steirischer herbst 2002

Noch bis 24. November können laut dem Motto des heuer sehr relevanten Programms »Fremdkörper«in diversen Kunstsparten ausgemacht werden. Beim »Musikprotokoll« des ORF Steiermark, den »Latenten Utopien« Zaha Hadids wie auch in Migration, den Balkan und Kunst aus Belgrad thematisierenden Ausstellungen wurde dem Thema durchaus entsprochen.

Endlich war das Musikprotokoll wieder vermehrt eine Plattform für Musik aus den Ländern Mittelost- und Südeuropas. Zwar wurden am ersten Novemberwochenende wieder allerhand mehr (Olga Neuwirth, Trapist, Spunk) oder oder weniger fruchtbare (Polwechsel) Produktionen aus Westeuropa präsentiert, doch war ein Schwerpunkt improvisierter und elektronischer Musik östlich der Schengengrenze gewidmet. Hat man als interessierter Beobachter bereits das Festival »Kulturschutzgebiet 2002/Artacts« der Musik Kultur St. Johann in Tirol mit zahlreichen Ensembles aus den Reformstaaten erlebt, so müsste angesichts der neuerlichen Einladung des Abstract Monarchy Trios, von Vapori del Cuore sowie Viön & Mem (siehe Bespechung des Festivals unter Artikel) zunächst die Frage gestellt werden: Gibt es dort nicht genügend qualitativ hochwertige Musiker oder handelt es sich schlicht um Lieblinge der Kuratoren Christian Scheib und Susanna Niedermayr?
Jedenfalls wurden deren auch im skug erschienene Ö1-Radioreportagen über Musik aus »Nebenan« liegenden Staaten (Ungarn, Slowenien, Slowakei, Polen, Bulgarien, Kroatien) anlässlich des Musikprotokolls nun auch als Buch veröffentlicht. Und zwar im PFAU-Verlag unter dem Titel »im osten – neue musik territorien in europa«. Und dankenswerterweise konnten bei der Buchpräsentation auch drei Musiker (Daniel Matej von Vapori del Cuore, Todor Krst alias Tkrst und Kamil Antosiewics (Mem von Viön & Mem), die selbst auch als Veranstalter tätig sind, die Schwierigkeiten der Musikproduktion in den postkommunistischen Staaten Slowakei, Bulgarien und Polen darlegen. Das Dilemma, kurz auf den Punkt gebracht: Mangelnde Finanzen. Den Musikern aus dem nichtkommerziellen Elektronik/Neue Musik/Improvisationsmusikbereich können von nationalen Veranstaltern meist nur die Reisekosten ersetzt werden und generell ist es schwierigst, von den jeweiligen Kunstministerien überhaupt Geld zu lukrieren. Westliche Institutionen gewähren zwar Support, jedoch müssen dann meist Künstler aus dem Unterstützungsland präsentiert werden, was einen Programmmacher klarerweise in seinen Ambitionen limitiert.
Herrschte zu Zeiten des real existierenden Sozialismus zumindest ein Austausch unter den musikalischen Eliten, so ist dieser jetzt so gut wie gar nicht vorhanden. Alle Musiker orientieren sich zuerst nach dem, was im Westen produziert wird, wissen aber, so Todor Tkrst, was die jeweiligen Musiker aus den Nachbarländern machen. Aber die Musik des jeweils anderen Podiumsteilnehmers haben die Herren nicht gekannt. Was u.a. auch mit der fatalen Mediensituation zusammenhängt. Musikzeitschriften wie »Wire« oder der »Melody Maker« existieren nicht, höchstens extrem spezialisierte Fanzines mit niedriger Auflage. Auch eine Radiosendung wie »Zeit-Ton« fehlt in den Reformstaaten und falls es engagierte Privatradios gibt, dann geht diesen bald die Luft aus. Off air, off new music von »Nebenan«. Dank Susanna Niedermayr und Christian Scheib und verbliebenem ORF-Restkulturauftrag (den es auch in den dritten Radioprogrammen Deutschlands gibt) ist die Situation im reichen Westeuropa nicht so arg. Doch für eine CD-Beilage mit den Highlights der vorgestellten Musiken reichte das Budget bei weitem nicht. Trotz allem: Das deutsch-englischsprachige Buch (skug-Mitarbeiterin Friederike Kulcsar und John Wólfowicz – Polen-Reportage – haben übersetzt), eine Kooperation des Musikprotokoll im steirischen herbst 02 und line_in:line_out, ist unumschränkt zu empfehlen. Es bietet, weil auch politische Begleitumstände nicht vernachlässigt werden, eine äußerst gelungene Bestandsaufnahme osteuropäischer Musikszenen.
Aber man kann ja, da in Osteuropa selten CDs (zu teuer) rausgebracht werden können, viele Acts zumindest live sehen. Das Duo Jeanne Frémaux aus Kroatien ist westlichen Elektronikern durchaus ebenbürtig, was das auf-der-Suche-nach-interessanten-Sounds-Sein betrifft und Tkrst aus Sofia stellte im Ambiente des Dom im Berg unter Beweis, dass seine Sounds, obwohl experimentell, sehr partytauglich sind.
PS: Die Buchpräsentation erfolgt in Wien im rhiz, am 17. Dezember (21 Uhr), anlässlich der Wiederaufnahme von line_in@rhiz. Nach einer Diskussion (mit Todor Krst, Wojtek Kucharczyk, Susanna Niedermayr, Christian Scheib und eventuell noch einem Gast aus Bratislava) bringt Wojtek Kucharczyk vor einem Liveset von Todor Krst sein Soloprojekt Retro Sex Galaxy.

