archive-image-placeholder-v2

Weltmusik aus dem Osten

The Warsaw Village Band deutet auf »Uprooting« (Jaro/Ixthuluh) immer wieder Traditionalismen an – die Roots. Daran anknüpfend werden zum Teil sphärische Stücke (»Let’s Play, Musicians!«) erarbeitet, die etwa – wohl auch wegen der Frauenstimmen – an die finnische Band Värttinä erinnern. Teils ergeben sich aus diesen Verschränkungen jazzige Eklektizismen, bei denen auch mal gescracht wird. Darauf folgt ein Stück, das die Sängerin a capella singt. Spannende CD.
Auch Dikanda machen auf »Usztijo« (Tylko/Ixthuluh) polnische Worldmusic, Traditionals und eigene Stücke ohne Berührungsängste werden würzig durchmischt: Einflüsse von Gypsy-Music, Latino bis Afrika und Asien sind auszumachen. Manchmal ist Dikanda-Musik zum Abtanzen, manchmal zum Meditieren. Über allem liegt stets die charismatische Stimme der Bandleaderin und Akkordeonistin Ania Witczak. Dikanda dehnen die Osterweiterung gleich auf die ganze Welt aus. Wunderbar. Für Dobrek Brasil, deren »Luz E Sombras« (Dobrekords/Edel), hat sich der polnische Akkordeonist Krzysztof Dobrek mit dem ebenfalls in Wien lebenden Gitarristen Alegre Corrêa zusammengetan, sozusagen Wiens Weltmusikelite. Corrêas musikalische Einflüsse sind unverkennbar, er liefert als Inspiration für den Komponisten Dobrek den lockeren Swing, eine Art Samba-Latino-Jazz. Dobreks Akkordeonstil ist gewohnt virtuos. Der Titel trifft leider ein wenig auf die CD zu: Licht und Schatten wechseln einander ab, hörenswert ist »Luz E Sombras« aber allemal.
Rumänien hoch 2: Alle paar Monate zaubert Rumänien eine neue Hinterwäldler-Zigeuner-Band aus irgendeinem Kaff hervor und verkauft sie als den heißesten Scheiß in den Westen. Im Falle der CD »Speed Brass Of The Gypsies« (Subrosa/Sister Comfort) von Fanfare Savale aus dem ostrumänischen Dorf Zece Prâjini sind 10 Blechbläser der allerschnellsten Sorte am Werk, die Roma- und Balkaneinflüsse aufs Allerfeinste miteinander verbinden. Andere Töne schlägt die Mahala Raï Banda auf ihrem gleichnamigen Debütalbum (Crammed Discs/Zyx) an: Walachische Hochzeits- und Partymusik ist hier ebenso vertreten wie der elektrifizierte Großstadtblues aus den Suburbs von Bukarest. Zudem werden Musiktraditionen aus allen Regionen des Landes hergenommen, etwa aus dem Süden, wo Geigen und Akkordeons dominieren. Die Mischung ist musikalisch bekömmlich, die Mahala Raï Banda wurde von DJ Shantel kompetent mit Beats verstärkt und abgemischt.
Außerdem: Italien und Mexiko. Gerade noch vor Redaktionsschluss kam die gleichnamige CD des L’Orchestra Di Piazza Vittorio (Ausfahrt/Sony) herein: Darauf musizieren sechzehn in Rom lebende ausländische Musiker miteinander, jeder bringt die Weltmusik seiner Herkunftsregion ein: Von Indien über Rumänien bis Ecuador und Marokko. Agostino Ferrente hat auch einen Film über dieses – auch in seiner Musikalität – außergewöhnliche Orchester gedreht. Spannendes Teil. VA: »Cuadernos de México« (Winter & Winter/Edel) ist ebenfalls ein spannendes Projekt, bei dem keine Profimusiker sondern sozusagen Alltagsmusiker aufgenommen wurden – mit der Musik, die sie eben so spielen. Die CD ist aufwändig in einem Schuber verpackt, sodass auch reichlich Platz für die Bilder zu dieser musikethnologischen Reise durch Mexiko war. Wunderschön.

Dikanda: »Usztijo« (Tylko/Ixthuluh)
Dobrek Brasil: »Luz E Sombras« (Dobrekords/Edel)
Fanfare Savale: »Speed Brass Of The Gypsies« (Subrosa/Sister Comfort)
Mahala Raï Banda: »s/t«(Crammed Discs/Zyx)
The Warsaw Village Band: »Uprooting« (Jaro/Ixthuluh)
VA: »Cuadernos de México« (Winter & Winter/Edel)

favicon

Home / Musik / Review Collection

Text
Jürgen Plank

Veröffentlichung
30.04.2006

Schlagwörter

Ähnliche Beiträge

Scroll to Top