Esther Bejarano © Jwh/Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0

Wann geht der Himmel wieder auf?

Esther Bejarano ist nun leider gestorben. Immerhin wurde sie 96 Jahre alt. Die Auschwitz-Überlebende sang noch 2016 ein Konzert beim Salon skug im Fluc. Ihre Band Bejarano & Microphone Mafia war und ist Kult.

Die Band reagierte erstaunt, als das zahlreich erschienene Publikum im Wiener Fluc am Praterstern plötzlich lautstark ein Lied mitsang. »Wann jeiht d’r Himmel widder up« hieß der Song. Fragende Blicke von der Bühne herunter. Die Auschwitz-Überlebende Esther Bejarano und ihre Bandleute wussten nicht, dass wir diesen Song als Einladung verwendet hatten. Der Song ging herum: Wann geht der Himmel wieder auf? Das fragten sich 2016 viele, und das war noch vor Corona.

Bejarano & Microphone Mafia: Das war und ist Kult und ein sehr mutiges Projekt, denn als Auschwitz-Überlebende mit den eigenen Kindern und einem türkischen bzw. einem italienischen Rapper aufzutreten, bedeutete für viele ein Sakrileg. Heute wäre es das noch viel mehr.

Inneres Ringen um Worte
Esther Bejarano beäugte mich, die Journalistin und Konzertorganisatorin, misstrauisch, denn sie wollte eigentlich kein Interview geben und auch Edith Meinhart vom »Profil«, die zu diesem Zweck ins Fluc gekommen war, tat sich schwer. Esther Bejarano verwendete einfache Worte und spröde Sätze. Sie konnte den ganzen Nazi-Horror und die Folgen schwer ausdrücken, suchte ständig nach Möglichkeiten, es doch zu schaffen. Es überstieg ihr Hirn – kindlich ausgedrückt.

Sie fand schwer Worte, so wie die Auschwitz-Überlebende Helga Kinsky die Folgen von Auschwitz beschrieben hatte: Sprachverlust. Wortverlust. Gedächtnislücken, vor allem von Namen. Gegen heutigen Rassismus und Rechtsradikalismus redete Esther Bejarano stark, hart, klar. Aber über all das Elend der Nazis, die Morde, das Konzentrationslager – schwere Suche nach Worten. Man merkte, eigentlich will sie es ganz anders ausdrücken, aber sie ringt innerlich nach Worten. Eine Blockade. Das Singen mit den sicheren, starken Texten zum Widerstand half sicher. Helga Kinsky weigerte sich, über Auschwitz zu sprechen. »Über Auschwitz rede ich nicht«, sagte sie immer wieder.

In der Bejarano Band: Ein unruhiger Türke, der viele Worte macht, ein Rapper, ein Redeprofi. Überflutung mit Worten. Eloquent. Esthers Sohn Joram, der fast nichts redete, nur lächelte und rauchte – sehr wichtig für seine Mutter. Wenn er nicht in Sichtweite war, fragte sie gleich, wo er sei. Wir ließen dann gemeinsam die Interview-Idee fallen und sie schien erleichtert. Gleichzeitig dachten wir wohl beide, wir hätten es doch irgendwie schaffen müssen. Denn: Wann geht der Himmel wieder auf? »Hand in Hand in Hand, mit Herz und Verstand.«

© Bejarano & Microphone Mafia

Menschlichkeit und Widerstandsgeist
Kutlu, der unruhige Türke, redete nonstop von den NSU-Morden in Köln, von seiner Straße, von dem Gerichtsprozess gegen den NSU. Das jagte ihn innerlich umher, ließ ihm keine Ruhe. Über zwanzigmal rief er mich an einem Vormittag an. Ich hätte dringend auch ein Interview mit Kutlu zu der Situation für Türk*innen in Köln machen können, aber es war mir einfach zu viel. »Menschen brennen, doch du bist still.«

Die Wiener Rapperin Esra von EsRap kam zum Konzert. Kutlu, der sie schon einmal nach Köln eingeladen hatte, umarmte sie. »In der Rap-Kultur ist es eher üblich, dass man eine Antwort gibt, ein Zeichen setzt, und somit nicht die Lieder von anderen verwendet«, hatte Esra im Interview vor dem Konzert über Kutlu als die große Ausnahme gesagt. Vom Mädchenorchester von Auschwitz wusste Esra damals nichts, vom Holocaust erfuhr sie erst in der dritten Klasse Hauptschule. »Wie kann das sein, keine Menschlichkeit?«, fragte sie damals. »Jeder sollte sich das denken«, sagte sie, »sonst habe ich Angst vor seiner Menschlichkeit. Bei dem muss etwas fehlen.«

Zwei Tage vor dem Wiener Konzert hatte plötzlich der Zukunftsfonds die Subvention abgesagt. Meine Familie sprang überraschend ein. Der frei gespendete Eintritt der vielen Zuhörer*innen machte vieles wieder gut. In Österreich herrscht von den Institutionen her bis heute eine gewisse Diskriminierung von Überlebenden vor, die für Widerstand eintreten und gegen Rassismus.

Nun ist sie gestorben, die kleine kräftige Frau, die über ihre Akkordeon-Künste gelogen hatte, um ins Mädchenorchester von Auschwitz zu kommen und somit zu überleben. Die so gut singen konnte und so viel Kraft aufbrachte, um zu den Menschen zu gehen und ihnen etwas zu schenken: Ungebrochenen Widerstandsgeist.