Von Polen nach Ungarn - EU-Erweiterung goes music

Bei allem örtlichen Abstand und musikalischer Differenz haben die im Folgenden einzuflechtenden Veröffentlichungen doch eines gemeinsam: sie halten keinesfalls schnöden, auf Fernsehhauptabendprogrammformat gepressten Popeinheitsbrei hörnervend am Köcheln.

MITCH & MITCH aus Warschau etwa zwingen mit »Love Yer Country« (Zgni³e Miêso Records7/ http://slp.pl/~alpusz/) gute Laune auf. Fragt sich bloß, was hier als Zielobjekt der titeltragenden Liebesbezeugung ausgewiesen werden soll – das Land Polen oder die Musikrichtung? Der Opener »Tramp Of The North« holpert wie eine abgeschliffene Jukeboxscheibe, versteckt hinter einer Tastenkombination, die bei »Grease« gerade nicht gedrückt wurde. »I???m On My Way« räsoniert Mitch – oder Mitch – weinerlich durch einen Hürdenlauf hindurch. »Barbers Got TV« klappert wie schludrig sitzende Hufeisen in entfärbten Wildwestfilmen. »You Hit Me & I Hit U Back« rüttelt klanglich tatsächlich gefährlich am Watschenbaum. Luv yer country? Love Mitch & Mitch! »Project C« wurde von der Ascobans, der Initiative zur Erhaltung von Kleinwalen, bei ANNA NACHER und MAREK STYCZYNSKI in Auftrag gegeben. Simulierte Meeressäugerlaute verlieren sich hier zwischen sanften Tonwogen, in die Sirenen und ins Blaue versenkte indianische Geister locken. Möwen ziehen ihre Kreise über eine schaumbekrönte, bisweilen verspielte Oberfläche. Der Zweck edelt die Mittel – die lautliche Umsetzung ist mit teilweise untypischen Instrumenten gut gelungen. In seiner Gänze fehlt »Project C« (www.karpaty.terra.pl) die absolute Formfestigkeit und bleibt somit austauschbar. Auf »Pierwsza P³yta« (Zgni³e Miêso Records) von DJAZZPORA flanieren Saxofon und Klarinette durch neun Trommeleinheiten mit genussgedehntem Sampleanhang als untypischen Albumabschluss. Ebenfalls bei Zgni³e Miêso Records zu finden ist »Live Off Galeria Off« von DREW-BUD. Alte Sprichwörter halten am längsten – in der Tat: Wie man in den Wald hineinruft, so (sc)hallt es wieder heraus. Die durch den Hall verlängerten Wörter und Wortbrocken wirken auf slawischsprachig unkundiges Ohr mitunter wie eine am Wirtshaustisch entrichtete Echoübung – leicht angesäuert und prahlerisch. Das vierte Teilstück lässt dieses zuvor so geliebte Element beiseite und verbreitet mit tinitusischen Pfeiftönen Katerstimmung. Der erste tschechische Beitrag kommt von The Ecstasy Of Saint Theresa und »Slowthinking« (Escape). Kirchenbesinnlichkeit baut sich auf Katerina Winterovas Stimmvolumen. Aufgepeppt und verstört zugleich wird der medidative Effekt durch die Hinzugabe diverser Gerät- und Geräuschschaften. Von Stolz durchzogene, gemeinschaftsfrohe Trinklieder füllen Neoèekávaný dýchánek in »Plod« (www.tamizdat.org), auf das die Tschechendisko Tanzanfälle garantiere.
Die Ungarn von KAMPEC DOLORES (www.kampecdolores.hu) holten sich für ihr Livealbum »Koncert!« (K.Petrys House/ReR Recommended) István Grencsó zur Unterstützung und bieten eher fern- als nahöstlich klingenden Ethnojazz. Mit dem GRENSC?? SURPRISE KOLLEKTIV liefert er den betäubenden Soundtrack für eine Wunschnachjagende Autofahrt. »Dream Car – Adventure Music« (www.kvb.hu) gleicht anfänglich noch einem musikbewussten Hörbuch, entfremdet sich aber mit zunehmender Spieldauer dem Text und wird – hoppla! – verspielter.