»Latente Utopien«
In Österreich blieb ja selbst ein das Museumsquartier überragender Leseturm, der das MQ in vielen Teilen Wiens erkennbar verankert hätte, Utopie. Um so wichtiger ist es, weiterhin über Entwicklung nachzudenken, selbst wenn zurzeit viele der »Latenten Utopien«, die im Landesmuseum Joanneum gezeigt werden, zu »jenseits« scheinen. Zaha Hadid und Patrik Schumacher haben eine Schau experimenteller Gegenwartsarchitektur kuratiert, die Mut zum Unkonventionellen, nicht vordergründig einen Zweck erfüllenden Baukunst zeigt. Doch existieren auch Entwürfe, die durchaus das Zeug zur Verwirklichung hätten. Etwa eine schlangenförmiges WTC, das mit runden Fenstern gleich einen Bruch mit gängigen Skyscratcher-Skylines signalisiert oder Andreas Thalers liquide Wohnzimmermöbel. Die aus einem Wassertropfen, der Wellenbewegungen evoziert, abgeleiteten Herumhäng-Gelegenheiten bräuchten eigentlich nur einen aufgeschlossenen Auftraggeber wie ihn etwa Mies van der Rohé in der Familie Tugendhat gefunden hat.

»In Search of Balkania«
»Fremdkörper«werden auch in weiteren Ausstellungen thematisiert. Etwa Boris Mikhailovs Fotos, die als »Case History« im Kulturzentrum Minoriten die Schicksale von Obdachlosen, Verstoßenen und Arbeitslosen zeigen, die zehn Jahre nach dem Zusammenbruch der politischen und wirtschaftlichen Strukturen in der Ukraine ein kümmerliches, nicht immer unstolzes Dasein fristen. Und via »Routes«, einer Exhibition im Grazer Kunstverein, in der Zeigam Azizov, Emily Jacir, Dorit Margreiter, Lisl Ponger oder Vivan Sundaram über Reise und Migration reflektieren, landen wir am Balkan. Nach dem vom Wiener Theater des Augenblicks engagiert über die Bühne gebrachten »Balkanfestival«, das vor allem Theater-, Performance- und Videokünstler und eine großartige Filmschau beherbergte, beschäftigen sich gleich zwei Ausstellungen mit Kunst aus einer Zone, die sich nicht an westeuropäische Maßstäbe hält, aber das im-Westen-sein-Wollen immer schon anstrebte. Zumindest die Kunst. »Auf die Suche nach Balkania«begaben sich also Roger Conover, Eda Cufer und Peter Weibel für die Neue Galerie Graz. Heraus kam eine etwas populistische Schau, die umfangreich Abgründe wie Absonderlichkeiten, aber auch Bildungsbürgerliches (Hommage an Nikola Tesla, der drei Jahre in Graz studierte, wenngleich seine Erfindungen wesentliche Fortschritte in Sachen Elektrizität bedingten) transportiert.
