Hannes Loeschel

»Songs Of Innocence«

Col Legno

Tss, diese Hochkultur! Immer blickt sie hinunter auf den Mainstream, immer will sie sich mit dessen Federn schmücken – im Glauben, man könnte ein Hühnchen rupfen, ohne selbst ein Huhn zu sein. Wovon ich hier überhaupt rede? »Songs Of Innocence« ist ein Gedichtszyklus des gravitätisch-naiven Malerpoeten William Blake, den der österreichische Komponist Hannes Loeschel vertonte – in Form von Popsongs, die irgendwo zwischen Tom Waits, Leonard Cohen und Peter Hammill einen Fu&szlig ins kalte Wasser setzen. Das ist gro&szligartig unterhaltsam und atmet trotzdem ein wenig sterile Krankenhausatmosphäre ein. Eine Operation an einem von vorneherein toten Patienten. Denn um Popsongs zu machen, muss man den Pop schon auch ein wenig leben. Den naiven Gestus von Blakes Gedichten zu nehmen und ihn durch blo&szlig scheinbar naive Melodien (und den schönen Bariton von Phil Minton) zu jagen, verrät am Ende eben doch eine hochkulturelle Herangehensweise. »Doppelbödigkeit« kreischt jeder Ton auf dieser CD. Dass in den Linernotes David Lynch als Taufpate angerufen wird, ist da mehr als stimmig. Aber im Ernst: Einen wahrhaft poppigen William Blake findet man eher in Jim Jarmuschs »Dead Man« oder, wirklich übel, in »Red Dragon«, der dritten Hannibal Lecter Verfilmung. Da bleibt vom Drachen wirklich nur noch das Federvieh – das immerhin nicht mehr gewollt doppelbödig ist, sondern die Blakesche Naivität auf unfreiwillige Weise tatsächlich meint. Sagten wir zuvor, um Pop zu machen muss man Pop leben? Das war gelogen. Pop darf natürlich alles, gerade auch solche CDs machen. Wo kämen wir da hin! Also bitte, alle Hochkultursquerverweise einpacken und ganz naiv in diese Popdoppelbödigkeit reinhören: »What shall I call thee? // I happy am / Joy is my name«.