Traumverloren im Future Garden

Sound, Architektur, Wissenschaft und Bildende Kunst überschneiden sich in der Arbeit von Manfred Gruebl, der einen Austausch mit der Londoner Künstlerorganisation Fishe zuwege brachte.

Dem entsprechend waren Wiener und britische Soundkünstler am 30.01./01.02.2002 eingeladen, um ihre jeweils spezifische Art der Klanggenerierung in der Foundry zu präsentieren. Die räumlichen Auswirkungen in diesem Soundlaboratorium können klarerweise auf »03/1« (www.gruebl.org) nicht nachvollzogen werden, jedoch dokumentiert diese CD-ROM, minimalistisch designt von Suse Bohse, teils essenzielle Sounds. Rashim mag Brummen im Hintergrund, Colin Bradley liebt die elektroakustische Sinuswellenform, Dy’namo loopt repetitive Preziosen, Franz Grafs Nullen und Einsen rattern im Stakkatobeat, Elisabeth Gruebl überragt mit einem maschinellen Loop, das die Verwandtschaft zu Techno nicht leugnen will, und mit B. Fleischmann kratzen wir die Kurve zu Harmonischerem: An kindlicher Intuition übertrifft Naoko Sasaki selbst Tujiko Noriko. PIANA heißt ihr Trio mit zwei Instrumentalisten, doch ist der Fokus auf sie selbst gerichtet. Naoko schreibt die zwischen niedlichem Quietschen, bewusster Sanftheit und erwachsener Erhabenheit angesiedelten Songs, hat die Kontrolle über die Produktion und zaubert mit Electronics eine melancholisch anmutende, introspektive Traumwelt. Gitarren und Klarinette sind organisches Beiwerk und wer möchte nicht schwach werden und sich in den Teenager-Monologen verlieren? In den stillen Nachthimmel schauen und den »Snow Bird« (www.12k.com/happy) kreisen sehen? Electronic Girlpop? Nun ja, auch CHICA AND THE FOLDER fallen ein bisschen in diese Kategorie. »42 Mädchen« (Monika 36/Indigo/Hausmusik/Soul Seduction) birgt mit dem chinaklangfarbenen »Tibetteppich« ein Gedicht von Else Lasker-Schüler, das von Suzana Sucic hinreißend gesungen wird. CATF sind Paula Schopf und Max Loderbauer, haben detto eine romantische Ader, nur fransen die Tracks in vielerlei Richtungen aus. Von Ambient bis Pop à la Eno, dessen »I’ll Come Running« verhübscht wird, bis zum punkrockigen Heuler. FIBLA aus Barcelona rafft sich zu verspielterem electronic Songwriting auf. Zwar sind das immer noch Tracks, doch melodienverströmende! »Lent« (www.sparkreleases.com) bedeutet auf Katalanisch langsam und fürwahr, Vicent Fibla weiß um alle Tricks, wie er mondäne Schläfrigkeit mit Popappeal generiert, ohne dabei zu langweilen. »Saturday Morning Empires«, die zweite Compilation des kanadischen Labels www.intr-version.com, ist ein noch fabelhafteres Werk. Wieder einmal ist die natürliche Chemie zwischen Electronics und akustischen Instrumenten die Essenz. Postrockschlieren (Beans), schwermütige Gitarren-wall-of-sounds (Tim Hecker) sind darauf ebenso zu finden wie dubbig-wabernder Ambient (Ghislain Poirier) oder angebreakter Dub (Vitamins for You). Hauptmerkmal: Verträumt, schwermütig, in andere Galaxien driftend. Kaufen! Mighty electronic Dub, allmighty resonance vibrations: Für Dub steht DOUGLAS BENFORD [SI-CUT.DB], für letzteres Harmoniesüchtiges STEPHAN MATHIEU [FULL SWING]. Also ist »[reciprocess : +/vs.] Vol.2« (www.bip-hop.com), initiiert von Bip-Hops Philip Petit und Christopher Murphy vom Label Fällt, eine wundersame Kollaboration. Der wechselseitige Austausch verursachte vehement drängende Konzentrate ebenso wie maelstromartige Gebilde. Und trotz erheblicher Geräuschbeimengung ging der Sinn für catchy Melodien, die die Wiedererkennbarkeit erhöhen, nie verloren.