Tito- und Tudjman-Porträts mit Trauerschleifen markieren die Tode zweier Titanen und per Video widerfährt einem Ceausescus surreal-realer Abgang. Bessere Trauerarbeit leistet Dejan Vekic??? »KaoSarajevo«, da es ihm in der Abbildung alltäglicher Zerstörungen und Morde (1992-95) keineswegs um Heroismus geht, oder eben Milomir Kovacevic, der anhand zerschossener Titoporträts (zersplittertes Glas über malträtierten Staatsmannfotos) die Tragik nicht nur von Sarajevo, sondern ganz Jugoslawien fasst. »Authentisch« Rurales wie Ringtänze mit Tieren finden sich ebenso, doch wollen auch die Menschen vom Volk, das nie einen Krieg führte, urban sein. Celac Király Marcu »vermisst« eine reichere Romasiedlung mit eigentümlicher Kitscharchitektur. Und NSK-Pässe fehlen genau so wenig wie Tanja Ostojic’s Fotoprints »Looking For A Husband With EU Passport«. Überraschend viel Sexualität (begnadet: Irwin porträtiert zum 100. Geburtstag von Jacques Lacan Slavoj Zizek auf einer Couch im Wiener Freud Museum) und »L’Origine Du Monde«, Zoran Naskovskis Video, das eine masturbierende Frau zeigt, stammt eigentlich aus der Galerija Remont – Zeit zum Aufbruch in die Belgiergasse:

Rotors »Balkan Konsulat«
Genauer und detailbezogener ist der Blick des Kunstvereins Rotor, der schon seit Jahren Kunst aus dem südosteuropäischen Raum nach Graz bringt und auch die Feste, die es anlässlich einer Eröffnung zu feiern gilt, stilgerecht mit Performance (im Falle der ersten Konsulateinladung: »Gott liebt die Serben«) und Gast-DJs begeht. Die Reihe »Balkan Konsulat???, die bis März 2004 noch Kunstszenen aus Prag, Istanbul, Budapest, Sarajevo, Wien und St. Petersburg präsentieren wird, streckt wie Zizek den Begriff Balkan und kredenzt zum Auftakt Kuratoren und Künstler der Kunst-Plattform Remont aus Belgrad. In den Räumen von Rotor geht es also kaum um eine Lokalisierung von Herkunft, sondern ganz einfach um aktuelle Kunst aus Belgrad, die sich in Rasa Todosijevic »Hommage an Eduoardo Spoletti«wie in Zsolt Kovac‘ »Painting Develops Supernatural Capabilities« manifestiert. Die restaurant-artige Hinterlassenschaft eines Arbeitsessens korrespondiert mit Fotos von Menschen, die sich springend ein Stück Spaß im Leben erheischen, scheinbar beim Blick auf Bilder einer Ausstellung. Zugabe: Auf einem Video bekreuzigen sich Leute ohne Willen zur Choreografie zu straighter Technomusik. Der Uhrzeiger-Sinn bleibt aber gewahrt. Sinnlich auch eine Annäherungsszene, in der zwei Künstler im Grünen vor dem Belgrader Museum For Contemporary Art zueinanderfinden.

>> www.steirischerbst.at
>> http://kultur.orf.at/musikprotokoll
>> www.latentutopias.at
>> www.minoriten.austro.net
>> www.grazerkunstverein.org
>> www.neuegalerie.at
>> http://rotor.mur.at
>> http://lineinlineout.underground.hu