Sigrid Horn

»I bleib do«

Baader Molden Recordings

Sigrid Horns aktuelles Album ist nach »Sog i bin weg« bereits ihr zweites als Soloartist, davor hat die Mostviertlerin jahrelang bei der Band Wosisig gesungen und mit Poetry Slam experimentiert. Inzwischen ist Horn nach mehreren Anläufen auch Gewinnerin des Protestsongcontests (2019) mit dem Song »Baun«, indem sie die Verbauung und Zersiedelung vor allem im ländlichen Raum scharf kritisiert. Die gelernte Gymnasiallehrerin (Musik und Spanisch) hat ihren Brotberuf an den Nagel gehängt, um sich ganz ihrer Musik widmen zu können. Nach aktuellem Stand war diese riskante Entscheidung goldrichtig. Immerhin konnte die 30-Jährige ihr aktuelles Opus schon in keinem geringeren Musiktempel als der grandiosen Hamburger Elbphilharmonie im Rahmen eines Austria-Songwriting-Specials Anfang März dieses Jahres präsentieren. Live wechselt Horn, die in einem charmanten Mostviertler Dialekt singt und spricht, von der Ukulele zum Keyboard. Instrumentalen Support bekommt Horn von Bernhard Scheiblbauer und Sarah Metzler (Harfe, Mini-Akkordeon, Ukulele). Im Allgemeinen sind Horn-Songs eher in Moll getränkt (aber nicht ertränkt!). Umso überraschender ist der Song »Radl«, der mit seinem tänzelnden Rhythmus und seiner Dur-Lastigkeit live besonders gut angekommen ist, und bei dem Horn gezweifelt hat, ob sie diesen überhaupt auf das Album nehmen sollte. »Radl« entstand zum 60. Hochzeitstag ihrer Großeltern und erzählt in schlichten, poetischen Worten die Liebesgeschichte von Oma und Opa. Mit den Worten »He, los mi dei Radl schiam« beginnt eine große Liebe, die bis heute anhält. Das erstaunliche Video zu »Radl«, mit Schwarzweiß-Fotos der Großeltern, hilft bei der Imagination und macht das Stück noch eindringlicher. Neben dem persönlichen Glück der Großeltern wird hier auch eine Art sozialdemokratische Erfolgsgeschichte angedeutet. Mit dem sich einstellenden Erfolg sollen sich auch Horns nagende Zweifel darüber, ob sie als Bühnenpersona überhaupt geeignet sei, gelegt haben. Ganz im Gegenteil hat sie live sogar das Talent, das Publikum regelrecht in ihren Bann zu ziehen, wie es der Autor dieser Zeilen selbst beim Popfest 2019 (indoor) und sogar beim Wiener Volksstimmefest erleben konnte. Einzelne Songs aus diesen meist eher spartanisch arrangierten Stücken herauszupicken fällt nicht leicht. In so gut wie jedem Song ist der Versuch maximaler Wahrhaftigkeit erlebbar, und das ist schon verdammt viel. Ob seiner speziellen Dramatik und Harmonik ist »Ripn« ein Song, der sofort hängenbleibt, nicht zuletzt wegen der Zeile »I reiß ma mei Herz aus die Rippen, tua mas flicken, tua mas flicken«. Ein gewisser Grundoptimismus und jede Menge Energie schwingt in so gut wie allen der meist eher ruhigen, filigranen Stücke deutlich mit. Von Sigrid Horn ist noch einiges zu erwarten, ihre beiden Alben sind weit mehr als eine Talentprobe. Einwenden könnte man, dass »I bleib do« gänzlich humor- und schmähbefreit daherkommt. Anderseits wirft ja auch niemand z. B. der großartigen Stina Nordenstam vor, sie würde zu wenig Schmäh führen. Weiter so!