Scott Walker

»The 5 Easy Pieces A Themed 5 CD Anthology«

Mercury/Universal

Im Jahre 1970 gab es in einer Ausgabe der deutschen Musikzeitschrift »Sounds« eine Art Eigenwerbung bei der eine Schultafel gezeigt wurde auf der in Kinderschrift mit Kreide stand »Wer die neue Stooges (gemeint war »Funhouse«; Anm) nicht mag, ist doof!« Ähnliches kann auch über die Walker Brothers gesagt werden, jene Band, die im »Rocklexikon, aktualisiert und erweitert 1975« als für »stilistisch unsichere Beat-Anhänger« gleich mal in den Schnulzentopf geworfen wurde. Hingegen werden Scott Walkers Solowerke im »Middle-of-the-Road-Fahrwasser altmodisch-romantischer Nightclub-Musik« (wieder »Rocklexikon, aktualisiert und erweitert 1975«) nicht selten gleich neben dem Heiligen Gral positioniert und dabei tunlichst von all den Walker Brother-Schnulzen-Schmuddelkindereien getrennt. Was natürlich blanker Blödsinn ist, weil auch Scott Walker Solo Pop und gerade deshalb auch so unausweichlich »real« im Sinne von »Wenn Schlager zuschlagen« ist. Nicht nur, weil er »fast so unglücklich wie er aussah« war, wenn er seine »Trauerballaden« vortrug, wie es Nik Cohn in »AwopBopaLoobopAlopBamBoom. Pop History« 1969 beschreibt, der weiter meint: »Alles in ihm ist schwarz gemalt. Egal, er ist ein schwermütiger Bastard, er sieht noch immer schön aus und hat eine Menge Image. Dafür kann man ihm fast alles verzeihen«.
Scott Walker verband schon zu 1965 auf »Take It Easy« den Bacharach-Herzbruch-Hardcore von »Make It Easy On Yourself« mit melodramatischen Eigenkompositionen wie »Young Man Cried«. Auch als alle Welt 1966 zu »The Sun Ain’t Gonna Shine Anymore« heulte, setzte er mit »Archangel« noch einen drauf und verabschiedete sich als Walker Brother 1967 auf »Images« mit schwerster Kost der Marke »Orpheus« und »Genevieve«.. Genau erkannt hatte das damals schon R.W. Fassbinder, der die Walker Brother-Version von »In My Room« in »Die bitteren Tränen der Petra von Kant« (1972) an prominenter Stelle einsetzte. Aber brauchte wohl auch seine Zeit, bis Scott Walker selber ab den späten 1970ern von Leuten wie Blur, Suede, Marc Almond (dessen Versionen von Scott Walkers Jacques Brel-Interpretationen bei Marc & The Mambas wohl einen Grossteil der heutigen Walker-Fans erstmals mit diesem Material in Berührung gebracht haben), Julian Cope, David Bowie, Jarvis Cocker, Tindersticks, Nick Cave (wieder)entdeckt wurde. Was in manchen Fällen auch irgendwie an Julian Copes Krautrock-Beeinflussungen für New Wave/Post-Punk erinnert. Bleibt jedoch die Frage, an wem sich dieser 5CD-Sampler mit fast allen wichtigen Nummern zwischen »Montague Terrace (In Blue)«, »Big Louise«, »Jackie«, »My Death«, »If You Go Away«, » Climate Of Hunter«, »The Plague«, »Boy Child« und »Tilt« sowie dem erstmals komplett auf CD veröffentlichten Filmmusikbeiträgen Walkers eigentlich wendet. Fans dürften das Meiste sowieso schon haben, NeueinsteigerInnen könnten hingegen zuerst einmal erschlagen werden. Wie dem auch sei – hier gibt es genug Anhaltpunkte, die jemanden wie Fassbinder zum Ausspruch »Ich möcht‘ Musik machen können« bewogen haben.