»Resurrection« © Park Circus, Universal

slash 2022 im Rückblick

Wir waren auch heuer wieder beim slash Filmfestival und haben elf Tage lang – von 22. September bis 2. Oktober – die Crème de la Crème des internationalen fantastischen Films inhaliert. Eine Auswahl persönlicher Highlights gibt’s hier.

Von 22. September bis 2. Oktober 2022 geisterte wieder das slash Filmfestival über die Leinwände von Filmcasino, Metro und Gartenbau Kino. Neben dem persönlichen Favoriten »Triangle of Sadness« waren dabei noch einige andere Highlights zu sehen, die in Zukunft hoffentlich auch regulär in den heimischen Kinos landen. Deshalb an dieser Stelle eine auszugsweise Vor- und Rückschau.

»Resurrection« (Andrew Seman, USA 2022)

»Sadists never understand why other people don’t enjoy their sadism«, belehrt die toughe Businessfrau Maggie ihre junge Praktikantin und bekräftigt sie darin, ihren Ungustl von Boyfriend in die Wüste zu schicken. Da ahnt man noch nicht, dass sie nicht irgendeinen Lebensratgeber zitiert, sondern aus Erfahrung spricht und selbst nur mit knapper Not aus einer sadistischen Beziehung entkommen ist. Als ihr einstiger Liebhaber David unvermutet wieder in ihrem Leben auftaucht und versucht, sie abermals unter seine Kontrolle zu bringen, sieht sie sich in der Zwickmühle zwischen dem Wunsch, sich und ihre Tochter zu beschützen, und der vermeintlichen Sicherheit gelernter Unterwerfungsmechanismen. Doch bei allem Gaslighting unterschätzt David vielleicht die Kraft mütterlicher Instinkte. Andrew Semans unter die Haut gehender Psychothriller »Resurrection« eröffnet nach der Premiere beim Sundance das diesjährige Slash Filmfestival mit dieser düsteren Charakterstudie mit Rebecca Hall und Tim Roth in den Hauptrollen.

»Piggy« (Carlota Pereda, ES 2022)

»Cerdita«, also »Schweinchen«, wird Fleischertochter Sara von Gleichaltrigen gerufen, die sie täglich wegen ihres Übergewichts auf dem Kieker haben. Und das sind noch die sanfteren Töne auf der Bullying-Skala, die von öffentlicher Demütigung bis zu sexuellen Übergriffen und körperlicher Gewalt reicht. Man beobachtet die Hauptfigur in Carlota Peredas Film mit zunehmender Frustration und Aggression, einerseits wegen der permanenten Quälerei, aber andererseits auch wegen der passiven Opferrolle von Sara, die nicht den Mut oder die Kraft aufbringt, um sich gegen ihre Peiniger*innen zur Wehr zu setzen – bis sie von unerwarteter Seite Unterstützung erhält und sich entscheiden muss, ob sie ihre Menschlichkeit zugunsten eines blutigen Rachefeldzugs auf der Strecke lässt. Eine Entscheidung, die man als Zuschauer*in vielleicht anders getroffen hätte.

»Sick of Myself« (Kristoffer Borgli, NO/SE 2022)

»Alle Leute starren mich an«, beschwert sich Signe, als ihr im Schickimicki-Restaurant ein Geburtstagskuchen serviert wird. Was wir zu diesem Zeitpunkt noch nicht wissen: Man kann ihr wohl kein schöneres Geschenk machen, denn AUFMERKSAMKEIT ist Signes Droge. Ihr Künstler-Boyfriend Thomas steht ihr in Punkto Geltungssucht um weniges nach, doch im Konkurrenzkampf um öffentliche Anerkennung ist Signe bereit, die Extrameile zu gehen, und das ist mehr als eine vorgetäuschte Nussallergie. Wie einige Genrefilme der jüngeren Generation thematisiert »Sick of Myself« von Kristoffer Borgli den Drang zur Selbstdarstellung in Zeiten von Self-Optimization und Personal Branding. Dass er das nicht mit erhobenem Zeigefinger tut, sondern mit einer gehörigen Portion Humor und (Selbst-)Ironie, macht den Charme dieser Bodyhorror-Komödie aus. Und seien wir uns ehrlich: Ein bisschen Signe steckt doch in jedem von uns …

»Moloch« (Nico van den Brink, NL 2022)

Wer Angst davor hat, irgendwann wie die eigene Mutter zu werden, findet in dem niederländischen Film »Moloch« ausreichend Futter für diese Phobie. In der Folkhorror-Fabel hat eine in der Nähe des Torfmoors lebende Familie mit einem Fluch zu kämpfen, der speziell die weiblichen Familienmitglieder trifft – die junge Witwe Betreik, ihre Tochter Hanna und ihre etwas schrullige Mutter Elske – und der von Generation zu Generation weitergegeben wird. Vielleicht plastischer, als man sich’s vorstellen mag. Regisseur Nico van der Brink schafft in seinem Langspielfilmdebüt eine haarsträubend bedrohliche Atmosphäre, in der die Gefahr von allem und jedem ausgehen kann, sei es das kleine Mädchen im Krankenhaus oder der eigene Vater, der im Wald plötzlich Stimmen hört … Plot-Twist: Manchmal ist es wirklich besser, den Dingen ihren Lauf zu lassen.

»Medusa Deluxe« (Thomas Hardiman, UK 2022)

Dass es sich auch am letzten Tag des slash Filmfestivals noch auszahlt, ins Kino zu gehen, beweist der diesjährige Surprisefilm »Medusa Deluxe« des britischen Regisseurs Thomas Hardiman, ein Whodunit-Kammerspiel epischen Ausmaßes vor dem Hintergrund einer Hairdressing-Competition. Als ein Teilnehmer tot – und noch schlimmer: skalpiert – aufgefunden wird, heißt es für die Konkurrenz: Don’t lose your head – or your hair! Denn Stück für Stück entspinnen sich die Konstellationen zwischen den einzelnen Parteien und dabei kommt nicht nur die eine oder andere Kellerleiche ans Tageslicht, sondern es werden auch mehr und mehr Mordmotive sichtbar. Wer’s war und warum, verraten wir natürlich nicht, so viel sei aber gesagt: Dank dem beeindruckendsten One-shot seit »1917« wird einem die Murder Mystery keine Sekunde langweilig und man bleibt bis zuletzt gespannt an seinen Kinositz gefesselt wie die Haarmodelle an ihre Frisierstühle.

Ein Wiedersehen mit dem slash Team gibt es in Kürze beim nach zwei Jahren Pause endlich wieder stattfindenden slash Xmas am 15. Dezember 2022 sowie beim slash ½ von 4. bis 6. Mai und beim kommenden slash Filmfestival von 21. September bis 1. Oktober 2023, alle Infos dazu auf https://slashfilmfestival.at.