Iannis Xenakis

»electroacoustic works

Karlrecords

In der Regel stellt Ignoranz einen bequemen Rückzugsort dar. Man verpasst damit aber leider auch eine Menge. So ging es mir lange mit Iannis Xenakis, der heuer 100 Jahre alt geworden wäre. Es ist jedoch nie zu spät, ein Pferd von hinten aufzuzäumen. Ignorance is bliss! Seltsamerweise zeigte sich in der Redaktion niemand an der fünfteiligen CD-Box mit den gesammelten elektroakustischen Werken von Iannis Xenakis interessiert. War es die Furcht vor einer atonalen Wand, welche die letzten Lücken im Kopf zwischen Pandemie und Ukrainekrieg zu verschließen droht? Die Wohnzimmerkompatibilität der Stücke ist in der Tat eingeschränkt, zumindest wenn man dieses mit anderen Menschen teilt. Die Stücke Xenakis’ zwingen ihre Zuhörenden nämlich eine eigene Zeitrechnung auf. Bewusst gemeinsam anhören, das könnte vielleicht noch klappen. Doch an verschiedenen Stellen in die Stücke einzusteigen … oh, wehe dir! Sodom und Kopfschmerz! Quietschen und Klirren! Lässt man sich hingegen auf Xenakis’ Zeitrechnung ein, öffnet sich seine Musik. Das überrascht besonders bei den späteren Stücken aus den 1980er- und 1990er-Jahren, die vom Einsatz früher Computer geprägt sind und auf den ersten Eindruck sperrig und unzugänglich wirken. Doch das täuscht: Xenakis’ Musik ist ein Filmsoundtrack, der die Realität in neue Räume packt. Man sollte sie sich am besten draußen anhören, etwa zwischen endlosen Sonnenblumenfeldern in abendlicher Augusthitze. Oder auch in der S-Bahn, in der Schule, im Café. Auf der Reise begegnen mir im Gedanken Lukas König, Brigitta Bödenauer, Onno Ennoson, Electric Indigo und Pita. Keine Ahnung, wer euch begegnet. Die Konstellation ist aber kein Zufall; es handelt sich stets um ein Netzwerk, welches ohne Xenakis nicht denkbar wäre. Das älteste Stück auf der 5-CD-Box nennt sich »diamorphoses« und stammt aus dem Jahr 1957 – dort setzen Karl Records an und Rashad Becker mischt Xenakis ins 21. Jahrhundert.