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Jay-Z: Emanzipation durch Kapitalertrag

Jüdische Musiker und Plattenbosse waren die ersten, die mit Afroamerikanern zusammenarbeiteten. In seiner »Story of O. J.« zieht der US-HipHop-Gigant Jay-Z daraus einen höchst seltsamen Schluss: Reibach is the only way.

Im Grunde hat Chris Rock das Problem bereits gut zusammengefasst: »Wenn ein Weißer reich wird, dann werden auch seine Kinder und Enkel reich sein. Wenn ein Schwarzer reich wird, dann läuft der Countdown bis er wieder arm ist.« Jay-Z nimmt sich mit »The Story of O. J.« in seiner Single-Auskopplung (sagt man das heute noch?) des neuen Albums »4:44«, dieses deprimierenden Themas an und trifft die Sache genau daneben. Hübsch frech lässt er in dem Video, das im Stil rassistischer Cartoons der 1930er-Jahre gedreht wurde, kleine Äffchen singen:

»Light nigga, dark nigga, faux nigga, real nigga
Rich nigga, poor nigga, house nigga, field nigga
Still nigga … «

Das geht unter die Haut. Wenn Verhältnisse unabänderlich erscheinen, dann entsteht ein Schmerz – zumindest bei denen, die nicht komplett abgeschmackt sind. Ein Schmerz, der empfunden werden kann, unabhängig von der Schublade, in der man selbst zu leben hat.

Zielgenau nimmt sich Jay-Z die Geschichte von O. J. Simpson vor, der glaubte, sagen zu können, er sei nicht schwarz, denn er sei O. J. Nope – leider getäuscht. Erfolge in Sport und Musikbusiness werden zwar in einigen wenigen Fällen fürstlich entlohnt, aber irgendwie ist dies bei Schwarzen eine Anerkennung unter Vorbehalt. Unschöne Kreisbewegungen durchziehen die Geschichte, einmal gewährte Achtung wird wieder entzogen und muss erneut erstritten werden. Als Schwarzer beobachtet man dies sehr genau. Vielleicht kann sogar die aktuelle Situation in den USA so verstanden werden: Nachdem es ein Schwarzer gewagt hat, Präsident zu werden, wird das ganze Land nun für diese Unbotmäßigkeit bestraft. Tod durch unterlassene Gesundheitsversorgung. Eine übertriebene Interpretation? Breitbart oder der neue US-Justizminister Jeff Sessions sehen das ziemlich genau so. Das Imperium muss zurückschlagen, weil die armen Schwarzen einfach zu frech geworden sind und jetzt sogar zum Zahnarzt gehen wollen. Diesen Sachverhalt sieht Jay-Z deutlich und prangert an, dass Amerika (genauso wie Europa) unfähig ist, farbenblind zu werden. Leider verirrt er sich dann.

Und immer wird die Klasse zur Rasse
Etwas stimmt an der ganzen Chose ja nicht. Offensichtlich sind ja nicht nur die Schwarzen arm, auch wenn sie es in einem völlig unverhältnismäßigen Maße sind. Ein bedeutendes Herrschaftsinstrument liegt in der Umwandlung der Klassenfrage in eine Rassenfrage. Würden alle Armen zusammenhalten und sich solidarisieren, dann könnten sie für die bestehende Ordnung gefährlich sein. Wenn sich aber die einzelnen Gruppen gegeneinander aufhetzen lassen, verliert sich alle Kraft zum echten Wandel. Genau in diese Mausefalle tappt Jay-Z. Plötzlich rappt er: »Warum gehören sämtliche Immobilien in den USA Juden?« Grundgütiger, ernsthaft? Wenn er nun seinerseits die berechtigte Kritik an den Armutsverhältnissen völkisch deutet, dann verliert all seine Kritik ihren Stachel und er kann sich gleich neben Sessions einreihen – der mag auch keine Juden.

Dies ist leider kein zufälliger Missgriff, denn Jay-Z will ja angeblich gerade von den Juden gelernt haben: Anerkennung gibt es nur durch persönlichen Reichtum. Nur dieser verleiht den »credit«, der sonst aus rassistischen Motiven verwehrt bleibt. Arme Juden und arme Schwarze werden gleichzeitig ihre Köpfe schütteln. Somit geht es in dem Song »The Story of O. J.« letztlich um Jay-Zs persönlichen Reichtum und die Akzeptanz, die er sich für diesen wünscht. Unumwunden gesteht er ein, er wolle für sich und seine Kinder profitieren, z. B. durch die Wertsteigerung von Immobilien oder bildender Kunst. Zwar stellt Jay-Z in seinem Song die Vervielfachung des Wertes eines Kunstwerkes, das er erworben hat, als eine Absurdität dar. Aber da eben Reichtumszuwachs der einzige Weg zur Anerkennung ist, müssen die absurden Begleiterscheinungen eben akzeptiert werden. Das ist nichts anderes als Entsolidarisierung, denn diese »Lösung« kann nur eine für sehr wenige sein. Für Jay-Z kein Problem: Wenn »sein« Kunstwerk diese absurde Wertsteigerung erfährt, warum sollte er dann, nachdem er durch den Schaden entgangener Gewinne klug wurde, nicht auch von dieser verrückten Welt profitieren dürfen? Die Kids im Ghetto werden jubeln, endlich zeigt ihnen jemand einen Ausweg: Kapitalertrag – machen die Juden schon seit langem. Das klingt nicht nur bescheuert, das ist es auch.

Nina Simone bekommt in »The Story of O. J.« einen Sample-Auftritt mit ihrem Stück »Four Women«. Was sie noch verstand, aber Jay-Z nicht: Emanzipation der Schwarzen, der Juden, der Frauen, der Homosexuellen usw. bedeutet nicht, diesen die Privilegien zu ergattern, die ihnen zuvor vorenthalten wurden, sondern den Kampf um eine bessere Welt, in der es diese Privilegien nicht mehr gibt, weil alle die gleichen Möglichkeiten haben. Punkt. Ornette Coleman hat dies immer sehr präzise dargelegt. Er wusste aus unzähligen Diskussionen, dass die Weißen ihm indirekt vorwerfen wollten, die Schwarzen seien ja auch nicht besser und wollten nur ihr »Stück vom Kuchen«. Nein, das sind ganz andere Schwarze (ÖVP/CDU), die reden wirklich so abgeschmackt. Coleman und Simon waren nicht verdorben, sie hatten, nicht zuletzt dank ihrer Kunst, ein weites und freies weltbürgerliches Bewusstsein. Die Erinnerung an ein solches beginnt leider in Jay-Zs Werk zu verblassen.

Ach so, ja, die Musik von »The Story of O. J.« ist perfekt. Typischer Jay-Z-Track, irgendwie alles richtig gemacht und deswegen auch ein bisschen langweilig.

Jay-Z: »The Story of O. J.«

Label: Roc Nation

Zum Vergleich:
Nina Simone »Four Women 1966«
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