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Da(s) ist Klasse!

Der von Drehli Robnik herausgegebene Band »Klassen sehen – Soziale Konflikte und ihre Szenarien« versammelt Texte, die dem Nicht-Sehen-Wollen von Klassenverhältnissen Paroli bieten. Klasse Lektüre.

»Dass Klasse als Kategorie der Analyse und Interpretation wiederkehrt, ist noch relativ neu, ein wenig ungewohnt. Class is back. Dabei war sie nie weg (wie auch?)«, konstatiert Drehli Robnik in der Einleitung. Klassenlos war noch nie ein gesellschaftlicher, allzu oft aber der diskursive Zustand. Für manche bedurfte es erst der Pandemie, um soziale Ungleichheit, somit auch Klassenverhältnisse, wieder ins Blickfeld zu bekommen. Und einige sahen sich vielleicht zum ersten Mal selbst in Chats dem klassistischen Spott der verrohten Bürgerlichkeit, die nicht »wie der Pöbel« in der Economy Class zu reisen gedenkt, ausgesetzt. Und das in einer Gesellschaft, in der doch alle normalitätsprivilegierte »Mitte« sein wollen. Wenn es die Spezialität der bürgerlichen Ideologie ist, sich als vermeintlich unideologisch unsichtbar zu machen, dann liegt »das Klassenhafte, auch der Klassenkampf, der Mittelschicht gerade im Leugnen von Klasse«. Und das schon konzeptuell, denn »bei Mittelklasse denken viele eher an Autos«, wie Robnik in seinem Beitrag »Class is us: Zur Filmwahrnehmung von Klasse und Kampf« pfiffig anmerkt.

Klass(e)ifizierungen

Die Beiträge von Ruth Sonderegger, Markus Tumeltshammer und Jens Kastner be- und hinterfragen die gängigen Klassenein- und ausschlüsse in Wissenschaft und Kunst. Wo Innovations- und Kreativitätsimperative den Ton angeben, schaffen es nur die Klassenbesten, sich zu behaupten. Und wer dabei nicht auf Bildungs- und sonstiges Erbe der familialen Herkunft zählen kann, muss für die soziale Mobilität umso mehr selbstoptimierende Leistungen vollbringen. Ruth Sondereggers Artikel »Multiple Klass(e)ifizierungen in der (kunst-)universitären Bildung« thematisiert u. a. die Studie »Art.School.Difference«, die sich kritisch mit »Ungleichheiten und Normativitäten« an drei Schweizer Kunsthochschulen auseinandergesetzt hat. »Im Widerspruch zur Leugnung der ökonomischen Dimension ihres Felds affirmieren sowohl Lehrende als auch Studierende von Kunsthochschulen ökonomische Logiken wie Konkurrenz, Wettbewerb und Vermarktlichung ziemlich uneingeschränkt.« Die »mysteriöse Währung Exzellenz« stehe in der »Gemeinschaft der Talentiertesten« hoch im Kurs.

Da braucht es natürlich auch den passenden, also exzellenten Lebenslauf. Markus Tumeltshammer beschäftigt sich in »Selbst-Klassifizierungen und ihr Beschweigen« mit den Selbstthematisierungen in CVs. Wer seine Arbeitskraft marktkonform fit präsentieren will, gleich ob im akademischen Bereich oder im Niedrigstlohnsektor, hat das strategische Spiel zu verstehen, was er*sie von sich preist, preisgibt und was eben nicht: »Das verbreitete silencing im CV […] steht dem Sehen von Klasse entgegen.« Steigender Druck auf Arbeitssuchende – Zumutbarkeitsgrenzen ausdehnen, Arbeitslosengeld kürzen –, kurbelt zwar nicht wirklich die Wirtschaft, sehr wohl aber die »Eindruckserzeugung am Arbeitsmarkt« so richtig schön an.

Jens Kastner untersucht in »Klasse als Kampfbegriff: Zur Klassenausblendung (in) der bildenden Kunst« deren problematische Rolle »als Spezialbereich der Sehverhältnisse«, der »zur Unsichtbarkeit und damit auch zur Nicht-Repräsentation von Klasse, speziell der Arbeiter*innenklasse«, beigetragen hat. Doch gerade weil sich dabei ein kulturpessimistischer Eindruck des Kunstfeldes, »in dem Individualismus und Eitelkeit strukturelle Charakteristika sind«, abzeichnet, lässt sich Kastner auch zu einem emphatischen Bekenntnis hinreißen, das auch uns (pop-)linken »Kunstverliebten« aus der Seele spricht: »Wir, die wir an die Kunst glauben, insofern wir uns mit ihr abgeben, kommen nicht umhin, auch an ihre Rolle im Klassenkampf zu glauben: und zwar nicht nur an die reproduzierende, Herrschaft stabilisierende, sondern auch an die transformatorische und emanzipatorische!«

Sag’ mir, wo du wohnst

Auch »Kämpfe um Wohnraum sind Klassenkämpfe«, wie Gabu Heindl zu Beginn ihres Beitrags »Klasse, Mitte, Masse: Aspekte einer massengeschneiderten Wohnbauplanung« feststellt. In den Wohnverhältnissen haben sich die Klassenverhältnisse je nachdem un-/bequem eingenistet. Und ein Lebenslauf mit oder ohne kreditwürdiges Einkommen kann bei der Wohnungssuche über neues Heim oder alte Bleibe entscheiden. Heindl spürt der Wohnbauplanung des historischen Roten Wien nach, um Lehren für Gegenwart und Zukunft daraus zu ziehen: »Eine massengeschneiderte Planung erkennt an, dass es um viele geht, nimmt dieser Orientierung aber die Standardisierung sowie das Sparsamkeits- und Armuts-Moment; sie zielt im Gegenteil in Richtung Luxus für alle […].«

