»Take me to the Casbah«: Exotica-Transgressionen auf 78 RpM

Diese drei Compilations mit Jazzmusik zwischen den 1920er- und ’60er-Jahren wurden vom niederländischen Plattensammler und DJ Ziya Ertekin aka Blue Flamingo zusammengestellt.

»Take me to the Casbah, my sweet one …«. Exotica-Alarm, Transgression, (un-)heilige Trommeln, mysteriöse Rituale, Spiegelungen des Selbst: Das transatlantische Verhältnis zwischen kongolesischem Jazz, karibischem Mambo und schwülen Südseeträumen mit finsteren Arabern à la Hollywood war zu dieser Zeit ein sehr ausgeprägtes, die Casbahs von Tanger und Casablanca als prä-»Interzone«-Signet, der schwarzafrikanische Dschungel und die Adaptionen eines Duke Ellington waren dies- wie jenseits des Atlantiks das perfekte Antidot zur ausgezehrten Zwischenkriegsrealität. Exotica war bereits da als mehrfach gebrochenes Phänomen präsent, siehe die Zusammenstellung »78 r.p.m.«: Die französisch-spanischen Connections funktionierten bestens als migrantische Erzählung über die USA und als Rückprojektion zwischen Vaudeville und lateinamerikanischen Rhythmen, und der Barkeeper schenkt Whiskey dazu ein. Schau‘ mir in die Augen, Kleines. Mit dem Unterschied, dass diese Musik nicht Barjazz, sondern wildes und hüftwackelndes Treiben ist.

Congo_Jazz.jpg»We are going deeper into the jungle«: »Congo Jazz« ist die logische Ergänzung zum Vorherigen. Dabei dokumentieren sich die Verständigungen zwischen Lateinamerika und Schwarzafrika zwar schon noch über die Projektionsmatrizen Hollywood und Cotton Club, wachsen sich indes im Lauf der Compilation zu Vorläufern von kongolesischem Jazz aus: An den Stücken von DOCTEUR NICO lässt sich erahnen, welchen Einfluss die Stromgitarre auf die lokale Musiktradition hatte. Jimi Hendrix soll ein großer Fan des Soukous-Gitarrenzauberers gewesen sein. CMS.jpg

Was uns zu »A Search for CMS« bringt. Zusammen mit Melodica war Capitol Music Store eines der prominentesten kenianischen Labels, das bis in die ’60er Jahre existierte. Die CD ist das Resultat einer Suche nach verschwundenen Spuren einer reichen Vergangenheit, die vom akustischen Fingerpicking der Jahre nach dem Ersten Weltkrieg über die Unabhängigkeit von den Engländern 1963 bis zur äußerst populären, Rumba-infizierten Benga-Musik reicht, welche von Nairobi aus internationale Kreise zog. Das 26-seitige Booklet liefert Ertekins Reiseimpressionen. 

Diese drei Compilations stellen weniger musikethnologische Zusammenstellungen denn persönliche Dokumentationen dar. Hier war ein absoluter Fan am Werken. Bemängeln könnte man, dass bei den meisten Line-Ups Jahreszahlen und zusätzliche Informationen fehlen. Aber diese Forschungsreise gestaltete sich wahrscheinlich auch so schwierig genug; Allein die Tagebuchberichte, in denen Ertekin seine auf durchaus sehr verschlungenen Pfaden verlaufende Suche nach CMS schildert, sollten jene, die sich auch nur ein bisschen für derartige Themen interessieren, beinahe zwangsweise zur Anschaffung dieser Compilations verleiten. Hier wurde Roots-Forschungsfutter aufbereitet, das ist Goldgräber-Stimmung. Big Respekt für diese Werkschau aus dem »Bermudadreieck« Lateinamerika, Hollywood und Afrika.