Von johlenden Dinosauriern bis baskischen Männerchören

Neue Zeugnisse von der Inkompetenz, Anmaßung, Selbstüberschätzung und geistigen Unzuverlässigkeit Dietmar Bruckmayrs.

Den Bundesländervergleichskampf in Liezen erfolgreich absolviert, der steirische Kader schrecklich verprügelt, die Reviews noch nicht geschrieben, der Herr Redakteur verärgert bis demoralisiert, der Rezensent züchtigt sich selbst zurück an den Schreibtisch zu huldvoller und zugleich demütiger Auseinandersetzung mit Tonträgern verschiedenster Formate, Konsistenzen und Inhalte.

Es ist Ostern, das Bockbier gurgelt im Bauch und ein johlender Dinosaurier verschafft sich ungeschlachten Zugang zum beschaulichen Mietheim. Mit »Torte statt Worte« (Weber 2000) meldet sich ein lebendes Fossil der austriakischen Musikszenerie der Gegenwart, taucht auf aus finsteren Kloaken, um mit bewährt-beliebter Coverkunst, netten Gästen wie Hubsi Kramar als Adolf Schickelgruber vulgo Hitler und schwerst proletoidem Metal oder Schihütten-Techno den wahren Austropop zu exemplifizieren. Allein aufgrund des wahrhaftigen Bandphotos, wahrhaftiger Tanztennenkracher wie »Die Liebe im Schnee« für jeden wahrhaftigen Musikliebhaber ein wahrhaftiger Pflichtkauf. DRAHDIWABERL sind herrliche Menschen! Wir skandieren: FutArschBeidl trink ma nu a Seidl!

Vorwärtsgewandte Postromantik, der Weg des debilen Cyborg, der moderne Primitive im Hardrock-3D-Spielsalon, US-Gothikrock als bleichfahle selbstdestruktive Gegenposition zum amerikanischen Vitalismus. Schon das Cover legt nahe, dass bei GODHEADs »2000 years of human error« (Posthuman rec.) der erfolgreich dekadente Marilyn Manson-Clan mitmischt. Das Ergebnis ist gut und faulig, desweiteren bereits geadelt durch Film und Rundfunk, im Wege kultureller Veranstaltungen wie »Blairwitch Project« und »House of Nerds« äh »Pain«.

Selbstverständlich viel ordentlicher sind die bereits medial schwer abgeschmusten LADYTRON (Labels). »604« zelebriert harmlosen Elektropop mit dezentem Spielkonsolen-Appeal für den koketten urbanen Hornbrillenträger mit der noch nicht so großen Tonträgersammlung. Track Nr.2 ist in der Tat ein berechnender Tanzbodenfetzer. Konfuser Cubase-Jünger, kiffender Drumbox-Flagellant, hart arbeitender Wohnzimmer-Nordlead-Schrauber, lass es dir gesagt sein: Mit der klassischen Moroder-Bassline gehst Du nie fehl!

Hurra, neues von ~scape! Mit »loop-finding-jazz-records« offeriert uns JAN JELINEK (~scape) ein Meisterwerk im labeltypischen Stil. Seltsam kalter mathematischer Dub, fallweise erweitert um verhaltene Housebeats. Dieses Label vertont eine besondere Art urbaner Verlorenheit. Vgl. dazu immer wieder auch die zwei Kompilationen »Staedtizism 1 + 2«!

Von der Isolation zur psychotropen Wirkung von Frequenzen.
Die neue Produktion unseres Mannes aus Gföhl/Deepshit Waldviertel, FRANZ POMASSL, entging mir beim peripheren Hören zunächst. Ein weiterer Hörtest zeigte allerdings erfreuliche Wirkungen, die der Herr Rezensent flink durch Einnahmen noch zusätzlich steigerte. Die für die Veranstaltung 2001 in der Wiener Secession zusammengestellen Klangexperimente auf »Lens flare«(Laton) begannen sich sonderbar mit diversen Geräuschen in der Prater-Wohnung meines Gastgebers zu einem neuen Klangraum zum ergänzen, um letztlich milde halluzinatorische Wirkungen zu entfalten. So betrachtet, doch irgendwie geeignet für den seinerzeitigen Künstlerball in der Secession, seinerzeit aber irgendwie schon ganz unverantwortlich, gell Franz? Hurra, wie schön!

