»Rebels Of The Neon God« © Central Motion Picture Corp.

Sadismus, Saufen und Stehlen für den neonfarbenen Gott

Die diesjährige Berlinale zeigt den taiwanesischen Klassiker »Rebels Of The Neon God« von Tsai Ming-liang. Der Film ist von 1992, aber nichtdestotrotz äußerst aktuell und sehenswert, nicht nur wegen seiner fantastischen Bilder.

Der taiwanesische Originaltitel des Films, »青少年哪吒« (»Ching shao nien na cha«), bedeutet so viel wie »Teenage Nezha«. Nezha ist der Name eines Gottes in der klassischen chinesischen Mythologie, der eine kindliche, ungehorsame und impulsive Figur darstellt, die in eine menschliche Familie geboren wurde und nun versucht, den eigenen Vater umzubringen (Stichwort: Ödipus). In der Legende kann der Vater sein Kind mit einem Miniaturtempel kontrollieren, den er von Nezhas spirituellem Mentor, einem taoistischen Unsterblichen, erhält. Im Film wird dies auf verschiedene Art und Weise dargestellt: Auf der einen Seite durch Hsiao, dessen Mutter aus Verzweiflung einen Priester aufsucht, der in ihrem Sohn eine Reinkarnation ebendieses Nezha sieht. Auf der anderen Seite durch die beiden Kleinkriminellen Tze und Ping, die gestohlenes Geld in einen bunt leuchtenden Spieltempel bringen und damit dem »Neon God« huldigen. Zugleich ist es ein Film über einen Jungen, Hsiao Kang, der aus Langeweile und Frust in die Kriminalität abgleitet und sich Tze und Ping mehr oder weniger anschließt, nachdem er Tze dabei beobachtet, wie er seinem Vater, einem Taxifahrer, mit einem Kantholz den Rückspiegel zerschmettert. Nur manchmal, dann aber richtig, rastet er aus, spielt den Clown, wird zum Wahnsinnigen.

»Rebels Of The Neon God« © Central Motion Picture Corp.

Regisseur Tsai Ming-liang ist manchen wegen seines letzten Langspielfilms »Stray Dogs« (2013) ein Begriff. Doch bereits in seinem Erstling »Rebels Of The Neon God« zeigt er sein Können, das im Gespür für stilvoll eingesetzte Metaphorik und ausdrucksvolle Bildsprache sichtbar wird. Die Tristesse der Stadt und des Alltags der Heranwachsenden findet ihren Ausdruck in der alles durchziehenden Feuchtigkeit durch Regen, verstopfte Abflüsse usw. Es wird ungemütlich, nicht nur in den vier Wänden, aus denen auszubrechen es jeden jungen Menschen im besten Falle so sehr reizt. Dem Genre des Coming-of-Age-Cinemas setzt Tsai Ming-liang hiermit zugleich ein Denkmal: Emanzipation vom Vater, Ödnis des Alltags, sinnlose Wut, die in Sadismus endet, Verrohung, Verwahrlosung, Desinteresse, Langeweile. Und das vor allem als Reaktion auf die Umgebung, diese fürchterliche, kaltherzige, am Individuum nicht interessierte. Nur die Eltern nicht, aber die wollen ja immer nur das Beste für einen und das ist genau das, was man nicht will, denn oft sind es nur wieder ihre eigenen Neurosen, die sie an ihren Kindern ausleben. Nichts Neues, das, aber auch nichts Veraltetes, denn Eltern gibt es immer wieder und das kapitalistische Grunddilemma ist stets aktuell. Die Suche nach Sinn in einer sinnlosen Welt ist also in der Regel recht aussichtslos und endet im Chaos oder in triftigen Entscheidungen. Was zu den mitunter selbstzerstörerischen Entscheidungen der Protagonist*innen führt, zeigt dieser Film auf schöne Art und Weise.

Link: https://www.berlinale.de/de/programm/berlinale_programm/datenblatt.html?film_id=201910958