Jetzt singe ich! Kanye West und Andreas Gabalier, mitteilungsbedürftige Superstars unter sich. © YouTube

Warum schreibt ihr über Trottel?

skug schert sich traditionell nur wenig um das, was die Leute sagen. Eine Frage, die uns in letzter Zeit öfters aus der Community gestellt wird, hat es aber in sich. Deswegen haben wir die Bleistifte gespitzt und eine Antwort niedergekritzelt.

Häufig werden wir gefragt, warum wir überhaupt über Gabalier, Jay-Z oder Kanye West berichten. Nun, erstens, diese Berichte machen nicht einmal 1 Prozent unserer Berichterstattung aus, aber circa 50 Prozent unserer Klicks. Die Frage geht also hiermit an unser hochverehrtes Publikum zurück. Zweitens beschäftigen wir uns mit diesen üblen Gesellen deshalb, weil das »Es-ist-doch-eh-klar-dass-das-Trottel-sind« auf die Dauer nicht ausreicht. Es reicht nicht aus, wegzuschauen, weil das Strukturphänomen erblickt werden sollte, das sich hier zeigt. Die Privatpersonen Jay-Z, Gabalier oder West können gerne ihre Antlitze in Glanz der eigenen, blankpolierten, goldenen Gesäße bewundern. Das gönnen wir ihnen von Herzen und rufen ihnen zu: »Viel Spaß, die Frisur sitzt!« Allerdings verändern sie damit unser aller Zusammenleben strukturell, weil sie dadurch einen Einfluss darauf ausüben, wie wir die Welt um uns herum sehen. Statt »through a glass darkly« sehen wir alles im goldenen Spiegel des Stardom. Und das ist falsch.

Nur was ein Star tut, ist sichtbar
Das #metoo-Movement ist zwölf Jahre alt, bekannt wurde es erst letztes Jahr, als sich berühmte Schauspielerinnen* ihm anschlossen. Die inhaltliche Arbeit war bereits gemacht, die hochwertigen und klugen Argumentationen mussten nur aufgegriffen werden und erschienen plötzlich wie jene der Hollywood-Stars. Das sei ihnen gegönnt. Wichtig ist zunächst, dass das Richtige gesagt wird, und wenn die Prominenz eines Stars dazu eingesetzt werden kann: bitteschön. Das ist aber ein eher seltener Glücksfall, dass die Verwertungsmaschine der Kulturindustrie einmal avancierte Themen aufgreift. Kanye West liegt nämlich komplett daneben, wenn er meint, Hollywood und Co. würde eine liberale Agenda verfolgen und vertreten. Meist stimmt dies überhaupt nicht. Wenn sich Donald Trump und Robert De Niro Nettigkeiten an den Kopf werfen, dann ist dies ein Streit zwischen zwei New Yorker Immobilienspekulanten, die beide behaupten, sie seien auf der Seite von »the people«. Alas, they’re not.

Wir haben uns so daran gewöhnt, das Image von Menschen zu bewerten und zu diskutieren, dass Schauspieler*innen zu den meistbefragten Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens geworden sind. Knapp gefolgt von Musiker*innen und Sportler*innen. Nicht, dass diese Personen nicht Wichtiges zu sagen hätten, aber der Witz im Schauspiel liegt ja gerade darin, eine Person zu verkörpern, die man nicht ist. Auch Musiker*innen legen sich Bühnenfiguren zu, die ad-definitionem keine Authentizität haben können. Meist werden sie aber nur als diese erkannt und finden auch nur als diese Gehör. Zu welchem intellektuellen Elend dies führen kann, belegt gerade sehr eindrucksvoll Sean Penn, der versucht, genau so doof zu werden, wie seine Literatur. Mal sehen, ob ihm das gelingt.