Dem Anspruch der Texte, nicht nur klassenherrschaftskritische Analyse zu bieten, sondern auch Perspektiven zu eröffnen, wird Heindl besonders gerecht. Dazu ein bemerkenswertes Beispiel: Auf den Fassaden der für das Proletariat errichteten Gemeindebauten prangt stolz in roten Lettern: »›Erbaut von der Gemeinde Wien aus den Mitteln der Wohnbausteuer in den Jahren …‹« Werden wir als Ergebnis einer Umverteilung jemals lesen können: »›Ermöglicht durch die Gemeinde Wien in den Jahren XX–YY aus den Mitteln der Erbschaftssteuer.‹«?

Hoch die intersektionale Solidarität!

Die Autor*innen sind sich berechtigterweise darin einig, dass das Sehen von und das Reden über Klassen keineswegs zu bedeuten hat, die anderen Identitäts- bzw. Differenzkategorien außer Acht zu lassen. Und das ist noch immer keine selbstverständliche Positionierung. Denn anstatt intersektional das Zusammenwirken von hierarchischen Machtstrukturen nach Klasse, Geschlecht, Ethnizität, Sexualität etc. aufzuklären, wird in unschöner Regelmäßigkeit Sozial- gegen sogenannte Identitätspolitik ausgespielt; »auch in einem liberalen Intellektuellendiskurs, der sich für links hält, wenn er dem Phantasma frönt, ein Übermaß an Gender-Sternchen und Transpersonen-WCs hindere ›uns‹ daran, endlich von Ausbeutung zu sprechen. Solch ein Diskurs erörtert gern seine Gender-Phobien – und eher selten Fragen von Ausbeutung.« An welche Feuilletongrößen Robnik dabei wohl gedacht hat? Das eine zu diskreditieren, um das andere erst gar nicht ernsthaft thematisieren zu müssen, nützt bekanntlich nur den Kräften, die den Status quo der »alten Normalität« konservieren wollen.

Allerdings hielten sich auch Inszenierungen, die dem proletarischen Klassenbewusstsein auf die Sprünge helfen sollten, nicht so gerne mit vermeintlichen »Nebenwidersprüchen« auf. In »Video mit Klasse« zeigt Renée Winter u. a. anhand einer genauen Analyse des Videoprojekts »Arbeiter machen Fernsehen« – 1979 in einer Fabrik im steirischen Mürzzuschlag mit durchwegs DIY-emanzipatorischen Absichten umgesetzt –, welche Ausblendungen dabei gemacht worden sind: »Die zur Erhaltung der (männlichen) Arbeitskraft notwendige Reproduktionsarbeit kommt nur begrenzt ins Bild: [Arbeiter] Rudis Ehefrau bereitet Frühstück und Mittagessen zu. Diese Arbeitsteilung wird nicht thematisiert, sondern als gegeben angenommen. … Das vom Videoprojekt (auf-)gesuchte und generierte Arbeitersubjekt ist weiß und österreichisch – analog zur Perspektive der Gewerkschaften auf die von ihr vertretenen Subjekte. Obwohl die Migrant*innen in ähnlichem Ausmaß wie österreichische Staatsbürger*innen gewerkschaftlich organisiert waren …«

Habitus bleibt hartnäckig

Ob Rudi stets sein Bier trank und SPÖ wählte? Oder später Jörg Haider seine Stimme gab und auch zum Rotweinglas griff; gefüllt mit »altem Bestand«, auf den Robnik in der Einleitung mit Blick auf das Cover verweist? »Geschmack klassifiziert – nicht zuletzt den, der die Klassifikationen vornimmt«, lautete Pierre Bourdieus Einsicht in »Die feinen Unterschiede« (im Original ebenso wie das Video 1979 erschienen). Klassengrenzen werden nicht nur ökonomisch, sondern stets auch ästhetisch, kulturell festgelegt. Und das hat wiederum eine politische Dimension.

Habitus bleibt hartnäckig, Jargon aber auch. Insofern ist es der Lektüre von »Klassen sehen« freilich nicht abträglich, von Bourdieu, good ol’ Marx, Étienne Balibar oder Silvia Federici schon mal was gelesen zu haben. Dennoch gelingt es den Autor*innen insgesamt stimmig, den jeweiligen Szenarien mit pointierten Zitaten und Referenzen beizukommen, ohne dabei die Diskursebenen überzustrapazieren. Mit der Detailverliebtheit und den popkulturellen Verweisen, die Robnik in den von ihm diskutierten Filmen findet, arbeitet er in seinen Texten ja selbst gerne. So eröffnen sich auch für Leser*innen, die (so wie ich) Jordan Peeles »Get Out« und »Us« noch nicht gesehen haben, lebendige Zugänge über Fußnoten, in denen das »Mercenarische« in Spaghettiwestern oder Black-Flag-Shirts angesprochen werden: My style, my class, my war.

Drehli Robnik (Hg.): »Klassen sehen – Soziale Konflikte und ihre Szenarien«, Unrast Verlag 2021, 152 Seiten, € 12,80

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