»Small World«

Das dunkle Geheimnis des Geldadels: Thematisch und ästhetisch bewegt sich Bruno Chiches Bestseller-Verfilmung auf den Spuren Claude Chabrols.

Zu Beginn löst Konrad Lang (Gérard Depardieu), der tragikomische Held der Geschichte, unabsichtlich einen vernichtenden Brand im Feriendomizil der Industriellenfamilie Senn aus. Bald darauf taucht er, der das Ferienhaus hätte hüten sollen, im mondänen Hauptwohnsitz der Senns auf, wo man alles andere als erfreut ist, den schäbig wirkenden, alternden Mann wieder zu sehen. Doch irgendwie gehört der Sohn einer früheren Hausangestellten zur Familie und so beschlie&szligt man, als sich herausstellt, dass Konrad an Alzheimer leidet, ihn in einem Nebengebäude des weitläufigen Anwesens unterzubringen. Simone (Alexandra Maria Lara), die Frau des jungen Senn, kümmert sich besonders um den Kranken. Die Scheinheiligkeit des gro&szligbürgerlichen Clans hat sie in der kurzen Zeit ihrer Ehe schon erkannt – durch die Beschäftigung mit Konrad, der sich plötzlich an seine früheste Kindheit erinnern kann, kommt sie auf dunkle Vorkommnisse in der Vergangenheit der Industriellendynastie.

 

Konventionell ohne Kitsch

»Small World« ist der 1997 erschienene Debütroman des Schweizer Schriftstellers Martin Suter. Der französische Regisseur Bruno Chiche verfilmte den bislang erfolgreichsten Roman Suters konventionell und versetzte die Handlung aus der Schweiz nach Frankreich. Natürlich gibt der Film nur eine verkürzte Fassung des Buchs wieder, doch das ermöglicht die Konzentration auf wenige Figuren und Handlungsstränge. Eine kluge Besetzungspolitik verhinderte, dass die Kinofassung von »Small World« zur Depardieu-One-Man-Show geriet. Françoise Fabian verkörpert das strenge Familienoberhaupt Elvira Senn kongenial. Niels Arestrup wirkt in der Rolle ihres Stiefsohns Thomas, eines in die Jahre gekommenen Playboys, ebenso glaubhaft wie Nathalie Baye als dessen Ex-Frau und Jugendliebe Konrads. Medizinische Aspekte des Verlaufs und der Behandlung der Krankheit bleiben im Gegensatz zum Roman ausgespart. Der Film will keine exemplarische Fallstudie sein, Sensibilisierung oder Betroffenheit für das Thema Demenzkrankheit hervorrufen. Konrad Lang ist ein alternder Mann, der sich immer weniger zurecht findet. Er ist der Familie, bei der er aufgewachsen ist, ein Dorn im Auge. Erinnert er doch in der Welt der Reichen und Schönen an Alter, Verfall und Armut. Da er auch ein Wissender um ominöse Vorgänge in der Vergangenheit ist, stellt er auch eine Bedrohung für die Senns dar.

 

Der bröckelnde Charme der Bourgeoisie

 

Die Darstellung der bröckelnden Fassade der Bourgeoisie in Verbindung mit einer Krimihandlung erinnert an Claude Chabrols Arbeiten. Ähnlich wie bei Chabrol ist trotz kritischer Betrachtung der noblen Gesellschaft der Grundton der Erzählung heiter und zwischendurch sogar ein bisschen poetisch. Etwa, wenn Konrad voller Freude im Schneegestöber tanzt. Man darf sich ihn viel mehr als tollpatschigen Clown als eine tragische Figur vorstellen. Wie erwähnt verwendet Chiche erprobte Elemente und Regeln der Filmgestaltung, er schafft spannende Unterhaltung mit gro&szligen DarstellerInnen. Kitschig und rührselig ist seine Leinwandadaption aber in keiner Weise. Auch ist das Drehbuch etwas weniger »harmoniebedürftig« als die Romanvorlage, in der Simone, nachdem sie ihren untreuen Ehemann verlassen hat, bald die wahre Liebe findet. Im Film verlässt sie die Senns in eine ungewisse Zukunft. Auch in Bezug auf Behandlung und mögliche Heilung von Alzheimer ist der Film wesentlich pessimistischer als Suter in seinem Buch. Der Film endet an einem Grab, Konrad ist unter den Trauergästen. Wer begraben wird, hat er längst vergessen, er erfreut sich am Sonnenschein.

 

»Small World«: Frankreich/Deutschland 2010. Nach dem Roman von Martin Suter. Regie: Bruno Chiche. DarstellerInnen: Gérard Depardieu, Niels Arestrup, Françoise Fabian, Nathalie Baye, Alexandra Maria Lara, Yannick Renier u.a.

 

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