Die öffentliche Aufmerksamkeit geht durch das Nadelöhr der vorfabrizierten Fiktion eines menschlichen Lebens, das es nicht gibt, und auch gar nicht geben kann. In ihm ist alles auf Hochglanz geputzt und die schmutzigen Stellen – sofern vorhanden – werden sorgfältig inszeniert. Gegen diese Struktur der Aufmerksamkeitslenkung anzukämpfen, fühlt sich zuweilen an, wie mit Lanze und klapprigem Gaul auf Windmühlen loszugehen. (By the way: »Sorry, Terry Gilliam, der Film ist leider scheiße.«) Der Versuch sollte trotzdem nicht unterbleiben und deswegen muss – von Zeit zu Zeit einmal – einer der Supa-Stars sein Fett abbekommen, letztlich, um ein wenig Licht der Aufklärung auf die blanken, goldenen Hintern zu werfen.

skug versucht’s
Die böse Lehre von West und Co. liegt in einem moralischen Imperativ: »Kümmere dich nur um deinen Scheiß, deine Karriere, dein Aussehen, deinen Erfolg etc.« Der Rest sind die blöden Followers. Übrigens wird diese Strategie längst sehr erfolgreich von der Politik adaptiert. Die letzte österreichische Nationalratswahl wurde zum Wettrennen der Super-Egos. Der eine schaffte es, seine Partei zum Claqueurverein umzubauen, der andere warf jetzt verzweifelt hin, weil er nie kapiert hat, was eine Partei eigentlich ist. So wird das Spiel heute gespielt und die Befürchtung muss leider sein, dass immer mehr Menschen annehmen, es ginge nicht anders. Geht es aber.

skug berichtet nahezu jeden Tag (!) über Künstler*innen, Musiker*innen, Autor*innen und sonstige Intellektuelle, die sich mehr Gedanken über das Zusammenleben in dieser Welt gemacht haben, als die meisten unserer Stars zusammen. Die These kann leicht belegt werden, denn Star-Sein ist ein Full-Time-Job. Die Arbeit am eigenen Image heißt: polieren, polieren, polieren. Von morgens bis abends. Wie soll man da noch einen klaren Gedanken fassen? Jenes reflektierende Element, das immer zur Tätigkeit der Künstler*innen gehört hat, flog als erstes über Bord. Es ist rein zeitlich heute nicht mehr zu machen. Deswegen quasseln Gabalier in Ö und Kayne West in USA einfach das raus, was gerade so im Umlauf ist. Sie sind Lautsprecher für jene braune Flut, die die zivilisatorischen Dämme einzureißen droht. Überzeugungen muss man den Knaben gar nicht unterstellen. Wenn eine freie und plurale Gesellschaft als ein »Markt der Ideen« betrachtet werden darf, dann ist es aber eine Affenschande, dass das Gefasel der Stars strukturell so mächtig ist und jenes der vielen anderen aufgeklärten, reflektierten und wunderbaren Artists demgegenüber untergeht.

Dieses strukturelle Missgeschick fällt uns gerade heute vor die Füße. Überall schicken sich Demagog*innen und Potentat*innen an, die Macht an sich zu reißen und unabänderlich an sich zu binden, durch eine anti-humanistische Welle. Das Leid von Vergewaltigungsopfern wird in den USA im Senat und vom Präsidenten verhöhnt, ein österreichischer Bundeskanzler verlacht das Gewissen jener, die den tausendfachen Tod durch Ertrinken im Mittelmeer nicht vergessen können. Grausamkeit, Härte und Dummheit sind auf dem Vormarsch und die erfolgreichen Ärsche blasen die Begleitmusik. Die goldenen und blankpolierten Spiegel zeigen nicht die Welt, sie wollen uns ablenken und von dem abspalten, was tatsächlich passiert. Gegenstimmen, die dies nicht dulden, drohen immer mehr unterzugehen. skug bemüht sich aber um eine solche Gegenöffentlichkeit, indem es (selten aber doch) die »Großen« anprangert und den »Kleinen« zuhört. Wie sagte die US-amerikanische Künstlerin Karen Werner im skug-Interview: »Die einzige Sünde liegt in der Trennung. Sich trennen von der Welt um uns herum, von anderen Menschen, von unserem eigenen Leiden, unserer Schönheit und der Schönheit anderer Menschen.« Lassen wir es nicht so weit kommen.