SIGNMARK Deaf Hip Hop from Finnland. Foto:
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Von real existierenden Klanghierarchien

Im Kunstraum Kreuzberg im Bethanien, Berlin, zerplatzen derzeit in der Ausstellung »Gebärde Zeichen Kunst – Gehörlose Kultur / Hörende Kultur« die herrschenden Vorstellungen von Kommunikation wie Sprechblasen in der Luft.

»Noch sind die Löcher warm. Haare im Mund. Kuss auf die Scham«, skandiert eine Stimme zu inquisitorischem Trommeln und drohgebärdlichem Quieken. Das alles gleich von zwei Gebärdensprachdolmetscherinnen simultan in die Deutsche Gebärdensprache (DGS) übersetzt. Aufs Parkett tritt die unerhört beflissene Sprachkultur der Tauben, die die Bezeichnung Taubstumme grundsätzlich ablehnen. Kurator in Doppelfunktion als Künstler ist Wolfgang Müller, Grenzgänger und Missverständniswissenschaftler. Hier sitzt er nun an einem Tonband und dirigiert das »Gehörlosenkonzert« seiner interdisziplinären Band Die Tödliche Doris. Wenn auch nur ganz kurz und im Rahmen einer hier zu sehenden Videoprojektion eines Mitschnittes von dem Konzert, das 1998 in der Volksbühne aufgeführt worden war. Damals war Müller vorgeworfen worden, auf Kosten der Gehörlosen einen unwürdigen Schabernack zu veranstalten. Heute gibt er den Vorwurf an den Videokünstler und umstrittenen Berlin-Biennale-Kurator Artur Zmijewski weiter, der einmal einen gehörlosen Chor castete, um Beethoven-Gesänge zu reproduzieren. »Das ist dann Exotismus. Auch wenn es den beteiligten Gehörlosen gefallen haben sollte – nicht zuletzt vielleicht, weil es für Gehörlose fast unmöglich ist Jobs zu bekommen.«
Wer Wolfgang Müller kennt, wei&szlig, dass seine Beschäftigung mit dem Thema hier nicht willkürlich ansetzt. Seit seiner Begegnung mit dem Berliner Gebärdenpoeten und (gehörlosen!) DJ Gunter Trube im Jahr 1980 ist er darum bemüht, den Kontakt zu Gehörlosen zu vertiefen und, sooft es geht, hinter ihre Glasscheibe zu treten. Von Gunter Trube waren viele Zeitgenossen fasziniert gewesen. Seine Kunst, Gedichte in DGS zu performen, dokumentiert die Ausstellung etwa mit seiner Interpretation eines Gedichtes von Francoise Cactus: »Dumm Dumm. Du bist dumm. Und du bist hässlich. Frag nicht warum. Ich wei&szlig es nicht. Dumm dumm dumm dumm dumm. Warum? Frag mich nicht. Ich wei&szlig es nicht.« Am Subjekt drehen und die Perspektiven tauschen.

Transfer aus einer unbekannten Dimension

»Aber warum sollten Gehörlose die hörende Mehrheitskultur reproduzieren, wo sie längst eine eigene Kultur haben?«, empört sich Wolfgang Müller. Die Eigenständigkeit ihrer Sprache aufzuzeigen sei ein Anliegen der Kunstausstellung, die, sofern man den Kuratoren glauben mag, eine weltweit erste künstlerische Auseinandersetzung mit gehörlosen Inhalten liefert. Mitkuratorin Dr. An Paenhuysen betont daneben das Abtasten der Grenzen und Möglichkeiten einer ?bersetzung. Die landessprachliche Vielfalt, die sich auch in der Welt der Gehörlosen auftut, folgt einem anderen sprachlichen Denken. Einem, das seine Herleitungen und Grammatiken auf eine rein visuelle Logik baut. Versucht man den Transfer, fühlt sich das mitunter wie das Eintreten in eine unbekannte Dimension an. So finden sich der hörende wie der taube Besucher in einem Prinzip der permanenten ?bersetzung wieder. »Open your eyes, open your mind. This is our life, unheard and as you’ve never seen«, deklamiert der gehörlose finnische Rapper Signmark. Gehörlosen-Rap? Tatsächlich: Signmark hört selber nichts von den Beats, zu denen er seine Texte in Gebärdensprache performt. Derjenige, der die Texte stimmlich intoniert, bleibt wiederum in dem Videoclip unsichtbar. Eine Volte für die Hörenden, ätsch.
Die Mehrheitskultur ist nicht darauf getrimmt, die Tauben wahrzunehmen. Andernfalls wäre es im Alltag der Gehörlosen nicht so schwierig, Dolmetscher zu finden. Für beide Seiten unlesbar gerät die Arbeit »The Love I Man« von Ming Wong. Dafür musste er, der Hörende, ein Stück von Pina Bausch rückwärts einstudieren – sowohl in Gebärdensprache als auch den dazugehörigen Gesang. Was wie eine satanistische Messe anmutet, fasziniert als Reflexion über ritualisierte Mechanismen von Sprache. Für Wong eine weitere ?bung im Dekonstruieren gewohnter Sprach/Denkmuster, hatte er doch mit seinen minutiösen Imitationen von Fassbinder-Szenen in den Filmen »Lerne Deutsch mit Petra Kant« und »Angst Essen / Eat Fear« schon manche eurozentristische Sichtweisen auf den Kopf stellen können.

Poetisches Hören und Sehen
Christine Sun Kim wiederum arbeitet speziell mit Klang. Die gehörlose Künstlerin versteht sich darauf, was LSD bewirken kann – akustische Signale sichtbar zu machen. Und mit ihrer Frage, wem eigentlich die Klangwelt gehöre, bringt die New Yorkerin einen ganz neuen Blickwinkel in die jüngste Urheberrechtsdebatte. Es gilt die real existierenden Klanghierarchien zu knacken.
Man mag sich gar nicht genug über die poetische Vielschichtigkeit der Verknüpfungen freuen. Darüber, dass mit einer Hymne auf den anti-essenzialistischen Subjektivismus von Wolfgang Müller hier nun die Tür für eine Begegnung zwischen gehörlosen und hörenden Realitäten aufgesto&szligen wird. Produktive Missverständnisse inklusive. Am Ende haben wir erst zu hören und zu sehen begonnen.

»Gebärde Zeichen Kunst – Gehörlose Kultur / Hörende Kultur«
Bis 13. Januar 2013 im Kunstraum Kreuzberg im Bethanien, Berlin