DEATHDEATHDEATH © Sophie Frank, Grafik: Kathi Arnecke

Salon skug mit DEATHDEATHDEATH, Mme Psychosis, skug Talk & DJ-Line

Am 10. Mai 2022 ab 20:00 Uhr gibt’s wieder großartige Musik zum Mitzittern für alle, die gerne an die Innenseite ihres Hirnkastens klopfen. Dazu endlich, endlich, endlich unseren skug Talk zum Thema »Klassenkampf persönlich nehmen« für die seelische Befreiung im vom Sein bestimmten Bewusstsein.

Der skug Talk des nächsten Salons wurde schnittige drei Mal verschoben und die Gründe fassen die aktuelle (Welt-)Lage ganz gut zusammen. Zwei Mal waren es das wiederkehrende Virus und die dadurch bedingten Lockdowns, einmal – im vermeintlich virussicheren Sommer – wurde nie dagewesener Starkregen angekündigt und erstmals ein Open-Air-Salon abgesagt. Als aufgeklärte Mitdenker*innen vermutet niemand bei skug den Zorn höherer Mächte, die Verschiebungen belegen einfach, wie schwierig mittlerweile alles geworden ist. Umso mehr freuen wir uns, dass es nun endlich klappen wird.

Das ist dein Leben

Das Gefühl, es laufe eine Menge schief, nicht nur aktuell, sondern eigentlich schon seit Längerem, ist vermutlich allgemeine Befindlichkeit. Nur, gibt es brauchbare Deutungen für das Schlamassel? Lässt es sich überhaupt verbindlich beschreiben, in einer Weise, dass nicht sogleich die Meisten sagen: »Nö, bei mir ist das anders …«? Diese gemeinsame Beschreibung, sie mag diskursiv, dialektisch und widersprüchlich sein, wäre nämlich ziemlich wichtig für einen möglichen gemeinsamen Kampf. Ansonsten bleibt nur das mehr oder minder gute Auskommen auf gewissen, eigenen Identitätsinseln. Aber was wäre denn der große gemeinsame Kampf? Tatarataaa Fanfarenklang … und Stille. Hmmm, echt schwierig zu beantworten. Ein Blick in die Geschichte: Selbst die konservativsten Ökonom*innen räumen ein, dass es Mitte des 19. Jahrhunderts diesen gemeinsamen Kampf gegeben hat. Eine kohärente und gut verständliche Erklärung der damaligen Veränderungen in der Wirtschafts- und Arbeitswelt wurde von Marx & Co. geliefert. Kurzversion: Es habe was mit »Kapitalismus« zu tun – so, jetzt ist das böse Wort gefallen – und es konnte damals nicht nur die Genese des Elends beschrieben werden, sondern auch glaubhafte Lösungsansätze, wie dies zu überwinden sei. Pro-Tipp: »Klassenbewusstsein entwickeln«.

Eineinhalb Jahrhunderte und mehrere große Pandemien später ist der Anfangsschwung ein bisschen verpufft. Pervers sich auftürmender Reichtum einerseits und immer schamlosere Ausbeutung andererseits lassen sich 2022 diagnostizieren wie 1848. Aber Gespenster gehen kaum mehr um. Eher hat man sich irgendwie an die Hobgoblins in den Chefsesseln gewöhnt (»Unser Elon, ein wilder Typ!«). Die Vokabel »Klassenkampf« wirkt verstaubt. Wenige wollen sich dazu bekennen. Es habe eine »Verbürgerlichung der Sozialdemokratie« gegeben und ähnliche Überlegungen werden angestellt. Aber halt, es geht um dich, Genoss*in! Wie sieht dein Leben aus? Wie schlägst du dich durch und warum reden wir nie darüber? Warum verdrängen wir den Klassenkampf, der damals wie heute wütet? Denn gelöst wurden die Klassenkonflikte ja wohl kaum. Dann würden wir ja nicht (fast) alle für immer weniger Geld immer mehr und schlechter abgesichert arbeiten.