Gar nicht schön für mich ist die kommende Veröffentlichung von THE MAGNIFICENTS. »Kids now«(erkrankung durch musik). Das ist einfach schon zuviel Retrospektive. Ein Albdruck bemächtigt sich meiner, der juvenile Rezensent watet durch den Dreck eines von Bier, Pisse, Regen und Niedertracht aufgeweichten Festivalgeländes. Es ist Ebensee/OÖ und die unsäglichen Cassandra Complex fuhrwerken im Acid-Bauern-House. Wir befinden uns bereits in der Vergangenheit, alsdann dämmern die Legenden herauf. Zwei schön schlichte 10-Inches von einem Label namens Disaster Area (disaster_area@t-online.de) beehren den plattenspielerlosen Schreiber. Dieser besucht alsdann nach Monaten die Eltern, um nach kurzem verbalem Geplänkel am Schallplattenabspielgerät herumzuhantieren.

Die legendären NOCTURNAL EMISSIONS emittieren für einen frenetischen Industrial-Fanclub in langen unregelmäßigen Abständen Postindustrial-Elektronik, die sich in Instrumentarium, Sound und Konzept seit ca. 1981 nicht geändert hat. Es poltern die selben alten Drumboxes, es surren die angejahrten Oszillatoren bis der Strom ausfällt. Dann kann auf Menhiren, Knochenflöten, Trommeln mit Menschenhautfellen etc. die nächste Platte eingespielt werden.
Etwas zeitgeistiger verhält sich DELPHIUM auf »Self vs. Self – Basslines of Death Vol. 3«. Hier wurde laut Info der gewagte Schritt von finsteren Klangmassen hin zu Drum’n???Bass getan. Klingt wie rüde Tracks von No-U-Turn, demnach nicht ganz auf der Höhe dieser schlechten Zeiten, reißt aber wohl den Gruftis beim wochenendlichen Gothik-Schwoof die Schnabelschuhe aus.

Solide wie Solinger Stahl ist die EBM-Compilation des Solinger Labels Accension Records. Die originell betitelte erste Werkschau »Volume One« verlangt mit dem Harfenintro von Angels of Venice unvorbereiteten Hörern zunächst alle Selbstbeherrschung ab. Bleibt der Tonträger im Abspielgerät, wird soviel Selbstzucht fortan belohnt. Wackere Bassliner-Manipulatoren wie Haujobb, Cleaner oder Psyche schenken hübsche Songs im einschlägigem Klangbild. Mit solchem Fantum outriert man sich routiniert in Kreisen gebildeter Musikfreunde als Idiot, womit echter Unterhaltung kein Einhalt mehr geboten werden braucht. Man reißt am lächerlichen College-Outfit des HM-Nerds herum, greift nach seiner Brille, um selbige mit fettigen Daumen zu verschmieren.

US BOMBS sind wieder da! Skaterlegende Duane Peters hat nach jahrelangen Backstagebier-Exzessen zu alter Größe auf Board und Bühne zurückgefunden. Nach tragischem Ableben eines Gitarristen feiert fortan nur mehr ein Quartett auf »Back At The Laundromat« (Hellcat Rec.) den guten regen- und bierschweren Punksong britischer Provenienz. In Kalifornien scheint immer die Sonne, auch im Bier. Dieses ist in der Region der furiosen Ska-Combo CHICKENBOX etwas teuer, schmecht dort genauso gut, will aber hart erspielt sein. Auf »Approved By« (Burning Heart) führen die lieben Skandinavier eindrucksvoll vor, dass Ska und Punk nach Volvo, Ikea und Abba zum Hauptexportartikel dieser Region zu zählen sind. Von den Nordlichtern zu den Hochlichtern!

FERMIN MUGURUZA, die Legende des baskischen Underground, Vokalist der gloriosen Kapellen Kortatu und Negu Gorriak legt das »FM 99.00 Dub Manifest« (www.piranha.de) vor. Zehn grandiose Dub/Ragga/Reggae-Politsongs in Euskera. Anliegen, Botschaft etc. sind auch für den des Baskisch nicht Mächtigen noch vor Studium der englischen Übersetzungen im Cover leicht erfassbar. Fight the power!
Aus der selben Region kommt eine weitere, sehr außergewöhnliche Platte. Auf »Voix Basques« (Virgin Classics) von BENOIT ACHIARY singt ein baskischer Männerchor Lieder, die bis ins Mittelalter zurückreichen. Intensiver Chorgesang wilder, hingebungsvoller Stimmen, aus deren Mitte sich mitunter der Tenor in Bereiche vorwagt, in denen die nackte Seele singt und schreit. Dagegen nehmen sich diverse akklamierte Vokalartisten der E-Musik geradezu armselig aus.