»Denn es dreht sich nur ums Eine / Die Liebe«, so oder so ähnlich fühlt es sich manchmal an, wenn wir Musik hören. Scheinbar geht es um deren Dasein, ihr Fehlen oder irgendetwas dazwischen, aber schlussendlich (fast) immer um Liebe als partner*innenschaftliche Zweisamkeit. Doch bei genauerem Blick wird klar, Liebe muss nicht nur im Ideal der romantischen Zweierbeziehung besungen werden. Mittlerweile entwickeln sich soziale Gefüge so, dass persönliche Bedürfnisse komplexer werden – statt Fokus auf nur eine Person pflegt man Beziehungen zu Freund*innen und der Familie. Hierbei sind Partner*innen natürlich weiterhin wichtig, aber nicht der alleinige Schlüssel zu Glück. Hier einige Hymnen an diese anderen Liebesbeziehungen und den Mythos des vielleicht gar nicht so schönen Liebesliedes.
Gegenperspektiven
Als einer der größten Lovesongs aller Zeiten gilt »Can’t Help Falling in Love«. Elvis ist bis heute weltbekannt, obwohl sein Tod mittlerweile knapp fünf Jahrzehnte zurückliegt. Doch in den letzten Jahren wird die Person hinter dem Musiker immer öfter hinterfragt, nicht zuletzt mit dem Film »Priscilla«, der das Kennenlernen zwischen Elvis und seiner späteren Ehefrau zeigt. Bald nach ihrer ersten Begegnung beginnen die beiden eine Beziehung, da ist sie gerade 14 und er 24 Jahre alt. Der Song mag schön klingen, der Text Romantik versprühen, aber der unangenehme Beigeschmack kann kaum ignoriert werden.
Ein weiteres Beispiel einer fraglichen Hintergrundgeschichte ist ebenjene des Plaine-White-T’s-Hits »Hey There Delilah«. Als Bandleader Tom Higgenson eine junge Frau kennenlernt, die ihn ablehnt, macht er das einzig logische: Er schreibt einen kitschigen Song über Delilah (er hat sie einmal getroffen), mit Zeilen wie »We’ll have the life we knew we would« oder »Even more in love with me you’d fall«. Klar gibt es definitiv schwerwiegendere Beispiele als diesen Song. Aber ein Stück mit dem echten Namen einer quasi Fremden zu schreiben und sich ein hegemoniales Leben mit ihr zurecht zu fantasieren, nachdem sie die Avancen ablehnt, ist alles andere als ein süßer Liebesbeweis.
Doch auch Antithesen, die man mehr oder weniger für bare Münze nehmen darf, werden laufend geschrieben. Auf »Love« singen die Lambrini Girls »True love is nothing more / Than the wrong hill to die on«. Es geht um das Überschreiten persönlicher Grenzen und den Schmerz, der eintritt, wenn sich die Sicherheit einer Liebe als falsch herausstellt. Eine weitere Gegenperspektive ergibt sich im Kraftklub-Song »Kein Liebeslied«. Auf dem 2012er-Debütalbum der Band wird minutenlang beteuert, dass man auf keinen Fall ein Liebeslied schreiben will, wegen all dem Kitsch und der Peinlichkeit dahinter, nur um am Ende zu der niederschmetternden Erkenntnis zu kommen: »Irgendwie ist das ein Liebeslied«.
Familienbande
Spätestens seit Sigmund Freud wissen wir, dass kaum eine Beziehung so prägend ist, wie die zwischen Kind und Eltern. Da verwundert es nicht, dass Lieder wie »Danke Mami« von Eli Preiss entstehen. Darauf bedankt sie sich nicht nur für all die äußerlichen Attribute, die ihr vererbt wurden, sondern macht auch klar, dass ihre Mutter weiterhin einen Top-Spot in ihrem Leben einnimmt: »Meine Mom ist mein Plus eins«.
