Sigh

»Shiki«

Peaceville

Zurückhaltung ist die Tugend aller guten Songwriter*innen. Auch das beste Lied kann durch ein 5-minütiges Solo ruiniert werden. Was Sigh jedoch zur Meisterschaft getrieben haben, ist eine selektive Reduktion, die Exzesse ermöglicht. In ihrem 33-jährigen Bestehen haben sich die Japaner*innen um Mirai Kawashima einen Namen dadurch gemacht, den Metal der 1980er als Basis zu nehmen und andere Genres aufzupfropfen. Damit dieser Ansatz funktioniert, ist seit dem wegweisenden »Hail Horror, Hail« (1997) immer ein anderes Element in den Hintergrund getreten. So hat »In Somniphobia« (2012), vielleicht eines der besten Alben der letzten Dekade, relativ basale Gitarren-Parts, um albtraumhaften Jazz- und Renaissancemusik-Arrangements Platz zu machen. Während das Ergebnis manchmal als »Avantgarde Metal« beworben wird, verortet Kawashima sein Songwriting gerne in der Tradition der Beatles. Demgegenüber ist »Shiki« geradezu herkömmliches Metallwerk, das sich an den Konventionen von Thrash- und First-Wave-Black-Metal orientiert. Nach dem Abgang ihres bisherigen Gitarristen wurden mit Frédéric Leclercq (Kreator) und Mike Heller (Fear Factory) zwei prominente Gastmusiker engagiert. Diese steuern einige der besten Motive und Rhythmen bei, die sich in Sighs 33 Jahre überspannender Diskographie finden. Doch auch erstklassige Abschnitte können zu viel Raum einnehmen. Das 8-minütige »Kuroi Kage« etwa bietet halsbrecherische Riffs und elaborierte Drum-Fills. Es ist der langweiligste Song, den die Band seit 1995 veröffentlicht hat. Auf »Satsui – Geshi no Ato« hingegen stimmt alles. Die mit einer Sitar ornamentierte Celtic-Frost-Hommage entlockt mir jedes Mal eine physische Fight-or-Flight-Reaktion – ein Jahreshighlight. Alles in allem ist »Shiki« ein gutes Album, dessen immenses Potenzial spürbar ist. Dieser Phantomschmerz macht es zu einer frustrierenden Erfahrung.