Klassenkampf persönlich nehmen

Es sei ja gar nicht so schlimm, sagen sich viele gerne, während die Stirn an die gläserne Decke schlägt. Das Leugnen geht damit einher, das eigene Leben marktkonform zu machen. Hackeln bis zum Umfallen und nicht mehr richtig Zeit finden, solidarisch zu sein, sind Alltagshinweise für verdrängten Klassenkampf. Und der »Klassismus« arbeitet gern klandestin. Wem von Kindesbeinen an signalisiert wird, sie oder er gehöre nicht dazu, gibt sich irgendwann selbst die Schuld. Gelobt noch »besser« zu werden, noch härter zu arbeiten, um dann in der Reihe zu stehen, an der Thomas Schmid (Ex-ÖBAG und anerkannter Chat-Profi) naserümpfend vorbeigeleitet wird.

Eine ganze Anzahl von Publikationen macht da nicht mehr mit und gedenkt, den Klassismus in das aufklärerische Licht zu heben, in das er gehört:

  • Drehli Robnik (Hg.): »Klassen sehen. Soziale Konflikte und ihre Szenarien«, Münster: Unrast, Juni 2021 (Die skug Besprechung findet sich hier.)
  • Francis Seeck & Brigitte Theißl (Hg.): »Solidarisch gegen Klassismus – organisieren, intervenieren, umverteilen«, Münster: Unrast, April 2021
  • Betina Aumair/Brigitte Theißl (Hg.): »Klassenreise – Wie die soziale Herkunft unser Leben prägt«, Wien: ÖGB-Verlag, November 2020

Drei Sammelbände somit, gut gefüllt mit politischem und aktivistischem Wissen. Bei uns im skug Talk diskutieren Herausgeberin Brigitte Theißl und Herausgeber Drehli Robnik sowie die Ausgaben-Autorin Gabu Heindl und der Klassenkampf-erfahrene skug-Autor Peter Kaiser (nein, nicht der Landeshauptmann …) eigene Erfahrungen mit Klasse und die anstehenden (hoffentlich) gemeinsamen Kämpfe, die angesichts nicht überwundener Pandemie, Ukraine-Krieg, der daraus folgenden Teuerungskrise und der immer gruseligeren Klimakatastrophe genügend aktuellen Gesprächsstoff bieten. Denn es wird wirklich Zeit, dass wir den Klassenkampf persönlich nehmen.

MUSIKMUSIKMUSIK, bis die Schizologie einfährt

Übergänge sind im Salon bekanntlich geschmeidig. Vom Panel springt Drehli Robnik an die Plattenteller und liefert »Klassenkampf-thematisch einschlägige Musik«. All jenen, die im vergangenen Salon-Programm ein Muster erkennen und sich voreilig den Nietengürtel umschnallen, sei außerdem gesagt: Diesmal spielt es tatsächlich Musik – mit mehr als drei Akkorden! Schließlich knicken Iros traurig ein, wenn DEATHDEATHDEATH die Bandmaschine anwirft. Der Wiener Irgendwas-mit-Kunscht-Machatschek und Drummer der Hymnenhyänen von Baits skandiert in seinem Namen nicht ohne Grund die dreifache Dosis Vergänglichkeit. Für seinen Sound drehen Portishead drei Runden am Hernalser Friedhof und stolpern über die Gebeine von Ernst Happel und drei Dutzend Indie-Rockern, die FM4 vor zehn Jahren in der Rotation vergessen hat. Wem da nicht vor Freude das Herzerl bumpert, verdingt sich als Berufsjugendlicher in Skinny Jeans.

Angesprochene monologisieren schon mal prophylaktisch für zwei Stunden weiter, weil Mme Psychosis nie ihren David Foster Wallace gelesen hat. Dafür verbrachte sie ihre Kindheit über schwarzen Tasten, um später am Synthi von den Autogrillern Euroteuro bamboocha zu sein. Mittlerweile hat Psychosis ihr Repertoire um einen Drumcomputer und ein Mikrofon erweitert, was in Kombination zur heiligen Dreifaltigkeit für zerschnittene Oberflächen führt – das Gegenstück zur aristokratischen Tragödie, wo die Absenz der Präsenz noch so etwas wie Gruselfaktor für vom System entfremdete Seelen der Nacht bietet. Was das alles bedeutet? Keine Ahnung. Beim Salon skug am 10. Mai 2022 ab 20:00 Uhr im rhiz werden wir’s herausfinden. Wir freuen uns auf euch!