»I Rape You With My Dreams« singt eingangs Damien Mingus aka MY JAZZY CHILD. »Sada Soul« (www.clappingmusic.com), nach der Hauptfigur in Oshimas »Reich Der Sinne«, thematisiert Liebe und Schmerz, bei herausragendem Ambient Folk. Mingus hat Songs für Gitarrre, Spielzeugxylophon und a-capella-Gesang geschrieben und sequencte diese am PC zu einem berührenden Album, das glücklicherweise neben teils tragischen Songs nicht ohne Drones auskommen will. MICE PARADE wärmt mit akustischen Gitarren, hübscher Synth-Electronica, Vibraphon und sanfter Percussion. »Obrigado Saudade« (www.fat-cat.co.uk) verkörpert auf amerikanisch-melancholische Weise das unbestimmte Gefühl für eine Mischung aus Heimweh, Nostalgie und Liebeskranksein, für die das portugiesische Wort Saudade steht. Schlussendlich: Schattseitige Ambient-Soundscapes, die oftmals gar elektronisch klingen, aber von E-Gitarren kommen: »OST composed by SONIC YOUTH« titelt die CD »Demonlover« (Labels/EMI France). Regisseur Olivier Assayas beschreibt im Booklet ausführlich, wie die Kollaboration verlief, doch eines ist sicher: Diese weite Bögen spannenden, Drones, Obertöne und ästhetisch gelungenes Flirren zwischen low noise und high dynamic tension transportierenden Sounds funktionieren auch im Wohnzimmer fantastisch.
Thinner, Bruit, Trust
Floaten in Raum und Zeit mit Thinner, dem Netlabel for dub-inspired electronic music. Musik zum Selber-Runterladen. www.thinnerism.com sowie das Netz-Sublabel www.autoplate.org bieten eindrucksvolle Sounds an. MARSEN JULES Ausgangsmaterialien sind Streichertrios, ein Harfenkonzert und Orchestereinspielungen sowie selbst gespielte Instrumente. Das alles verdichtet er zu Endlosschleifen, zu einem Endlosdrone, 35 Minuten lang. »Lazy Sunday Funerals« (Autoplate) ist ein sehr schöner Titel, weil statischer, beinahe stehender, als himmlisch empfundener Klang eine Art Traumverlorenheit in der Ewigkeit suggeriert. TLON alias Jean-Sébastian Roux hat sein Album »Acoustic Lazy Dolls« (Autoplate) neu überarbeitet. Etikett: Micro-Ambient, verfrickelt. Muss dem PR-Zettel Recht geben, weil ein Maelstrom elektronischer Soundpartikel eine traumwandlerische Atmosphäre schafft, die trotz Berieselungsfaktor im Detail raffiniert konstruiert ist, also stets interessant bleibt. Als dann gegen Ende subsonische Bässe auftauchen, tun sich Meistertracks auf, die weniger einwölken wollen als ältere Stücke. ELOI BRUNELLE, ein weiterer Kanadier, präsentiert auf der »Montréal Night Grooves EP« (Thinner) druckvollen Techhouse mit gewaltigen Bässen und versumpft im Finish in beliebtem Shufflebeat. Bedächtiger, verschlafener Ambient Dub: »Zwischen Zwei Und Einer Sekunde« von KRILL MINIMA (Thinner). Sonnenblumen am Cover und doch ist das der Soundtrack zum Dösen in Nebeltagen. Großartiger Nachhall! Krill Minima ist auch auf dem Sampler »Silent Season Dub« (Thinner) vertreten. Acts wie Periskop, Chronolux oder Digitalis loten Tiefenräume weit ausschweifend aus. More Dub in da House? Den liefert Jean Patrice Remillard aka PHEEK. Die »Tabisuru Kokora LP« (Thinner) versprüht jedoch Minimal-House-Dub der eher milderen Sorte. Radikalst dagegen MARCUS KUERTEN. »Scheusalpusik« (www.bruit.de) tönt statisch minimal. Eine Stunde lang schleift ein kaltes Sinuswellen-Loop mit perkussivem Subton. Rigide Stimulanzia, reduzierte Rhythmen sind auch auf dem bereits fünften Electro-Release des Wiener Labels www.trust.at (Vertrieb Soul Seduction) zu finden. Auf »Wireheads« sind MICROTHOL VS. DJ GLOW mit sprödem digitalen Future Funk zu Gange, der an Drexciya erinnern mag. Treibende Basslines und metallische Drumpattern rocken und harte Synthriffs schieben mächtig an. Dark and funky!