Auch die andere Seite der Eltern-Kind-Dynamik wird häufig besungen. So auf Oehls »Keramik«, das sich auf dem 2020er-Album »Über Nacht« befindet. Seinem Sohn gewidmet, besingt Ariel Oehl darin das kleine Wesen, das er nun zum ersten Mal nach Hause bringt: »Und die Nacht, sie holt dich heimlich nach Haus / An einen Ort, an dem du unentwegt baust / Jedem Anfang geht ein Ende voraus«. Auch die Zerbrechlichkeit eines Neugeborenen wird durch die jungelterliche Unsicherheit beschrieben: »Wie sollen wir denn bloß diese Keramik wenden / Dass sie nicht in zwei zerfällt?«
Auch international werden ähnliche Töne angeschlagen. Während seine Bandkollegen im rauschenden Aufstieg der letzten Jahre pausenlos spielten, setzte Fontaines-D.C.-Gitarrist Carlos O’Connell für einen Teil der 2023er-Tour aus, um der Geburt seines Kindes beizuwohnen. Inspiriert durch das Vorlesen des James-Joyce-Klassikers »Ulysses« für seine neugeborene Tochter schrieb er den Text zu »Horseness Is The Whatness«, der sich auf Fontaines D.C.s Album »Romance« wiederfindet. Es geht darum, die Basics zu verstehen, nun, wo die Prioritäten so anders sind. »Will someone find out what the word is / That makes the world go round? / ’Cause I thought it was ›love‹ / But some say that it has to be ›choice‹«, singt Grian Chatten und rekapituliert dann: »There‘s not that much to miss / You choose or you exist«. Am Ende geht es doch immer um die Liebe.
Freund*innenschaft
»You could absolutely break my heart / That’s how I know that we’re in love«, singt Lucy Dacus im Boygenius-Song »We’re In Love«. Selten hörte man eine derartige Liebesbekundung zur Freund*innenschaft. Mit beinahe brechender Stimme singt Dacus davon, wie intensiv sie für ihre Bandmates Phoebe Bridgers und Julien Baker fühlt. In einem Artikel für NPR wird der Song folgendermaßen beschrieben: »That our friends might truly know us – our flaws and our mistakes included – and keep choosing to love us anyway«.
Auch die Band Wanda schafft mit »Bei niemand anders« ein Lied, das besonders nahe geht. Der Song stellt die erste Veröffentlichung der Band nach dem Tod des Keyboarders Christian Hummer im September 2022 dar. Sonst eher für Rausch und Exzess bekannt, reflektieren Wanda hier ganz ruhig die davonlaufende Zeit: »Du fragst mich, ob alles gut wird / Wie ein Kind, das nicht merkt, dass es älter wird«. Zu wissen, dass der Song nach Hummers Tod geschrieben wurde, macht die intensive Betonung mancher Zeilen besonders emotional: »Ich will, dass du ewig lebst / Und bis dahin sollst du glücklich sein«.
Doch nicht nur Songs über die Zerbrechlichkeit der Liebe behandeln das Thema Freund*innenschaft. Wolf-Alice-Frontfrau Ellie Rowsell besingt in »Bros« das kindliche Aufwachsen in Nordlondon und die Beziehung zu ihrer Freundin (und Ex-Wolf-Alice-Bassistin) Sadie Cleary. Es geht um die komplexe Dynamik einer Freund*innenschaft in jungen Jahren und eine Zeit ohne neoliberale Ideale, in der es noch in Ordnung war, nicht das beste Ich sein zu müssen, solange man füreinander da ist. Die Band setzt mit »Bros« ein Denkmal für junge, aufregende Freund*innenschaft und singt geradeheraus, wie glücklich diese machen kann: »Oh, I’m so lucky, you are my best friend«.
Alles ist romantisch
Statt Personen oder Beziehungen steht bei Charli xcx der romantisierte Kitsch eines mediterranen Sommerurlaubs im Mittelpunkt. In einem Exzess, der sich materialistisch anfühlt, aber es doch nicht richtig ist, geht es um die wichtigen Dinge im Leben, etwa »neon orange drinks on the beach«. Bei all den erwähnten Songs könnte man ähnlich wie Charli xcx denken: »Everything is romantic«.
Um welche Art von Liebe es auch geht, durch die kapitalistische Vermarktung des Valentinstags und die damit einhergehenden Vergeldlichung romantischer Partner*innenliebe kann der Februar schnell zu einer tristen Zeit werden, egal wie das Wetter steht. An jeder Ecke gibt es ein Valentine’s Special und Wochen, teilweise Monate im Voraus wird billiger Krimskrams in die Läden geschleppt, damit Menschen sich am 14. Februar damit beschenken.
Auch wenn eine romantische Paarbeziehung mit einigen der schönsten Gefühle verbunden ist, sollte diese eine Liebe aber nicht von all den anderen liebevollen Beziehungen in unserem Leben ablenken. Ein Gegenentwurf zum Valentinstag muss daher nicht unbedingt ein bitterer Anti-Liebes-Appell sein, sondern kann auch einfach betonen, wo und wen man überall liebt, ohne es groß zu bemerken.











