreichischen Band! Sollte »Dancer« tatsächlich alles sein, was von »Yes/No« übrig bleiben wird, dann können Gin Ga vermutlich zufrieden sein. Samstagnacht haben die Wiener halt wirklich drauf, wenngleich dieser Song fast hinterhältig auf die FM4-Hörerinnenschaft, vorzugsweise im jugendlichen Alter und in Partylaune, abzielt. Doch tut man der Band damit nicht unrecht? Was ist denn nun mit deren nachdenklicheren, reiferen Songs? Gin Gas Popkenntnis wirft schließlich nicht bloß Tanzbodenfüller der Marke »Dancer« ab, sondern halt auch schwelgerische, von Geigen getragene Balladen und eine Menge schöner Refrains. Wie kann es also sein, dass »Yes/No« als Album trotzdem nicht funktionieren will? Gin Ga scheitern – auf relativ hohem Niveau – an ihren hochgesteckten Popseminarzielen. Die zweifellos talentierte Band will alles und noch mehr; sie weiß, dass sie mit ihrem Sound, ihrem Auftreten, ihrer Arroganz und auch ihrem Aussehen theoretisch die Welt (oder zumindest Österreich) erobern könnte. Doch wahrscheinlich trägt dieses Wissen auch dazu bei, dass das Unvermittelte, das Feingeistige, das Geheimnisvolle, wie es Gin Ga vor einigen Jahren noch auszeichnete, am Wegrand zur erhofften Popstratosphäre liegen blieb. Herausgekommen ist ein Album nach Masterplan, Musik für jeden Wochentag eben. Welche Ironie, dass für Gin Ga voraussichtlich dennoch nur ein ewiger Samstag drinnen sein wird. 

Home / Rezensionen

Text
Gabriel Mayr

Veröffentlichung
10.02.2014

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