Iannis Xenakis © Famille Xenakis DR/Wiener Festwochen

Visionäre elektroakustischer und elektronischer Sounds

Zum 100. Geburtstag von Iannis Xenakis widmen die Wiener Festwochen dem Komponisten griechischer Herkunft einen Schwerpunkt. Außerdem wird das Schaffen des 2021 verstorbenen Elektronikmusikers und Editions-Mego-Label-Betreibers Peter Rehberg in einer langen Nacht im Das WERK gewürdigt.

Der Auftakt der Wiener Festwochen ist immer problematisch. Es darf geklotzt werden und irgendwie ist die gemeinsame Klammer »Unity«. An dieser Stelle deshalb keine Rückschau auf die Darbietungen von Bilderbuch oder Yung Hurn, sondern eine Vorschau auf die Musikschiene, in der auf der Höhe der Zeit agiert wird, auch wenn die zu ehrenden Protagonisten nicht mehr unter uns weilen. Die Verbindungslinie zwischen beiden zog einst Peter Rehberg aka Pita selbst: Auf dem Sublabel Recollection GRM erschien 2013 ein Reissue von Iannis-Xenakis- Aufnahmen in den GRM-Studios 1957–1962, darunter »Diamorphoses«.

Tribute to Peter Rehberg & Editions Mego

Der Schock über das viel zu frühe Ableben von Peter Rehberg saß 2021 tief. Rehbergs Stellenwert hat skug bereits mit einer Titelgeschichte in skug #103 im Jahr 2015 herausgestrichen und verspätet erfährt der Austrobrite eine Würdigung durch die Wiener Festwochen, die ihm zu Lebzeiten nicht vergönnt war – dank Gisèle Vienne und Isabelle Piechaczyk, welche die Tribute-Nacht am 28. Mai 2022 ab 21:00 Uhr im DAS WERK kuratieren. Schon seit 2001 arbeitete die Künstlerin/Choreografin/Regisseurin Gisèle Vienne mit Rehberg und dessen Frau Isabelle Piechaczyk, die in die Entwicklung der künstlerischen Formate eingebunden war. Daraus entsprossen laut Vienne zwölf Performances mit Live-Auftritten von Rehberg, neun Alben (unter den Namen Peter Rehberg, DACM sowie KTL mit Stephen O’Malley), Ausstellungen, Installationen, ein Hörspiel, ein Buch und zuletzt ein Film. Das Line-up des Wiener Festwochen-Tributes kann sich hören und sehen lassen: Caterina Barbieri, Chra, Electric Indigo, Fennesz, Finlay Shakespeare, General Magic & Tina Frank, Hecker, Inou Ki Endo, Jung An Tagen, KMRU, Nik Colk Void, Russell Haswell und Tin Man!

Das Gefühl der Klaustrophobie, verstärkt durch distorted Sounds von Stephen O’Malley und François J. Bonnet, wird Besucher*innen des Jugendstiltheaters am Steinhof heimsuchen. Gisèle Vienne wird dort von 25. bis 27. Mai 2022 ab 20:30 Uhr »L’Étang/Der Teich«, basierend auf einem Theaterstück von Robert Walser aus dem Jahr 1902 als verstörendes Familiendrama inszenieren.

Peter Rehberg © Magdalena Błaszczuk

100 Jahre Iannis Xenakis – drei Highlights

Iannis Xenakis wurde am 29. Mai 1922 im rumänischen Brăila geboren und exilierte 1932 mit seiner griechischen Familie nach Athen. Dort studierte er Ingenieurwissenschaft, war im Widerstand gegen die Besatzung durch die deutsche Nazi-Wehrmacht aktiv und konnte im anschließenden griechischen Bürgerkrieg (den die Westmächte gegen die »kommunistische Gefahr« führten) einem Todesurteil dank Flucht nach Paris entkommen. Olivier Messiaen, Darius Milhaud und Arthur Honegger lehrten ihn dort kompositorische Finessen und zwölf Jahre war Xenakis gar Assistent von Le Corbusier, konnte selbst bauen, meist aber in Kooperation mit dem renommierten französischen Architekten. Berühmt ist der Philips-Pavillon auf der Weltausstellung 1952 in Brüssel für seine hyperbolischen Kurven, die für seine erste Komposition »Metastasis« ganz wesentlich waren. Die heftig akklamierte Uraufführung bei den Donaueschinger Musiktagen hievte Xenakis auf die Weltbühne der Neuen Musik.

Dass Xenakis dank des Einbezugs von Mathematik, Raum und damaliger elektroakustischer und multimedialer Gerätschaften ein zentraler kompositorischer Akteur war, rufen die Wiener Festwochen mit einem Schwerpunkt in Erinnerung. Der Musiker und Komponist Reinhold Friedl, der das Ensemble Zeitkratzer leitet und auch die Liner Notes für die 5-CD-Box »electroacoustic works« schrieb, kuratiert das Programm, das zum Auftakt des Symposiums »Xenakis – Back to the Roots« von 19. bis 21. Mai 2022 in die mdw – Universität für Musik und darstellende Kunst Wien lädt. Eine Kooperation des Instituts für Musikwissenschaft und Interpretationsforschung (IMI) und des Lehrgangs für elektroakustische und experimentelle Musik (ELAK) an der mdw mit den Wiener Festwochen wird an diesen drei Maitagen im Klangtheater des Future Art Lab im mdw Xenakis’ elektroakustisches Gesamtwerk per Vielkanal-Audioprojektion zum Erklingen bringen.

Der zweite Programmpunkt folgt am 7., 8. und 9. Juni 2022. Iannis Xenakis’ »Kraanerg« wird vom Klangforum Wien in einer visionären szenischen Fassung der Choreografin Emmanuelle Huynh in der Halle G im Museumquartier aufgeführt. Schlussendlich steigt am 18. Juni 2022 ab 20:00 Uhr ein grandioses Finale im Belvedere 21: »We Bear The Light Of The Earth: Xenakis Birthday Party« verweist auf sein weltoffenes Sounduniversum, das auch Anleihen bei afrikanischer Percussion oder japanischer Biwa-Musik nimmt. Ein weiter experimenteller Bogen, der die nach wie vor Energie ausströmende Wirkung von Xenakis’ zum Multimedia-Werk neigendem Schaffen aufzeigt, wird gespannt. Die Liste der auftretenden Musiker*innen ist lang: Blectum from Blechdom, DJ Diaki, DJ Marcelle, Gerriet K. Sharma/IKO, Gilles Sivilotto, Guy Reibel, Isabelle Duthoit, Jim O’Rourke, Junko Ueda, Laurent Jeanneau, Lee Ranaldo, Puce Mary und Rashad Becker … und ganz zum Schluss wird Xenakis oft gespieltes Glanzstück ertönen. Ein Sonnenaufgang mit »Persepolis«!

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